Börsenfusionen Mit neuem Schwung

Erst mussten Amerikas Börsen drängen, jetzt bewegen sich Europas Marktbetreiber aufeinander zu. Die Vierländerbörse Euronext will ab sofort Gespräche mit der Deutschen Börse führen. Kommt jetzt der erwartete Konsolidierungsschritt der bedeutendsten europäischen Börsen in Gang?

Frankfurt am Main - Das Fusionskarussell der europäischen Wertpapiermarktbetreiber dreht sich durch den Anstoß der Vierländer-Börse Euronext  immer schneller. Die Einladung der Deutschen Börse  zu Gesprächen über eine Fusion unter Partnern werde begrüßt, teilte der Betreiber der Aktienmärkte in Amsterdam, Brüssel, Lissabon und Paris heute mit.

"Wir wollen mit der Deutschen Börse konstruktiv zusammenzuarbeiten, um kreative Lösungen zu finden, um die Differenzen zu überbrücken", hieß es. Die Euronext will zudem nach einem Gewinnsprung in 2005 rund eine Milliarde Euro über Dividenden und Rückkäufe von eigenen Aktien an die Anteilseigner ausschütten.

Der Kurs der Deutschen Börse-Aktie kletterte am Dienstag zeitweise ebenso wie das Papier der Euronext auf ein Rekordhoch. Seit Jahresbeginn legte der Marktwert der Deutschen Börse um rund ein Drittel auf jetzt mehr als zwölf Milliarden Euro zu, während die Börsenkapitalisierung der Euronext sogar um mehr als 44 Prozent auf rund sieben Milliarden Euro stieg; die höhere Wahrscheinlichkeit einer Übernahme der Euronext durch die Deutsche Börse als umgekehrt dürfte den Titeln der französisch dominierten Vierländerbörse zusätzlich Schwung gegeben haben.

Neben der Fusion der beiden Börsenbetreiber selbst sorgte das gestiegene Interesse der New Yorker Börsen an europäischen Konkurrenten für Fusionsfantasien. Die auf Technologiewerte spezialisierte Börse Nasdaq hatte erst am Freitag ein informelles Gebot für die Londoner Börse (LSE)  über 950 Pence oder 2,4 Milliarden Pfund abgegeben. Der Kurs der LSE-Aktie schoss daraufhin um rund 30 Prozent auf 1149 Pence nach oben - nicht zuletzt, weil Experten nun auch mit einem Gegengebot des New Yorker Nasdaq-Konkurrenten NYSE rechnen; die Wall-Street-Börse ist seit kurzem selbst börsennotiert.

Auch die Deutsche Börse war im vergangenen Jahr an der LSE interessiert, hatte aber den Übernahmeversuch auf Druck der eigenen Großaktionäre abgeblasen. Die LSE ist gemessen am Marktwert der dort gelisteten Aktien die größte Börse Europas, hat aber anders als die Deutsche Börse mit ihrem breiten Geschäftsmodell oder die Euronext mit dem wichtigen Terminmarkt Liffe in London nur den Aktienhandel zu bieten.

Die Euronext signalisierte ebenfalls mehrfach Interesse an der LSE und betonte am Dienstag, die Situation weiter zu prüfen. Wegen des starken Anstiegs der LSE-Aktie in den vergangenen Wochen erwarten jedoch die meisten Experten, dass sich der Börsenbetreiber zurückziehen wird. Die britische Wettbewerbsbehörde würde dem aktuellen Stand zufolge dagegen einer Übernahme der LSE durch die Euronext zustimmen, die im Falle einer Übernahme ihren Einfluss auf den LSE-Abwickler LCH Clearnet reduzieren will.

Mittlerweile gehen Analysten jedoch eher davon aus, dass sich die Euronext vielmehr auf einen Zusammenschluss mit der gemessen an Börsenwert und Umsatz größeren Deutschen Börse konzentrieren wird.

Den Vorstoß dazu kam im Februar von Deutsche-Börse-Chef Reto Francioni, der am Frankfurter Modell des integrierten Börsenbetreibers festhalten will. Diese bieten vom Handel über die Abwicklung bis zur Aufbewahrung alle Dienstleistungen rund um Wertpapiergeschäfte an. Zudem will sich die Deutsche Börse nicht von der weltgrößten Terminbörse Eurex trennen, die sie gemeinsam mit der Schweizer Börse betreibt.

Doch gerade dies könnte aus kartellrechtlicher Sicht problematisch sein, da die Eurex und die Liffe den europäischen Terminhandel dominieren würden. Die Euronext kündigte an, in den Gesprächen mit dem deutschen Unternehmen die bestehenden Differenzen beim Geschäftsmodell und den Ansichten "kreativ überbrücken" zu wollen.

manager-magazin.de mit Material von dpa-afx

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