Deutsche Börse "Es gibt keine salomonische Lösung"

Börsenchef Reto Francioni strebt mit der Vierländerbörse Euronext eine "Fusion unter Partnern" an. Davon könne keine Rede sein, sagt Analyst Konrad Becker. Dies sei der Versuch, eine Übernahme in schöne Worte zu kleiden. Wer lediglich zwei Unternehmen unter einem Dach vereine und alles beim Alten belasse, der werde scheitern.

mm.de:

Herr Becker, wenn man um einen Fusionspartner wirbt, sollte man es dann so machen wie Börsenchef Reto Francioni?

Becker: Sein Vorgehen ist eine Antwort auf die Stellungnahme der Euronext vom 6. Februar. Allerdings sollte man folgendes sehen. Gespräche mit der Euronext hat es bereits Ende vergangenen Jahres gegeben. Durch seinen Vorstoß und das klar formulierte Interesse an der Vierländerbörse hat Francioni erreicht, dass die ganze Diskussion jetzt aus dem Bereich der Spekulation herausgelöst wird. Sein Ziel ist es, dass ein Diskurs um die ökonomischen Vor- und Nachteile und um die Bedeutung so einer Fusion für die Märkte beginnt. Denn er ist davon überzeugt, dass die betriebswirtschaftlichen Argumente eindeutig für eine Fusion sprechen.

mm.de: Die Euronext hat zunächst sehr reserviert auf die Initiative der Deutschen Börse reagiert. Ein Sprecher sagte, die unterschiedlichen Ansichten über weitere zentrale Fragen einer Kooperation oder Fusion bestünden weiter. Läuft Herr Francioni Gefahr, die Fehler seines Vorgängers Seifert womöglich zu wiederholen?

Becker: Die Gefahr besteht sicherlich. Es gibt aber erkennbare Unterschiede. Zum einen tritt Herr Francioni viel kompromissbereiter und konzilianter als sein Vorgänger auf. Zum anderen legt er sich im Grunde auf nichts fest. Er sagt, wir wollen diskutieren und ein Ziel erreichen. Die Deutsche Börse hat zwar einige Mindestanforderungen formuliert, aber alles andere ist offen.

Die Frage einer Fusion ist nicht neu. Entscheidend ist doch, wie kann sie zustande kommen. Darüber hat Francioni jetzt offen gesprochen. Die reservierte Reaktion der Euronext heißt meiner Meinung nach indes nicht, dass ihr der Stil von Herrn Francioni missfällt.

mm.de: Warum aber sucht er jetzt die Öffentlichkeit, wo Fusionsgespräche für gewöhnlich doch hinter verschlossenen Türen stattfinden?

Becker: Hinter verschlossen Türen sind sie ja zu keinem Ergebnis gekommen. Herr Francioni trägt die Diskussion nach außen, um auch ein wenig Druck auf die Euronext auszuüben.

mm.de: Der Chef der Deutschen Börse spricht von dem Ziel einer Fusion unter Partnern. Für wie partnerschaftlich halten Sie die heute umrissenen Vorstellungen?

Becker: Was wir heute gehört haben, ist der Versuch, eine Übernahme in schöne Worte zu kleiden. Das wird nicht gelingen, wenn man den Kernforderungen Francionis Glauben schenken darf. Erstens: Der Sitz eines fusionierten Unternehmens soll Frankfurt sein. Zweitens: An der Struktur der Deutschen Börse soll sich vor einer Fusion nichts ändern. Das bedeutet, die Marktkapitalisierung der Deutschen Börse bleibt mit elf Milliarden Euro mehr als doppelt so hoch wie jene der Euronext. Da kann man nicht von Partnern reden. Die Deutsche Börse mag der Euronext entgegen kommen, es bleibt aber eine Übernahme.

"Kunden gegen Zentrale im Ausland"

mm.de: Welche Bedeutung sollte die umstrittene Frage, wo das Headquarter einer fusionierten Organisation anzusiedeln ist, in Verhandlungen einnehmen, wenn man wirklich zum Ziel kommen will?

Becker: Herr Francioni hat hier eine gewisse Kompromissbereitschaft signalisiert. Er sagte, man müsse zwischen dem Headquarter und dem offiziellen Sitz einer Gesellschaft unterscheiden. Man kennt das von der Euronext. Ihr offizieller Sitz ist Amsterdam, aber die grundlegenden Entscheidungen werden in Paris getroffen. Ich glaube, das hat Francioni damit andeuten wollen. Vermutlich ist es ihm gleich, wo der Sitz einer fusionierten Börse liegt, solange Frankfurt die Verantwortung für das Tagesgeschäft, die strategische Entwicklung und vor allem für die IT hat.

