Offener Brief Deutsche Börse wirbt um Euronext

Die Deutsche Börse hat sich klar für eine Fusion mit der Vierländerbörse Euronext ausgesprochen. Dabei soll es zu einem fairen Interessenausgleich kommen, heißt es in einem offenen Brief. Der Frankfurter Börsenbetreiber zieht aber auch Grenzen.

Frankfurt am Main - Zusammen mit dem erwartet starken Jahresabschluss 2005 hat die Deutsche Börse  am späten Dienstagabend überraschend auch einen offenen Bewerbungsbrief für eine Fusion mit der Pariser Vierländer-Börse Euronext vorgelegt.

Dabei hatte Vorstandschef Reto Francioni erst in der vergangenen Woche in einem Zeitungsinterview seine Bereitschaft zu einem Zusammengehen mit der Schweizer Börse SWX erklärt.

"Unter einer Vielzahl relevanter Optionen ist ein Zusammenschluss von Deutscher Börse und Euronext die mit Abstand attraktivste Variante für Kunden und Aktionäre sowie die beteiligten Finanzplätze", hofierte der Deutsche-Börse-CEO nun seine Wunschpartnerin. Die Deutsche Börse befürworte unverändert den Dialog mit der Euronext.

Aufsichtsrat offenbar nicht informiert

Der Aufsichtsrat der Deutschen Börse soll indes nicht vorab über den Vorstoß von Francioni informiert worden sein. "Dieses Thema ist im Aufsichtsrat nicht behandelt worden", sagte ein Mitglied des Gremiums der Nachrichtenagentur Reuters am Mittwoch in Frankfurt. "Herr Francioni ist dazu zu keinem Zeitpunkt vom Aufsichtsrat autorisiert worden. Er wird dazu auf der nächsten ordentlichen Aufsichtsratssitzung im März Stellung nehmen müssen", fügte die Person hinzu.

Fairer Ausgleich bei Fusion angestrebt

Francioni hat in dieser Bewerbung die Eckpfeiler eines Konzeptes für eine Fusion mit der Pariser Vierländerbörse konkretisiert. Die Leitung der Geschäftsbereiche einer kombinierten Gruppe solle so auf die bestehenden Standorte von Deutscher Börse und Euronext verteilt werden, dass es im Rahmen eines europäischen Standortkonzepts zu einem fairen Ausgleich zwischen den beteiligten Finanzzentren komme. Die jeweiligen Kassamärkte sollen dabei von nationalen Trägergesellschaften betrieben werden.

Zentrale der fusionierten Börse soll Frankfurt sein

Die Zentralfunktionen der Gruppe will die Deutsche Börse allerdings an einem Standort konzentrieren - in Frankfurt. "Das europäische Standortkonzept sieht Frankfurt unter anderem als Standort für eine solche Hauptverwaltung vor", heißt es in der Mitteilung der Deutschen Börse.

Vergangenen Dezember waren die Fusionsgespräche mit der Euronext dem Vernehmen nach unter anderem an der Frage des Standortes gescheitert. Der Aufsichtsratsvorsitzende der Börse, Kurt Viermetz, hatte allerdings bereits im Januar deutlich gemacht, dass er die Gespräche lediglich als unterbrochen betrachtet - und nicht als beendet.

Abspaltung von Clearstream sehr unwahrscheinlich

Eine Abspaltung der hochprofitablen Settlement- und Custody-Sparte Clearstream lehnen die Frankfurter allerdings weiter ab. "Die Deutsche Börse will die Konsolidierung grundsätzlich pragmatisch angehen, ohne wesentliche Bestandteile des Geschäftsportfolios aufzugeben", liest sich diese Aussage im Wortlaut der Börse. Das integrierte Geschäftsmodell habe wesentlichen Anteil am wirtschaftlichen Erfolg der Gruppe in den letzten Jahren.

Die Silostruktur genannte Verzahnung von Handels- und Nachhandelsfunktionen solle allerdings auf Deutschland beschränkt bleiben. Bei diesen Nachhandelsfunktionen erwarten Branchenbeobachter erhebliche Bedenken der europäischen Wettbewerbsaufseher, falls die beiden Börsen fusionieren. Als entscheidenden Baustein bei einem Zusammenschluss mit Euronext sieht die Deutsche Börse eine gemeinsame Informationstechnologie. Diese Integration müsse eine "unmittelbare Aufgabe des Managements der neuen Gesellschaft sein", so die Frankfurter Marktplatzbetreiber.

Dividende soll sich verdreifachen

Jahresergebnis von Kapitalmarktboom beflügelt

Als Referenz in diesem Bewerbungsbrief dient das Jahresergebnis der Deutschen Börsen für 2005. Der Aufschwung am Aktienmarkt mit hohen Handelsumsätzen hat dem Unternehmen einen kräftigen Umsatz- und Ergebnissprung beschert.

Der Nettogewinn kletterte um knapp zwei Drittel auf 427,4 (Vorjahr: 266,1) Millionen Euro. Das Ergebnis vor Steuern, Zinsen und Goodwill-Abschreibungen (Ebita) lag mit 710,9 (527,6) Millionen Euro deutlich über dem Zielwert. Ursprünglich hatte die Börse für 2005 lediglich ein Ebita von 600 Millionen Euro angepeilt. Nach dem starken ersten Halbjahr, in dem bereits ein Ebita von 352,1 Millionen Euro erwirtschaftet wurde, hatten die Frankfurter ihr Ergebnisziel allerdings um 5 Prozent auf 630 Millionen Euro angehoben.

Dividende soll sich verdreifachen

Die Aktionäre sollen von diesem Gewinnsprung über eine Verdreifachung der Dividende auf 2,10 (0,70) Euro profitieren. Damit setzt die Börse ihre Politik der Auskehrung von Eigenmitteln fort. Im vergangenen Mai hatte das Unternehmen angekündigt, innerhalb von zwei Jahren über eine Ausschüttungsquote von mindestens 50 Prozent und Aktienrückkaufprogramme insgesamt 1,5 Milliarden Euro an die Anteilseigner zu verteilen. Zudem will die Börse zur Renditesteigerung das Grundkapital herabsetzen. Im April werde das Unternehmen 3,9 Millionen Aktien einziehen und die Aktienzahl damit auf 102 Millionen Stück sowie das Grundkapital auf 102 Millionen Euro reduzieren.

Finanzvorstand Mathias Hlubek hatte in seiner Funktion als Interims-Ceo auf der Hauptversammlung im Mai den Aktionären eine Nachsteuerrendite von 20 Prozent bis Ende 2007 angekündigt. Für 2003 und 2004 hatte die Deutsche Börse eine Rendite von jeweils knapp 11 Prozent ausgewiesen. Im abgelaufenen Jahr dürfte die Börse bereits deutlich an die 20-Prozent-Marke herangerückt sein.

dow jones newswires/reuters