Thilenius-Kolumne Schöner wird es nicht

Die Anleihen vieler Schwellenländer erleben derzeit einen Aufschwung. Denn die Staatskassen der Wachstumsstaaten sind voll, und die Kurse ihrer Bonds gehen nach oben. Anleger sollten jetzt überlegen, ob sie ihre Wertpapiere nicht zu diesen Preisen verkaufen sollten.

Zu den großen Erfolgsgeschichten der Finanzwelt in den vergangenen Jahren gehört der Aufstieg der Emerging Markets. Dies ist die nicht so ganz korrekte Übersetzung für Entwicklungs- und Schwellenländer, in deren asiatischen Vertretern mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung leben.

Der Wegfall der Planwirtschaft und anderer traditioneller einengender Bindungen haben in diesen Ländern eine große Wachstumsdynamik freigesetzt. Da gleichzeitig dort, wie auch in Brasilien der Anteil jüngerer Menschen an der Gesamtbevölkerung viel höher ist als bei uns, entsteht dort eine völlig neue demographische Gruppe mit einer bisher ungeahnten Kaufkraft.

Die Aufgabe des weit vorausschauenden Investors ist es, die Chancen und Risiken dieser Entwicklung richtig einzuschätzen und in Gewinne umzusetzen - und die können gewaltig sein, gleichermaßen am Aktien- und Anleihemarkt. Licht und Schatten liegen aber dicht beieinander.

In der Russlandkrise im Sommer 1998 zum Beispiel sackten Russland-Anleihen bis auf 40 Prozent ihres Nennwertes in sich zusammen. Heute liegen die russischen Anleihen längst wieder über pari. Und wer den Fehler gemacht hat, der argentinischen Regierung auf deren Wort hin Geld in Form von Euroanleihen der Emissionen von 1993 bis 2000 anzuvertrauen, bekommt heute, nach der Weigerung, trotz voller Kassen die Anleihen zu bedienen, auf dem Markt noch etwa 30 Prozent des Nennwertes. Dabei hatte Argentinien seit der Staatsgründung im Jahr 1832 bis 2001 alle Schulden immer bezahlt.

Brasilien bezahlt jetzt die Brady-Bonds der Emissionen von 1994 vorzeitig zurück. Einige sind schon getilgt, die letzten sollen jetzt Mitte April getilgt werden. In Mexiko, Venezuela und Kolumbien laufen ähnliche Operationen an.

Der Hintergrund für die vollen Kassen vieler Entwicklungs- und Schwellenländer sind die hohen Preise für die Rohstoffe dieser Länder wie Eisenerz, Öl, Soja und andere Vormaterialien der Industrialisierung in China und Indien.

Zu Höchstkursen verkaufen

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Als Folge der vollen Kassen vieler Schwellenländer sind auch die Kurse der Anleihen stark gestiegen und die Verzinsungen dementsprechend zurückgegangen. Dollaranleihen aus Brasilien rentieren durchschnittlich nur etwa 2 Prozent höher als amerikanische Staatsanleihen. Dementsprechend haben die Fonds, die Emerging-Markets-Anleihen kaufen, schöne Kurszuwächse verzeichnet.

Der glückliche Besitzer sollte jedoch allmählich an den Ausstieg denken. Denn viel schöner wird es nicht. Wie bei einer Party, sollte man in dem Moment ans nach Hause gehen denken, wenn die Stimmung auf dem Höhepunkt ist. Danach geht es bergab. Es ist nämlich unwahrscheinlich, dass sich die Zinsen dieser Anleihen auf Dauer noch weiter senken lassen.

Im Gegenteil steigen am kurzen Ende die Zinsen. In USA wird noch bis Mitte des Jahres mit Zinserhöhungen gerechnet, Europa folgt und gerade hat die Bank of Japan das Ende der Nullzins-Politik angekündigt. Erfahrungen aus früheren derartigen Phasen von weltweiten Zinssteigerung lassen zur Vorsicht raten.

Die Zinssteigerungswelle in der Ölkrise ab 1973 bis 1982 führte zu großen Verlusten in Emerging Markets. Die Welle der Zinssteigerungen ab 1991 führte zur Mexiko-Krise des Jahres 1994, der die Russland-Krise 1998 folgte. Es gibt also einen Rhythmus von Zahlungsproblemen in Emerging Markets im Anschluss an Zinssteigerungen der Industrieländer.

Wo und wann die nächste Emerging-Markets-Krise ausbricht, wissen wir noch nicht. Wenn sich die Geschichte wiederholt und wieder im Abstand von einigen Jahren nach Zinssteigerungen der Industrieländer ein Schwellenland in Schwierigkeiten gerät, werden die Zinsen der Emerging-Markets-Anleihen kaum so niedrig bleiben. Eher werden sie kräftig steigen, als noch weiter fallen.

Dringender Handlungsbedarf besteht nicht. Erste Schwächezeichen sind erst im zweiten Quartal zu erwarten. Dann empfiehlt aber sich der allmähliche Ausstieg.