Dass Francioni auf Frankfurt als Headquarter beharrt, hat verschiedene Aspekte. Zum einen kommt er damit der hessischen Landesregierung entgegen, zum anderen den eigenen Kunden, die zum überwiegenden Teil immer noch aus Deutschland stammen. Sie würden ein Headquarter im Ausland nicht akzeptieren. Aus der Position als Markt- und Kostenführer heraus will sich die Deutsche Börse gerade auch mit Blick auf die betriebswirtschaftlichen Ziele nicht das Heft aus der Hand nehmen lassen. Deshalb beharrt sie auf Frankfurt als Headquarter.

mm.de: Das Modell eines integrierten Börsenkonzerns ist zuletzt von europäischen Banken- und Finanzverbänden angegriffen worden. Müsste sich die Deutsche Börse bei einer Fusion von einzelnen Geschäftsbereichen verabschieden, nicht zuletzt unter kartellrechtlichen Gesichtspunkten?

Becker: Vor einer Fusion nicht, denn das würde wie erwähnt die Marktkapitalisierung der Deutschen Börse verändern und damit das Machtverhältnis zwischen den beiden Unternehmen. Aber nach einer Fusion ist denkbar - das hat Herr Francioni angedeutet -, dass man sich von Teilbereichen trennen könnte, um diese in neue, gesamteuropäische Strukturen einzugliedern.

mm.de: Stehen mögliche kartellrechtliche Auflagen in der Regel nicht vor einer Fusion, wie der Fall Springer gezeigt hat?

Becker: Das ist nicht zwingend. Man kann doch eine Fusion mit der Verpflichtung beschließen, danach bestimmte Unternehmensanteile zu verkaufen. Indes sieht Herr Francioni im Derivatebereich, also bei der Terminbörse Eurex, keine großen Probleme - und ich denke zu Recht. Denn es geht ja nicht um nationale Marktanteile, sondern um einen europäischen Rahmen. Beim Clearingbereich für Aktien könnte es aber Probleme geben, weil dann zugleich die mit Abstand größten europäischen Anbieter fusionierten. Hier hat der Börsenchef bereits Kompromissbereitschaft gegenüber den Aufsichtsbehörden angedeutet.

"Es kann nur einen Chef geben"

mm.de: Sie meinen, Herr Francioni wäre bereit, den Clearingbereich in eine gemeinsame europäische Organisation einzubringen, damit die Fusion auch über die Bühne gehen kann?

Becker: Das ist gut möglich, wobei die Deutsche Börse in ihren Erklärungen dazu sehr vage und offen bleibt.

mm.de: Mit Aussagen zu Synergieeffekten bei einer Fusion hat sich das Management der Deutschen Börse heute zurückgehalten. Wo sehen sie mögliche Synergieeffekte?

Becker: Das betrifft vor allem die Economies of Scale, die so genannten Skaleneffekte: Euronext und Deutsche Börse haben jeweils eine IT-Plattform für den Kassamarkt und eine für den Derivatehandel. Diese vier Plattformen könnte man zumindest auf zwei reduzieren und damit sehr stark Kosten einsparen. Der IT-Bereich ist nun einmal der größte Kostenblock in einer Börsenorganisation.

mm.de: Wie bewerten Sie die Nachricht, dass Francioni den Aufsichtsrat von seinem Vorstoß offenbar nicht informiert hat?

Becker: Sollte das zutreffen, wäre das wirklich überraschend, denn es geht für die Deutsche Börse hier um eine grundlegende Frage. Und es ist Kernaufgabe eines Aufsichtsrates, Einblick in langfristige Entwicklungen und Strategien zu bekommen und darüber mitzubestimmen.

mm.de: Käme die Fusion zu Stande, wäre dann eine Doppelspitze die salomonische Lösung?

Becker: Es gibt keine salomonische Lösung, die keinem weh tut, sondern nur eine effiziente betriebswirtschaftliche. Die betriebswirtschaftliche Logik so eines Deals ist, die Skaleneffekte zu erhöhen, indem man die Fixkosten senkt. Das geht nicht, wenn sich ein Unternehmen den Luxus einer Doppelspitze leistet oder Parallelorganisationen unterhält. Wenn man lediglich zwei Gesellschaften unter einem Namen vereint, aber sonst alles beim Alten belässt, wird so ein Vorhaben scheitern.

mm.de: Der Vorstandschef einer fusionierten Börse würde demnach Reto Francioni heißen?

Becker: Das weiß ich nicht. Es sollte aber auf jeden Fall nur einen Vorstandschef geben.