US-Zinsentscheidung Wie weit geht Bernanke?

Am Dienstagabend galt die Aufmerksamkeit vor allem einem Mann: Ben Bernanke. Der US-Notenbankchef hat Amerikas Leitzins angehoben. Wie viele Zinssschritte wird Bernanke jetzt noch gehen?

Hamburg - Es war die erste entscheidende Sitzung unter seiner Leitung. Und soviel galt schon zuvor als sicher: Der neue US-Notenbank-Chef Ben Bernanke würde es sich nicht nehmen lassen, den Märkten zu demonstrieren, dass er die Inflationsgefahren in der weltgrößten Wirtschaftsmacht ernst nimmt. Die Marktbeobachter sollten Recht behalten:

Bernanke hat am Dienstagabend Amerikas Leitzins um 25 Basispunkte auf 4,75 Prozent angehoben. Es war die 15. Zinsanhebung in Folge. Die entscheidende Frage lautet nun: Wie viel Zinsschritte wird Bernanke noch gehen?

Aufschluss erhofften sich die Investoren von der Begründung der US-Notenbank (Fed). Dass die Fed die Passage von weiteren Anhebungen in ihrem Kommentar ganz streichen würde, hatten Ökonomen im Vorfeld der Zinsentscheidung nicht erwartet. Die "Fünf vor dem Komma" werde man sehr wahrscheinlich noch sehen, hieß es unter Fed-Beobachtern. Auch die Entwicklung an den Terminmärkten deutete bereits darauf hin.

Allerdings hatten einige Marktteilnehmer darauf spekuliert, dass die Währungshüter ihre Formulierung entschärfen und damit ein Ende der Zinserhöhungen andeuten könnten. So weit ging der Offenmarktausschuss der Fed aber nicht und ließ die Märkte weiter in Unsicherheit darüber, wann der im Juni 2004 eingeschlagene Weg maßvoller Anhebungen beendet sein wird.

Fed rückt US-Konjunktur stärker in den Fokus

Noch stärker als in der Vergangenheit werde die Fed künftig die Option weiterer Zinsschritte nun von der Konjunkturentwicklung abhängig machen, heißt es unter Kennern der US-Notenbank. Die jüngsten Daten zeichneten hier eher ein gemischtes Bild. Dem rückläufigen Verbrauchervertrauen im Februar und zuletzt leicht fallenden Auftragseingängen steht nach wie vor ein robuster Arbeitsmarkt gegenüber.

Vor allem aber dürften die Währungshüter die Inflation und den Immobilienmarkt im Auge haben. Hier scheint sich etwas zusammenzubrauen. So sank die Zahl der Neubauverkäufe im Februar gegenüber dem Vormonat um 10,5 Prozent und befand sich damit auf dem niedrigsten Niveau seit Mai 2003.

Sollte die Hausbautätigkeit weiter zurückgehen und die Preise für Eigenheime weiter fallen, könnte dies für die Notenbank ein Signal sein, ihren Zinsstraffungszyklus womöglich früher zu beenden. Denn ein zunehmender Preisverfall ihrer überwiegend auf Pump finanzierten Immobilien dürfte die US-Bürger dazu veranlassen, sich beim Konsum deutlich einzuschränken. Das wäre Gift für die Konjunktur in den USA, die nach wie vor zu einem überwiegenden Teil vom privaten Verbrauch abhängt.

Seinen jüngsten Auftritt am Montag vergangener Woche hatte der Notenbanker allerdings dazu genutzt, ein vergleichsweise optimistisches Bild von der US-Konjunktur zu zeichnen. Die flache Zinsstrukturkurve sei aus seiner Sicht auch kein Vorbote dafür, dass der US-Wirtschaft eine Schwächeperiode bevorstünde.

Verdrehte Anleihewelt gibt Rätsel auf

Die Sache mit der Zinsstrukturkurve

Unter einer Zinsstrukturkurve versteht man für gemeinhin eine Kurve, deren Verlauf die Höhe des Zinssatzes bei unterschiedlichen Laufzeiten widerspiegelt. Sie wird wie folgt konstruiert: In einem einfachen Koordinatensystem wird auf der Abzisse (also der waagerechten X-Achse) die Laufzeit und auf der Ordinate (also die vertikalen Y-Achse) die Höhe der Fälligkeitsrenditen von Anleihen abgetragen. Die Verbindung der einzelnen Punkte ergibt die so genannte Zinsstrukturkurve.

