Euronext/Deutsche Börse "Den Atem der Amerikaner im Nacken"

Getrieben von den mächtigen US-Börsen bahnt sich eine Mega-Fusion der Frankfurter Börse und der Euronext an. Die Regierungen in Berlin und Paris geben grünes Licht. Hürden und Vorbehalte gibt es nach wie vor. Doch der Druck zur Einigung ist enorm hoch.
Von Andreas Nölting, Lutz Reiche und Rita Syre

Hamburg/Frankfurt am Main - In den vergangenen Jahren haben die großen europäischen Börsenplätze immer wieder den Versuch unternommen, einen echten europäischen Player zu schaffen, der der übermächtigen Konkurrenz aus Übersee annähernd das Wasser reichen kann. Mal mehr oder weniger geschickt suchte man das Gespräch, es wurde ausgelotet, verhandelt, gefeilscht und letztlich dann doch wieder alles verworfen. Nicht ohne Ironie ist, dass jetzt ausgerechnet eine US-Börse die lang erhoffte Konsolidierung der europäischen Börsenlandschaft entscheidend vorantreibt.

"Das Übernahmeangebot der Nasdaq für die Londoner Börse  hat den Konsolidierungsdruck unter den europäischen Börsen enorm verstärkt. Die Deutsche Börse  und Euronext  werden jetzt zügig eine Lösung finden müssen", sagt Olaf Kayser von der Landesbank Rheinland-Pfalz (LRP) am Mittwoch im Gespräch mit manager-magazin.de.

Hedgefonds halten seit geraumer Zeit nennenswerte Anteile an den Börsen in Frankfurt und Paris. Sie befürworten seit langem eine Fusion. Zwar heißt es offiziell aus Paris, man werde nach dem Gebot der Nasdaq "die Lage weiter beobachten". Die meisten Experten halten derlei Aussagen aber für Wortgeplänkel.

"Die Option London-Paris stellt sich nicht mehr"

"Die Option London-Paris stellt sich nicht mehr", sagt Konrad Becker vom Bankhaus Merck Finck im Gespräch mit manager-magazin.de. Sollte die Euronext die Offerte der New Yorker Technologiebörse Nasdaq für die London Stock Exchange (LSE) überbieten, sei dies unter ökonomischen Gesichtspunkten jedenfalls nicht mehr zu vertreten. "Die Hedgefonds werden das auch nicht mitmachen", ist LRP-Experte Kayser sicher.

Auch von politischer Seite scheint man einer Fusion der Börsenplätze Frankfurt und Paris keine Steine in den Weg legen zu wollen. Bundeskanzlerin Angela Merkel und Frankreichs Staatspräsident Jacques Chirac hatten am Dienstag eine mögliche Fusion der beiden Börsen als "ein interessantes Projekt bezeichnet".

"Die Euronext muss jetzt Farbe bekennen"

Für viele Beobachter ist das überraschend. Hatte Frankreich bei anstehenden Unternehmensübernahmen in der Vergangenheit doch immer wieder eine nationalistische Industriepolitik betrieben, sagt Kayser. Und noch vor ein paar Wochen hieß es aus dem Pariser Regierungspalast, die Euronext sei ein strategisches Unternehmen von nationalem Interesse. Chiracs jüngste Aussage könnte man in diesem Zusammenhang gar nicht hoch genug einschätzen, sagt Analyst Becker. "Jetzt kann sich die Euronext nicht mehr hinter der Politik verstecken, jetzt muss sie Farbe bekennen", sagt auch LRP-Kollege Kayser.

"Amerikaner würden den Laden platt machen"

Jenseits der deutlich höheren Synergieeffekte, die eine Fusion der Börsen Paris und Frankfurt erbringen würde, spricht noch ein anderes Argument für diese Allianz.

Die Hürden einer Fusion

Sollte womöglich die New York Stock Exchange (Nyse) für eine europäische Börse bieten, was angesichts jüngster Äußerungen des Nyse-Managements nicht auszuschließen sei, dann "kaufen die den Laden und machen den platt", wie ein anderer Branchenexperte im Gespräch mit manager-magazin.de drastisch formuliert. Frankfurt oder Paris seien dann nur noch "Befehlsempfänger". "Verglichen mit dieser Variante ist für beide ein Zusammengehen das kleinere Übel", meint auch Analyst Becker.
Harte Verhandlungen stehen bevor

Gleichwohl: Die Hürden für eine Fusion sind nicht zu unterschätzen und dürften nach Einschätzung von Beobachtern noch zu harten Verhandlungen zwischen Frankfurt und Paris führen.

