Thilenius-Kolumne Der Schmerz kann noch kommen

Die US-Notenbank Fed hat wie erwartet die Leitzinsen in den USA auf 4,75 Prozent erhöht. Trotzdem hat sich inzwischen eine inverse Zinskurve ergeben. Diese Inversion gilt als Signal für eine bevorstehende Rezession. Der weitsichtige Anleger sollte jetzt Gewinne mitnehmen.

Eine inverse Zinskurve war im Jahr 2000 zu sehen, vor der letzten Rezession und für kurze Zeit im Jahr 1998, während der Asienkrise. 1998 war das einzige Mal in den vergangenen 30 Jahren, dass einer inversen Zinskurve keine Rezession in den USA gefolgt ist. Da der Rest der Welt in der Regel den Entwicklungen in den USA folgt, dürfte eine Rezession dort auch auf andere Länder und Aktienmärkte ausstrahlen.

Wenn nun eine inverse Renditekurve fast immer einer Rezession vorausgeht, ist der Aktienmarkt ein guter Frühindikator. Er steigt und fällt vor der realen Wirtschaft. Falls die US-Wirtschaft in die Rezession gerät, wird der Aktienmarkt wie immer fallen.

Die Ausnahme im Jahr 1998 hat vielleicht keine Rezession nach sich gezogen, aber sie fiel im September/Oktober jenes Jahres mit einem Kursrückgang von 22 Prozent im Dow Jones  und dem Höhepunkt der Russland- und Hedgefondskrise zusammen. Vielleicht gibt es noch einige andere Ausnahmen, aber nicht viele. Die Wahrscheinlichkeit spricht für eine Rezession und einen Kursrückgang am Aktienmarkt.

Der neue Fed-Chef Ben Bernanke sagt nun, dass eine inverse Renditekurve nicht notwendigerweise in einer Rezession enden muss. Er sieht auf die wirtschaftlichen Daten, die für die überschaubare Zukunft tatsächlich gut aussehen. Er glaubt, dass es viele Gründe für eine inverse Renditekurve gibt, wie etwa, dass die hohen weltweiten Ersparnisse die Zinsen niedrig halten und das Stabilitätsversprechen der Fed, das heute eher ernst zu nehmen ist als in früheren Zyklen. Außerdem ist das Zinsniveau allgemeinen niedriger als in früheren Phasen, als inverse Renditekurven eine Rezession ankündigten. Daher sagen einige Leute: "Dieses Mal ist es anders."

Dies sind jedoch die fünf teuersten Worte bei der Geldanlage.

Natürlich haben wir es mit Wahrscheinlichkeiten und nicht mit Sicherheiten zu tun. Aber wenn eine Wahrscheinlichkeit sehr hoch ist, ist es auch wahrscheinlich, dass der Markt entsprechend reagiert. Wir müssen die wirtschaftlichen Daten nicht näher betrachten, als dass der Aktienmarkt als der beste Frühindikator gilt, und den verfolgen wir sehr sorgfältig.

Wir hatten 15 Zinserhöhungen, was normalerweise zu irgendeiner Finanzkrise führt, bisher aber noch nicht. Die Zinserhöhungen haben jedoch die inverse Renditekurve erzeugt. Es kann schon sein, dass die kurzfristigen Zinsen jetzt da sind, wo sie in einem normalen Konjunkturverlauf hingehören. Trotzdem bedeutet eine inverse Renditekurve, dass es günstiger ist, Geld auf kurze Frist zu verleihen als für eine lange. Und es ist besser für den Kreditnehmer, "langes" Geld als "kurzes" aufzunehmen.

Die 15 Zinserhöhungen sind nicht typisch für einen Zinszyklus. Ein typischer Zyklus liegt dann vor, wenn die Fed die Zinsen so lange erhöht, bis es anfängt, weh zu tun. An dem Punkt sind wir noch nicht. Der Schmerz kann aber noch kommen.

Als Konsequenz wird der weitsichtige Anleger in den nächsten Monaten bis Juli Gewinne mitnehmen und auf die Kaufgelegenheit voraussichtlich im November oder zu Anfang 2007 warten.