Ölpreis Furcht und Knappheit

Die Angst vor Förderausfällen wichtiger Opec-Staaten wird immer größer: Der Ölpreis erreicht Rekordstände – und droht weiter zuzulegen. Selbst Profis haben sich kräftig verspekuliert.
Von Karsten Stumm

Hamburg - Öl ist so teuer wie selten zuvor. Ein einziges 159-Liter-Fass der Nordseesorte Brent war heute zeitweilig nicht billiger als für 69,59 Dollar zu haben. Das sind 82 Cent mehr als am Vortag. Kein Sonderfall: Auch der US-Ölpreis legt weiter zu. Ein Barrel (159 Liter) der bedeutendsten amerikanischen Ölsorte West Texas Intermediate kostete zuletzt 69,20 Dollar und damit 46 Cent mehr als zu Handelsschluss am Montag.

Damit ist der Rohstoff Öl nicht nur ähnlich teuer, wie zu seinem bisherigen Rekordstand im August vergangenen Jahres. Experten glauben auch ähnliche Gründe für den Preisauftrieb auszumachen.

Ende August 2005 zerstörten Wirbelstürme in Amerika nicht nur wichtige Ölförderplattformen im Golf von Mexiko, sondern auch Raffinerien an der US-Küste. Zu allem Überfluss vermochten die wichtigsten Ölförderländer der Welt den Ausfall kaum noch auszugleichen. Sie pumpten bereits so große Mengen des klebrigen, schwarzen Rohstoffs an die Erdoberfläche, dass selbst für die Förderstaaten des Ölkartells Opec kaum noch mehr drin war. "Die Reservekapazität der Opec war nahezu ausgeschöpft, und das trieb den Preis", sagte Deutsche-Bank-Öl-Experte Joser Auer. Damit aber gleicht die Situation damals der aktuellen.

"Die Produktionskapazitäten stoßen weltweit noch immer an ihre Grenze, doch die Ölnachfrage steigt weiter. Und noch immer gibt es nicht genug Investitionen in zusätzliche Ölanlagen, deren zusätzliche Lieferungen für eine Entspannung sorgen könnten", sagt Sandra Ebner zu manager-magazin.de, Rohstoffanalystin bei der Deka Investment, der Fondstochter der Sparkassen. "Und genau in dieser Lage reagieren einige Marktteilnehmer hektisch auf die Medienberichte vom Wochenende zum Atomkonflikt mit dem Iran", ergänzt Rohstoffexperte Victor Shum von der Energieberatungsgesellschaft Purvin and Gertz.

Angeblich denken Amerikas Militärs über den Einsatz von Nuklearwaffen gegen Atomanlagen im Iran nach. Dann aber würden die Öllieferungen dieses wichtigen Opec-Förderstaates ausfallen und erneut für Knappheit an den Ölmärkten sorgen. Im vergangenen Jahr wurden im Iran immerhin rund 220 Millionen Tonnen Öl gefördert, das entspricht ungefähr dem gemeinsamen Jahresverbrauch von Großbritannien und der Bundesrepublik. Zusammen fördern die Opec-Staaten derzeit etwa 2,7 Millionen Barrel pro Tag.

"Ich halte es durchaus für möglich, dass der Iran seine Ölförderdrohung wahr macht. Sie ist in der momentan angeheizten Stimmung zum Mittel in der zentralen politischen Frage des Landes geworden, seines Atomprogramms", sagt Martin Beck, Wissenschaftler des Deutschen Orient-Instituts in Hamburg gegenüber manager-magazin.de. Allein die Angst davor reicht offenbar, um den Preis für den Rohstoff hoch zu halten: Der Energieriese British Petroleum rechnet für 2006 mit hektischen Preisschwankungen um den Stand von ungefähr 60 US-Dollar je Barrel", sagte der stellvertretende Chef-Ökonom von BP, Christof Rühl dem "Handelsblatt".

Deka-Expertin Ebner geht noch weiter. "Ich rechne bis zum Sommer sogar mit weiteren Preisanstiegen und heftigen Preisspitzen, denn auf den Markt kommen Probleme zu: In Amerika beginnt bald die Reisezeit, in der üblicher Weise erheblich mehr Benzin verbraucht wird als im Rest des Jahres. Und wir nähern uns den Monaten, in denen vermehrt Wirbelstürme Schäden anrichten - wie beispielsweise im vergangenen August der Wirbelsturm Katrina in Amerika."

Damit allerdings haben sich eine ganze Reihe Ölhändler kräftig verspekuliert. Noch vor zwei Wochen setzten nicht wenige auf fallende Ölpreise, doch dann durchkreuzte eine neue Meldung ihre Rechnung: Amerikas Benzinvorrat sank in den vergangenen Wochen wider Erwarten - und die Wette auf sinkende Ölpreise war verloren. "Wer daneben lag musste seine Verkaufspositionen glatt stellen und angesichts der angespannten Situation auf dem Ölmarkt stattdessen auf steigende Preise setzen. Das gibt dem aktuellen Ölpreisanstieg natürlich zusätzliche Dynamik", sagt Deka-Expertin Ebner.