Enron Bühne frei für "Kenny-Boy"

Nach zehn Wochen Gerichtsverhandlung treten erstmals die beiden letzten Chef des ehemaligen amerikanischen Energieriesen und Skandalkonzerns Enron in den Zeugenstand. Es wird ihr großer Auftritt: Sie sprechen zu ihrer eigenen Verteidigung.

New York - Manchmal entlädt sich die Spannung eines Strafprozesses auf seltsamste Weise. Vorige Woche zum Beispiel, beim Betrugsverfahren gegen Ken Lay und Jeff Skilling, die beiden letzten Top-Manager des Konkurskonzerns Enron: Da brach Verteidiger Daniel Petrocelli auf dem Gerichtsflur in Houston plötzlich in fröhlichen Singsang aus. "Monday, Monday!", trällerte der Anwalt - der nervige Blumenkinder-Schlager der sechziger Jahre.

Den sang Petrocelli nicht von ungefähr. Denn ab heute schlägt im Jahrhundertprozess um den größten Wirtschaftsskandal in der Geschichte der USA, den Milliardenkollaps des Energiekonzerns Enron Ende 2001, die Stunde der Wahrheit.

Nach dem Bankrott des einst siebtgrößten US-Konzerns hatten Tausende Beschäftigte ihren Arbeitsplatz, Milliarden Dollar in den Pensionskassen der Mitarbeiter waren verloren. Die Enron-Aktien stürzten von einstmals mehr als 80 Dollar plötzlich bis auf wenige Cent ab. Jetzt steht "der große Showdown" bevor, wie ein Beobachter formulierte: Lay und Skilling, die zuletzt die Zügel bei Enron in Händen gehalten hatten, treten nach zehn Wochen eines oft quälenden Gerichtsverfahrens endlich zu ihrer eigenen Verteidigung in den Zeugenstand.

Für Lay, den Ex-Chef, und Skilling, den ehemaligen Präsidenten, ist dies das Endspiel. Die einzige Chance, das Ruder noch herumzureißen in einem Prozess, in dem so ziemlich alles gegen sie gelaufen ist. Ihre Worte "werden die Aussagen aller Zeugen in den Schatten stellen", ahnt der Anwalt Christopher Bebel.

Ein kalkuliertes Risiko, doch das Vorhaben kann nach hinten losgehen: Sind die beiden Ex-Manager den Geschworenen unsympathisch, ist ihr Schicksal schnell besiegelt. Bernard Ebbers, der Ex-Boss von Worldcom, kann davon ein Lied singen: Der ließ sich in seinem Betrugsprozess ins Kreuzverhör nehmen - und wurde verurteilt. Lay - vormals spendabelster Finanzier von US-Präsident George W. Bush und von diesem "Kenny-Boy" genannt - und Skilling werden einiges zu erklären haben. Zum Beispiel, wie Enron im Oktober 2001 auf einmal 638 Millionen Dollar Quartalsverlust anmelden konnte.

Wie viel sie von den illegalen "Partnerschaften" wussten, in denen Finanzchef Andrew Fastow Abermillionen Dollar versteckte und in die eigene Tasche schaufelte. Wie der Aktienkurs in einem Jahr von 85 Dollar auf einen Dollar stürzen konnte. Warum Lay sich selbst noch kurz vor dem finanziellen "Crash and Burn" des Konzerns ein Firmendarlehen über eine Million Dollar gab.

Lay und Skilling behaupten, sie hätten von den dunklen Machenschaften hinter den gläsernen Fassaden der Enron-Wolkenkratzer in Houston keine Ahnung gehabt. Doch mit einer Parade von Zeugen hat die Staatsanwaltschaft ziemlich erfolgreich das Gegenteil nahe gelegt.

Unter Tränen

Unter Tränen

Mark Koenig, einst Abteilungsleiter für Investor Relations, sagte aus, die Angeklagten hätten gewusst, dass die Umsätze oft in letzter Minute "geändert" worden seien, um die Wall Street bei Laune zu halten. Daran hielt er auch fest, als ihn die Verteidigung so ins Kreuzverhör nahm, dass er fast zu weinen begann. Kenneth Rice, der die Broadband-Abteilung mitleitete, beschuldigte Skilling, Analysten und Investoren belogen zu haben. Vorstandssekretärin Paula Rieker schnaubte, Ken Lay habe "Enron wie einen verdammten Geldautomaten benutzt".

Kronzeuge der Anklage war aber Ex-Finanzchef Fastow, der sich schon 2004 schuldig bekannt hatte und derzeit eine zehnjährige Haftstrafe verbüßt. Fastow berichtete detailliert über die illegalen "Partnerschaften" - Scheinfirmen, in denen die enormen Schulden und Verluste des Konzerns vergraben wurden.

In hitzigen Wortwechseln mit Verteidiger Petrocelli beharrte auch er, Lay und Skilling hätten von den Finanzproblemen gewusst und seien an deren Vertuschung beteiligt gewesen. Fastows Auftritt gab dem ganzen Verfahren den Hauch einer Shakespeare-Tragödie: Einst war er Skillings Protegé - jetzt belastete er ihn schwer.

An den Fakten bestehen längst keine Zweifel mehr: Enron war eine "tickende Zeitbombe", so die Staatsanwaltschaft, die eines Tages unweigerlich hochgehen musste. Nicht nur Fastow wurde deshalb bereits separat verurteilt, sondern unter anderem auch der frühere Enron-Schatzmeister Ben Glisan und Chef-Buchhalter Richard Causey. Lay und Skilling sind jedoch die größten - und letzten - Angeklagten in diesem historischen Fall, der als "Mutter aller US-Wirtschaftsskandale" gilt.

Seit Wochen bereitet die Verteidigung ihre Mandanten auf die Zeugenaussagen vor. Lay gilt als der stärkere Protagonist in eigener Sache, er wirkt umgänglich und war bis zuletzt auf dem sinkenden Schiff Enron geblieben, während sich Skilling rechtzeitig absetzte. Am Ende aber kommt vieles, wie oft in solchen Fällen, aufs momentane Erscheinen an, auf Charme, Brillanz und Wortgewalt unter dem Sperrfeuer der Fragen.

Die Verteidigung ist zumindest guter Hoffnung: "Monday, Monday", so die erste Strophe des Songs, den Anwalt Petrocelli sang, "so good to me, Monday, Monday, it was all I hoped it would be."