Bahnindustrie Trendwende erst nach 2000

Der Preisverfall in der Bahnindustrie sei "immer noch dramatisch", sagte der Präsident des Verbandes der Deutschen Bahnindustrie. Die Deutsche Bahn will mit Milliardeninvestitionen in den ICE der Luftfahrt Paroli bieten.

Berlin - Die mit Preisverfall und Überkapazitäten kämpfende deutsche Bahnindustrie muß sich bei der Ertragsentwicklung noch auf eine längere Durststrecke einstellen. Der Strukturwandel reicht über das Jahr 2000 hinaus, sagte der Präsident des Verbandes der Deutschen Bahnindustrie, Peter Witt, am Dienstag in Berlin. Erst nachdem nicht kostendeckende Altaufträge abgearbeitet seien, werde die Industrie auf "wirtschaftlich besseren Gleisen" rollen. Rainer Kehl vom Fachverband der Elektrobahnen sagte, die Restrukturierung sei aber auch dann noch nicht abgeschlossen. Bahn-Chef Johannes Ludewig kündigte unterdessen an, den ICE-Verkehr ausbauen und Marktanteile gegenüber dem Luftverkehr gewinnen zu wollen.

Im Zusammenhang mit dem umstrittenen Transrapid-Projekt bekräftigte Kehl, daß die beteiligten Hersteller überlegten, einen Teil der Magnetschwebebahn zwischen Hamburg und Berlin aus Kostengründen nur einspurig zu bauen. Entsprechende Ideen würden derzeit geprüft und durchgerechnet. Mit den möglichen Einsparungen sollten die Kosten in die Nähe der vom Bund zugesagten 6,1 Milliarden Mark gedrückt werden. Beide Verbände äußerten sich einen Tag vor der in Berlin beginnenden internationalen Schienentechnikmesse "Innotrans" und der Konferenz zum Hochgeschwindigkeitsverkehr "Eurailspeed" (bis 30. Oktober).

Siemens-Manager Kehl bezifferte den Weltmarkt für Schienenverkehrstechnik auf rund 50 Milliarden Mark. Während das jährliche Wachstum in Stückzahlen bis zum Jahr 2005/6 rund sieben Prozent betragen dürfte, werde der Umsatz wegen des anhaltenden Preisverfalls nur um durchschnittlich drei Prozent steigen. Der Preisverfall habe sich verlangsamt, sei aber "immer noch dramatisch". 1997 erzielte die deutsche Bahnindustrie einen Umsatz von 11,7 Milliarden Mark. In Europa werde unverändert ein Zuwachs von ein bis zwei Prozent und in Asien und Amerika von acht Prozent erwartet.

Die Branche schiebe derzeit ein Auftragsvolumen von 27,6 Milliarden Mark vor sich her. Dies entspreche der Produktion von zweieinhalb Jahren. Die Deutsche Bahn habe große Optionen etwa für den neuen ICE 3 und den Hochgeschwindigkeitszug mit Neigetechnik ICT noch nicht ausgenutzt. Sollten diese Optionen nicht eingelöst werden, sei eine Beschäftigungslücke zu befürchten, sagte Witt. Derzeit beschäftigt der Industriezweig in Deutschland rund 32.000 Mitarbeiter.

Ludewig sagte, die Deutsche Bahn AG (Berlin) wolle mit Milliardeninvestitionen in neue ICE-Strecken und mit kürzeren Fahrzeiten der Luftfahrt Paroli bieten und mehr Reisende gewinnen. "Wir streben Fahrzeiten zwischen den Ballungszentren von rund drei bis maximal dreieinhalb Stunden an". Erst dann gebe es eine reale Chance, daß ein "signifikanter Teil" der Reisenden zur Bahn wechsele. Bis zum Jahr 2002 würden in das ICE-Schienennetz 35 Milliarden Mark investiert. Langfristig könnte etwa die Hälfte des Fernverkehrs mit dem ICE abgewickelt werden. Derzeit seien es 30 Prozent.

Ludewig kündigte an, daß als Konsequenz aus dem ICE-Unglück von Eschede bei Wartung und Instandsetzung die Sicherheitsstandards an die der Luftfahrt angepaßt werden sollen.

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