Inflationsgefahr Trichet verunsichert die Märkte

Die Europäische Zentralbank (EZB) hat die Leitzinsen wie erwartet um 25 Basispunkte auf 2,50 Prozent angehoben. Die Aussagen von EZB-Chef Jean-Claude Trichet zur Inflationsgefahr scheinen die Märkte aber zu überraschen. Der Dax taucht ab.

Frankfurt am Main - Europas Zentralbank hatte im Dezember vergangenen Jahres mit der ersten Erhöhung seit fünf Jahren begonnen, die lange Phase außerordentlich niedriger Zinsen zu beenden. Nach deutlichen Signalen der Währungshüter war die erneute Erhöhung an den Finanzmärkten schon erwartet worden. Sie wird nicht alle Bundesbürger gleich treffen.

EZB-Chef Jean-Claude Trichet verwies darauf, dass die Zinserhöhung notwendig gewesen sei, um die mittel- bis langfristigen Inflationserwartungen auf einem Niveau zu verankern, das mit stabilen Preisen vereinbar sei. Zudem betonte der EZB-Präsident, dass die Zinsen im Euroraum fortgesetzt niedrig seien und damit weiterhin zum Wirtschaftswachstum im Euroraum beitragen würden.

Trichet rechnet mit steigender Teuerungsrate

Nach Angaben Trichets hat die EZB ihre Prognosen für Wachstum und Inflation im Euroraum im laufenden Jahr angehoben. Es werde jetzt damit gerechnet, dass das Wachstum der Euro-Wirtschaft in diesem Jahr zwischen 1,7 und 2,5 Prozent liegen wird. Im Dezember war ein Wachstum zwischen 1,4 und 2,4 Prozent vorausgesagt worden. Die Inflation wird nun 2006 in der Bandbreite zwischen 1,9 und 2,5 Prozent erwartet. Im Dezember war von einer Teuerung zwischen 1,6 und 2,6 Prozent ausgegangen worden.

Für das kommende Jahr rechnet die EZB laut Trichet im Mittel mit einer höheren Teuerungsrate als bislang.

Nicht zuletzt auf diese letzte Äußerung reagierten die Aktienmärkte verschreckt. Der Dax  rutschte am Nachmittag in der Spitze um 1,7 Prozent auf 5765 Punkte ab. Die überraschend stark gestiegenen wöchentlichen Erstanträge auf US-Arbeitslosenhilfe hätten den negativen Trend am deutschen Aktienmarkt noch verstärkt, sagten Händler darüber hinaus.

Rätseln über weitere Zinserhöhungen

Nach dem einhellig erwarteten Zinsschritt wird an den Märkten nun darüber diskutiert, wie weit die Währungshüter ihre Geldpolitik noch straffen werden. Trichet bekräftigte nach dem Zinsentscheid vor der Presse, die Geldpolitik der Notenbank bleibe akkommodierend. Die EZB werde auch künftig entsprechend der aktuellen Zahlen entscheiden und handeln, wenn es nötig sei. Die Mehrheit der Analysten erwartet derzeit den Schlüsselzins für die Euro-Zone Ende des Jahres bei 3 Prozent.

Die EZB beuge derzeit eher Inflationsrisiken vor, als akute Inflation zu bekämpfen, sagte Rainer Guntermann, Volkswirt von Dresdner Kleinwort Wasserstein. "Der mittelfristige Ausblick hängt vom Wachstum ab. Wenn sich das festigt, steigen die Preisrisiken."

Experten führender Wirtschaftsforschungsinstitute bewerteten die Leitzinserhöhung als "angemessenen Schritt" in der gegenwärtigen wirtschaftlichen Lage. Die Konjunkturdaten seien gut, gleichzeitig stiegen die Preise sehr stark, sagte Joachim Scheide vom Kieler Institut für Weltwirtschaft. Scheide erwartet zur Jahresmitte einen weiteren Zinsschritt. "Die EZB darf keinen Zweifel aufkommen lassen, dass sie die Inflationserwartungen im Griff behalten will", sagte er.

"Zinsanstieg wird dem Aufschwung nicht schaden"

Nach Einschätzung von Udo Ludwig vom Institut für Wirtschaftsforschung Halle dürfte die Zinsanhebung dem Aufschwung nicht schaden. Konjunkturell wirksam sei vor allem der Kapitalmarktzins, sagte Ludwig. Dieser sei bei der vorherigen Leitzinserhöhung nochmals gesunken. Offensichtlich sei der Zusammenhang zwischen Leitzinserhöhung und Kapitalmarktzins "sehr locker" geworden, so dass sich aus der jüngsten Zinsanhebung keine konjunkturbremsende Wirkung ergeben dürfte.

Die Bankenverbände sehen die weitere Zinsentwicklung unterschiedlich. So forderte der Bundesverband deutscher Banken die EZB auf, nun mit weiteren Zinsschritten zu warten. Dagegen hält es der Bundesverband der Deutschen Volksbanken und Raiffeisenbanken für notwendig, im weiteren Jahresverlauf "die Normalisierung der Geldpolitik fortzusetzen".

Vereinzelt gab es aber auch Kritik an der EZB-Entscheidung. Der Chef eines führenden europäischen Unternehmens warnte die EZB vor zu großer Eile. Bernard Arnault, Vorstandschef des französischen Luxusgüterkonzerns LVMH  sagte, er sei besorgt, die EZB werde das Wachstum bestrafen. "Kein ernsthafter Experte sieht Inflationsgefahr in Europa."

reuters, ddp, dpa-afx

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