Was Experten vor allem interessiert, ist die Steilheit dieser Kurve. Letztere wird Lehrbüchern zufolge als Differenz der Fälligkeitsrenditen zwischen lang und kurz laufenden Anleihen berechnet.

Verdrehte Anleihewelt

Schon seit einigen Monaten verläuft diese Kurve nun sehr flach. Das heißt, selbst extrem lang laufende Anleihen werfen ihren Anlegern keine nennenswert höheren Renditen ab als zum Beispiel Geldmarktpapiere. Im Februar war die Kurve zeitweilig "invers" verlaufen, wie es Experten formulieren. Das heißt, zehnjährige Anleihen rentierten vorübergehend sogar schwächer als zweijährige Papiere.

Das ist bemerkenswert, denn für gewöhnlich fordern Anleger einen Ausgleich für das größere Investmentrisiko, dass sie ihr Geld langfristig anlegen - und zwar in Form höherer Zinsen.

In der Theorie gelten flache Zinskurven als Anzeichen einer Wirtschaftsabschwächung und der inverse Verlauf einer Kurve als möglicher Vorbote einer Rezession. Im Umkehrschluss wiederum könne eine steile Zinskurve ein Hinweis darauf sein, dass die Konjunktur weiter anzieht.

Bernanke gilt im Grunde als ein Anhänger dieser Theorie, zumal sie in der Vergangenheit durch zahlreiche empirische Befunde belegt worden ist. Mittlerweile aber soll der ehemalige Wirtschaftsprofessor und Geldtheoretiker die Auffassung vertreten, dass diese Theorie an Prognosequalität und Aussagekraft verloren habe. Mit dem möglichen Zweckdenken eines in die reale Geldpolitik überwechselten Akademikers habe dieser scheinbare Gesinnungswandel aber wenig zu tun, schreibt die "Züricher Zeitung".

Vielmehr stelle sich für den Fed-Chef die Frage, ob die gegenwärtige Einwirkung auf die Zinskurve wirklich von Faktoren wie der Inflations- und Konjunktureinschätzung geprägt wird oder ob strukturelle Faktoren derzeit wichtiger seien. Zu solchen strukturellen Faktoren gehört etwa die Nachfrage von Lebensversicherern und Pensionsfonds nach langfristigen Anleihetiteln, mit denen diese Risiken in der Altersvorsorge absichern wollen.

Zugleich steht das hohe Haushalts- und Handelsbilanzdefizit der USA zur Debatte, das die USA durch einen hohen Kapitalimport ausgleichen müssen. Dabei seien es insbesondere asiatische Zentralbanken, die ihre hohen Zahlungsbilanzüberschüsse vorwiegend in amerikanischen Staatsanleihen horteten und somit die Renditen über ihre Nachfrage "künstlich" niedrig halten. Jüngste Nachrichten über die enormen Fremdwährungsreserven vor allem von Japan und China scheinen das zu bestätigen.

Beide Faktoren ließen sich in einer Art Theorie des "globalen Sparüberhangs" diskutieren. Der US-Notenbankchef Bernanke sehe darin nun die entscheidende Erklärung für das von seinem Vorgänger Greenspan thematisierte "Bondrätsel". Das Rätsel nämlich, dass eine zweijährige Verschärfung der US-Geldpolitik die Zinsen am langen Ende kaum beeinflusst zu haben scheint, schreibt die "Züricher Zeitung".

Bernanke hat seine Sichtweise dieses Markträtsels nicht erklärt. Wohl aber, dass er vorerst noch kein Ende der strafferen Geldpolitik sieht: "Der Ausschuss geht davon aus, dass weitere Straffungen der Geldpolitik notwendig sein dürften, damit sich die Risiken für die Erreichung eines nachhaltigen Wachstums und für die Preisstabilität weiter in etwa die Waage halten", hieß es am späten Dienstagabend nach der Zinsentscheidung.

Ökonomen gehen nun mehrheitlich davon aus, dass die US-Notenbank am 10. Mai ein weiteres Mal die Leitzinsen auf dann 5,00 Prozent anheben wird. Wie es dann weitergeht, weiß vermutlich noch nicht einmal Bernanke selbst. Läuft er mit weiteren Zinsanhebungen doch Gefahr, die Konsumfreude seiner Landsleute und damit zugleich die US-Konjunktur abzuwürgen.

Verwandte Artikel