Konjunktur Monate des Glücks

Selten in den vergangenen Jahren war die Lage der deutschen Wirtschaft so gut wie derzeit. Aktiengesellschaften zahlen Rekorddividenden, das Geschäftsklima hat den grünen Bereich erreicht, und sogar die Verbraucher lassen sich nun zu größeren Einkäufen hinreißen. Deutschlands Volkswirte sind verblüfft - auch über ihre eigenen Prognosen.
Von Karsten Stumm

Hamburg - Deutschland schöpft Hoffnung: Die Verbraucher in der Bundesrepublik kommen in Kauflaune. Trotz des hohen Ölpreises und der weiterhin angespannten Lage am Arbeitsmarkt seien unsere Mitbürger derzeit so zuversichtlich wie zuletzt vor der Einführung des Euro Ende 2001, hat das Nürnberger Marktforschungsinstitut GFK  ermittelt. Auch die Bereitschaft zu größeren Anschaffungen habe stark zugenommen, und erstmals wollen offenbar auch die Ostdeutschen im Schnitt deutlich mehr Geld ausgeben als zuletzt.

Weiterhin skeptisch beurteilen die Verbraucher indes ihre persönliche Einkommenssituation. Die Bundesbürger seien unsicher, mit wie viel Geld sie künftig aus der gesetzlichen Rentenversicherung rechnen können und wie hoch ihre Zuzahlungen für Arztbehandlungen und Arzneimittel bald ausfallen werden. Zudem sorgten die hohen Strom- und Gaspreise für unerwartete Löcher in den Haushaltskassen, vor allem aber der aktuell ungewöhnlich hohe Benzinpreis.

Die Bundesbürger sind deshalb auch nicht blind in Kaufstimmung geraten. Sie machen offenbar lieber jetzt größere Anschaffungen als zu Beginn kommenden Jahres, aus Angst vor der angekündigten Mehrwertsteuererhöhung zum Jahreswechsel - und das zu Recht: Die geplante Anhebung der Mehrwertsteuer wird die stärkste Steuererhöhung in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland. Internationale Wirtschaftsforscher sagen deshalb für 2007 einen harten Rückfall der deutschen Konjunktur voraus.

Aufbruchstimmung im Zwischenhoch

Soweit ist es allerdings noch nicht. Erst gestern berichtete das Münchener Ifo-Institut für Wirtschaftsforschung, dass viele deutsche Firmen in einer außergewöhnlich guten Geschäftslage steckten und noch besseren Aussichten hätten. Die Kombination aus aktueller Lageeinschätzung und Zukunftserwartungen der Unternehmen ist derzeit offenbar so günstig wie seit dem Vereinigungsboom im Jahr 1991 nicht mehr.

Hoffnung auf einige weitere gute Wirtschaftsmonate macht speziell der deutsche Maschinenbau. Die Unternehmen der Branche haben in den vergangenen zwölf Monaten 13 Prozent mehr Auslandsafträge erhalten als vor Jahresfrist. Vor allem aber legten die Orders aus dem Inland um rekordverdächtige 22 Prozent zu. Und ein ähnliches Bild zeigt sich erneut für die ersten drei Monaten des laufenden Jahres: Die Aufträge aus dem Ausland stiegen um 15 Prozent verglichen mit dem entsprechenden Vorjahreszeitraum, die Inlandsorders zogen aber um 18 Prozent an. Experten werten das als sicheres Zeichen, dass eine bedeutende Zahl deutscher Unternehmen wieder in das eigene Geschäft investiert.

"Der hohe Auftragseingang könnte für eine Trendwende im Inland stehen", kommentiert Dieter Brucklacher den aktuellen Stand, Präsident des Verbandes Deutscher Maschinen- und Anlagenbau.

Kein Wunder dann auch, dass derzeit so viele Ingenieure gesucht werden wie seit Jahren nicht mehr. Nach Angaben des Vereins Deutscher Ingenieure (VDI) sei die Zahl freier Stellen verglichen mit dem Vorjahr um 30 Prozent gestiegen. "Gleichzeitig nahm die Arbeitslosenzahl für Ingenieure um 25 Prozent ab", sagt VDI-Direktor Willi Fuchs.

