Goldman-Sachs-Kolumne Weltweit anlegen in Heimatfirmen

Diversifizierung ist das Mantra der Kapitalanleger und Globalisierung das Zauberwort für Großunternehmen. Was passiert, wenn man beides miteinander kombiniert? Bieten sich Anlegern neue Anlagechancen?
Von Erik Nielsen

Ist es noch ein Traum oder schon Realität? Gelingt es Anlegern durch den Aktienkauf großer US-Unternehmen oder anderer global aufgestellter Konzerne ihr Geld zugleich in bedeutendem Umfang in Wertpapiermärkte außerhalb ihres Landes zu investieren? Besteht für sie also die Chance, im Ausland zu investieren, obwohl sie ihr Geld vordergründig in inländische Unternehmen stecken?

Das Ergebnis ist ernüchternd. Die größten US-Unternehmen sind trotz der Beschleunigung der Globalisierung in den vergangenen Jahren heute nicht globaler ausgerichtet sind als vor zehn Jahren. Gemessen am Umsatz agierten die 50 bedeutendsten amerikanischen Firmen bereits Mitte der 40er Jahre des vergangenen Jahrhunderts schon recht global; bereits damals erwirtschafteten sie knapp 40 Prozent ihres Umsatzes außerhalb der eigenen Landesgrenzen.

Nach einem deutlichen Einbruch im Zuge der Asien- und Russlandkrise sowie nach dem Platzen der Technologieblase in den USA gegen Ende der 90er Jahre erreichen die Auslandsumsätze großer US-Unternehmen erst jetzt wieder den Stellenwert, den sie in der letzten Dekade vor dem Jahrtausendwechsel hatten. Allerdings hat sich die regionale Zusammensetzung geändert: Während der Umsatzbeitrag Europas in den vergangenen Jahren geschwunden ist, hat der Anteil der in Asien erzielten Umsätze zugenommen.

So bleibt die Frage, wie Investoren am besten globale Aktienengagements aufbauen. Wer die Kapitalisierung aller Börsen weltweit als Maßstab zugrunde legt, müsste sein Kapital zu 60 Prozent in Aktien von Unternehmen außerhalb der USA anlegen. Der tatsächliche Wert lag noch vor nicht allzu langer Zeit bei etwa 10 Prozent und ist erst in den vergangenen Jahren auf 15 Prozent gestiegen. Ähnliche Überlegungen gelten natürlich für Investoren, deren Heimatstandort Europa ist.

Eine Möglichkeit der Diversifizierung besteht für US-Investoren darin, amerikanische Aktien von Unternehmen mit entsprechend umfangreichem Auslandsgeschäft zu kaufen. So vermeiden sie Probleme in Bezug auf die Verwahrung der Aktien und die Abwicklung von Käufen und Verkäufen. Außerdem gehen sie mit ihren Investments kein Wechselkursrisiko ein.

Allerdings haben unsere Untersuchungen gezeigt, dass US-Investoren mit dem Kauf der Aktien der 50 größten US-Firmen in den vergangenen 10 Jahren niedrigere Renditen und eine höhere Volatilität erzielt hätten als mit einer Anlage im S&P500-Aktienindex  oder in einem weltweiten Index. Das ernüchternde Ergebnis lautet deshalb: US-Investoren, die eine weltweite Diversifizierung ihrer Kapitalanlagen wollen, müssen nach wie vor auch außerhalb der USA investieren.

Wirtschaft global integriert

Wirtschaft global integriert

Unserer Meinung nach wird das nicht immer so bleiben. Denn so, wie sich der Einsatz neuer Technologien mittlerweile auch in den Produktivitätsstatistiken niederschlägt, dürfte sich auch die Globalisierung in der Zukunft stärker auf den Erfolg der Unternehmen und die Renditen auf Aktien auswirken. Denn die Weltwirtschaft durchläuft einen bisher nicht da gewesenen Integrationsprozess: Globalisierung, Privatisierung, Deregulierung und technische Innovation führen zu einer ständigen Verschiebung des Kräftegleichgewichts zwischen den heutigen Industrieländern und Entwicklungsländern.

Die zunehmende wirtschaftliche Bedeutung der Entwicklungsländer wird vermutlich das schwächere Wachstum in den Industrieländern in den nächsten Jahrzehnten ausgleichen, was der Weltwirtschaft unter dem Strich zu einem höheren trendmäßigen Wachstum verhelfen dürfte.

Außerdem bieten die Entwicklungsländer Unternehmen aus gesättigten und langsam wachsenden Märkten enorme Wachstumschancen. Nach unseren Prognosen wird die zusätzliche Nachfrage in Brasilien, Russland, Indien und China bis Ende dieses Jahrzehnts fast so hoch sein wie in den großen Industrieländern.

Wie eingangs erwähnt ist die weltweite Globalisierung ja kein Phänomen, das erst seit einigen Jahren zu beobachten ist. Wirklich interessant wird es aber erst, wenn US-Unternehmen in den nächsten Jahren mehr und mehr Geschäft in diese und andere Entwicklungsländer verlagern. China und Indien stehen dabei im Mittelpunkt des Interesses von Investoren und Unternehmen.

Bisher tragen diese Länder zwar nur einen Bruchteil zum Gesamtumsatz der meisten Firmen bei. Wenn diese Volkswirtschaften aber so stark wachsen wie von uns prognostiziert, könnte sich das rasch ändern. Durch die anhaltende Globalisierung wird sich der Anteil des In- und Auslandsgeschäft der größten börsennotierten US-Unternehmen verändern, so dass diese einen eher repräsentativen Querschnitt des weltweiten Marktes darstellen werden.

Bis jetzt ist es also noch Zukunftsmusik für US-Investoren, durch Investments in global agierende US-Unternehmen zugleich ein weltweit austariertes Investment zu erreichen. In den nächsten Jahren steigen die Chancen darauf aber.

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