Das betrifft zum einen kartellrechtliche Fragen. Der Euronext gehört seit vier Jahren die Londoner Derivatebörse Euronext Liffe. Nach der Eurex, einem Gemeinschaftsprojekt der Deutschen Börse AG und der Schweizer Börse SWX, ist Liffe der zweitgrößte Terminmarkt der Welt. Bei einer Fusion würden Paris und Frankfurt den europäischen Derivatehandel komplett dominieren. Francioni wie Théodore argumentieren allerdings, dass der Derivatemarkt ein globaler ist, die Produktpalette von Liffe und Eurex unterschiedlich sei und auch der OTC-Handel berücksichtigt werden müsse.

Aber auch im Kassamarkt und bei der Abwicklung hätten sie dann laut Becker eine dominierende Position. Andere Experten messen dieser Frage aber eine geringere Bedeutung zu, da die Kassamärkte noch weitgehend nationale Märkte sind. Die Kartellwächter der Europäischen Kommission dürften hier dennoch ein gehöriges Wort mitzureden haben und auf die Abspaltung einiger Geschäftsbereiche dringen.

Paris spielte Kartellfragen schon einmal durch

Das scheint man auch in Paris so zu sehen. Wie manager-magazin.de am Dienstag aus Finanzkreisen erfahren hat, soll es bereits Anfang des Jahres Gespräche gegeben haben, in deren Verlauf beratende Investmentbanken und Juristen auf Euronext-Seite die kartellrechtliche Frage sehr lange diskutiert hätten. Die Juristen seien zu dem Schluss gekommen, dass eine Fusion wegen der kartellrechtlichen Probleme im Bereich Clearing & Settlement sowie Derivate eine Erfolgschance von bestenfalls 50 Prozent habe. Durch die Prüfung der Kartellbehörden drohe eine bis zu anderthalb Jahre lange Hängepartie.

Euronext hat sich zwar unter dem Druck des Nasdaq-Angebots entschieden, Verhandlungen aufzunehmen. Die Vierländerbörse sieht aber nach wie vor wegen der Äußerungen der EU-Kommission große Probleme, eine Fusion bei der Kartellbehörde durchzukriegen. "Wenn gleich in zwei Bereichen, also dem Derivategeschäft und Clearing & Settlement, von Brüssel ernsthafte Bedenken zu erwarten sind, dann ist die Wahrscheinlichkeit einer Blockierung sehr hoch", heißt es in Finanzkreisen.

Allerdings weiß man in Frankfurt auch, dass die Euronext bei den Verhandlungen versuchen wird, auf eine Augenhöhe mit der Deutschen Börse zu kommen. Dies kann nach Einschätzung von Experten aber eigentlich nur gelingen, wenn sich die Frankfurter von bestimmten Geschäftsbereichen trennen würden. Denn schließlich ist die Deutsche Börse mit einer Marktkapitalisierung von 12 Milliarden Euro etwa doppelt so groß wie die Euronext.

Eine andere wichtige Frage ist die des Hauptsitzes einer fusionierten Börse. Erste Gespräche zwischen den Marktbetreibern waren im Dezember unter anderem an dieser Frage gescheitert, heißt es in Frankfurter Finanzkreisen. Viel Bewegung scheint es in diesem Punkt bislang nicht zu geben.

Euronext-Chef Jean-François Théodore besteht offenbar nach wie vor auf Amsterdam als Headquarter des neuen Unternehmens. Und auch Deutsche-Börse-Chef Reto Francioni zeigt sich unnachgiebig. Die Auffassung der Deutschen Börse habe sich in den vergangenen Tagen nicht geändert, sagt ein Insider am Dienstag im Gespräch mit manager-magazin.de. "Es ist klar, dass das Headquarter und der Sitz des Vorstands ausschließlich in Frankfurt sein muss. Da geben wir nicht nach." Wo das deutsch-französische Börsenkonstrukt dann allerdings seinen juristischen Sitz haben werde, das sei "letztlich nicht so wichtig".

Nicht zuletzt schwebt die Frage im Raum: Wer wird das neue Unternehmen führen? Darüber sei zwischen Francioni und Théodore noch nicht einmal "im Ansatz" diskutiert worden, heißt es am Dienstag aus Frankfurter Finanzkreisen gegenüber manager-magazin.de. Bei der wohl entscheidenden Personalfrage müsse aber beachtet werden, dass der französische Börsenchef in etwa einem Jahr pensioniert werde.

Diese Fragen seien sicherlich wichtig, aber angesichts des Drucks lösbar, sagen Analysten. Sie halten eine Fusion der Frankfurter Börse und der Euronext noch in diesem Jahr für möglich. "Beide spüren den Atem der amerikanischen Börsen im Nacken. Entweder sie gehen aufeinander zu oder die Konsolidierung der europäischen Börsenlandschaft findet ohne sie statt", warnt Analyst Becker von Merck Finck.

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