Die Malaise der Prognostiker

Die Malaise der Prognostiker

Das aber ist nicht mal mehr eine Sonderkonjunktur des Maschinenbaus, der deutschen Paradebranche. Die Statistiker des Bundeswirtschaftsministeriums haben vielmehr nachgerechnet, dass Deutschlands eifrig produzierendes Gewerbe im Februar dieses Jahres insgesamt kräftig zugelegt hat. Die Produktion sei saisonbereinigt um 1 Prozent zum Vormonat gewachsen. Volkswirte hatten nur mit einem leichten Plus von 0,3 Prozent gerechnet.

Jetzt schöpfen selbst die zähesten deutschen Krisenbranchen Hoffnung. Die Baufirmen und der Einzelhandel erwarten im Schnitt erstmals seit vielen, vielen Jahren und Monaten deutlich bessere Geschäfte. "Und schon die momentane Geschäftslage wurde von den Unternehmen des Bauhauptgewerbes erheblich positiver bewertet als im Vormonat", berichtet Gebhard Flaig, Vorstand des Ifo-Instituts für Wirtschaftsforschung.

Nach Insiderangaben werden auch die führenden deutschen Wirtschaftforschungsinstitute in ihrem gemeinschaftlichen Konjunkturgutachten ihre bisherige gute Wirtschaftslageeinschätzung durch eine bessere ersetzen; das Gutachten wird morgen veröffentlicht. "Die binnenwirtschaftlichen Auftriebskräfte werden neben dem weiterhin starken Export zum zweiten Standbein der Konjunktur. Mit einem Quäntchen Glück wächst die deutsche Wirtschaft in diesem Jahr um 2 Prozent", sagt schon jetzt Reinhard Kudiß, Konjunkturexperte des Bundesverbandes der deutschen Industrie (BDI). Und die Konjunkturforscher der Dresdner Bank stellen für dieses Jahr ab sofort sogar ein Wirtschaftsplus in Höhe von 2,2 Prozent in Aussicht.

Das halten offenbar auch Börsenexperten für möglich. Die Aktienkurse der bedeutendsten deutschen Börsenunternehmen haben seit Anfang dieses Jahres deutlich an Wert gewonnen. Der deutsche Aktienleitindex Dax  etwa legte von 5400 Indexpunkten zu Jahresbeginn auf derzeit rund 6080 Zähler zu.

Der lästige Ölpreis

Damit wird allerdings auch deutlich, wie weit selbst renommierte Wirtschaftsforschungsinstitute in den vergangenen Monaten mit ihren Vorhersagen für die deutsche Konjunktur danebenlagen. Noch im September vergangenen Jahres senkte zum Beispiel das Institut für Weltwirtschaft (IfW) in Kiel seine Prognose für das Wirtschaftswachstum der Bundesrepublik im Jahr 2006 von zuvor 1,3 auf 1,1 Prozent. Das aber ist nahezu die Hälfte des tatsächlichen Wirtschaftswachstums, das sich nach Expertenmeinung mittlerweile abzeichnet.

"Wir geraten mit unseren Prognosemodellen ein wenig in Schwierigkeiten, wenn der Marktpreis für Rohöl kräftig steigt", sagt Carsten-Patrick Meier gegenüber manager-magazin.de zur Begründung, Konjunkturexperte des Kieler Weltwirtschaftsinstituts. Denn die hohen Ölzahlungen der Industrieländer nutzen die Ölförderstaaten immer öfter, um damit sofort wieder Maschinen und Dienstleistungen einzukaufen, und zwar in den Industriestaaten. Steigt der Ölpreis, muss die Bundesrepublik deshalb nicht unbedingt darunter leiden. "Diesen Zusammenhang schätzen wir in seiner Stärke offenbar noch nicht richtig ein", sagt Meier.

Zudem machen den Forschern offenbar die Angaben vieler Unternehmen über ihre eigenen Geschäftserwartungen Probleme. Sie liegen nicht selten meilenweit von dem entfernt, was dann einige Monate später eintritt. Genau das passierte auch jetzt wieder: Meiers Forscherkollegen vom Münchener Ifo-Institut mussten zuletzt mit ansehen, wie die gemessene Wirtschaftslage ein Niveau erreichte, dass die zuvor ermittelten Zukunftserwartungen einfach überflügelte.

"Wir bewegen uns im Moment wie ein Autofahrer im starken Regen voran, der immer nur ein paar Meter weit sehen kann", sagt IfW-Konjunkturfachmann Meier.

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