Deutsche Börse "Wir brauchen keine Nachhilfe"

Börsenexperte Wolfgang Gerke hat das Geschäftsmodell der Deutschen Börse AG gegen Zerschlagungsforderungen europäischer Finanzverbände verteidigt. Auf dem Verordnungswege wollten sie die Markposition des Konzerns schwächen. Die EU-Kommission sollte diesem "durchsichtigen" Vorstoß nicht folgen, sagt Gerke im Gespräch mit manager-magazin.de.

mm.de:

Europäische Banken- und Finanzverbände machen bei der EU-Kommission Front gegen das Modell des integrierten Börsenkonzerns. Wenn Handel, Abrechnung und Abwicklung von Wertpapiergeschäften in einer Hand liegen, verzerre dies den Wettbewerb, heißt es. Teilen Sie diese Einschätzung?

Gerke: Nein, das sehe ich nicht so. Für einen Börsenbetreiber macht es Sinn, die ganze Transaktionskette abzudecken. Die Banken müssen sich überlegen, welche Dienstleistungen sie selbst anbieten und welche sie aus fremder Hand beziehen wollen. Für mich ist das eher eine ökonomische denn eine kartellrechtliche Frage.

mm.de: Nun hat die EU-Kommission unter dem Hinweis eben auf diese Strukturen unlängst beklagt, der grenzüberschreitende Handel in Europa sei zu teuer und zu ineffizient. Sie droht damit, Abrechnung und Abwicklung - also Clearing und Settlement - per Richtlinie regulieren zu wollen. Kostensenkung per Richtlinie, kann das funktionieren?

Gerke: Das kann doch nur eine Notmaßnahme sein. Wenn sich herausstellt, dass der grenzübergreifende Handel als auch Clearing und Settlement von der Kostenstruktur her nicht den ökonomischen Möglichkeiten entsprechen, dann sollten die EU-Behörden hier unter Umständen nachhelfen. Ich meine aber, derzeit brauchen wir diese Nachhilfe nicht, auch wenn es sicherlich noch Effizienzgewinne bei der Abwicklung von Wertpapiergeschäften innerhalb der EU gibt.

mm.de: In den USA seien die Preise für Clearing und Settlement auch deshalb günstiger, weil der Markt nicht so zersplittert ist wie in Europa, argumentieren die Verbände. Sollte man also in Europa die Zahl der Anbieter reduzieren?

Gerke: Bei diesen technischen Abwicklungsprozessen spielen Skaleneffekte sicherlich eine große Rolle. Gleichzeitig sollten diese durch konkurrierende Anbieterpreise ergänzt werden.

mm.de: Nach den Vorstellungen der Finanzverbände sollen große Abwickler und Settlement-Gesellschaften fusionieren, dann in ein nicht gewinnorientiertes Unternehmen umgewandelt werden, das von ihren Nutzern, also den Banken, kontrolliert würde. Wie soll das gehen, ist das gegen den Widerstand der Gesellschaften überhaupt durchsetzbar?

Gerke: Selbst wenn es durchsetzbar wäre, ist es nicht sinnvoll. Warum soll man hier den Markt ausschließen? Es gibt gar kein Argument dafür. Vor allem in Großbritannien schielen die Konkurrenten auf den Wettbewerbsvorteil, den sich die Deutsche Börse AG  durch ihre lange Transaktionskette erarbeitet hat. Auf dem Verordnungswege will man jetzt ihre Marktposition schwächen. Das ist durchsichtig und sollte die EU-Kommission nicht zulassen.

mm.de: Ist die These haltbar, das integrierte Geschäftsmodell, wie es die Deutsche Börse praktiziert, stehe einer Konsolidierung der europäischen Börsenlandschaft im Wege?

Gerke: Das wird oft angeführt, insbesondere von jenen, die ganz spezielle Absichten dabei verfolgen. Ich teile das Argument nicht. Teilweise werden gezielt Vorwände gesucht, um dann in der Diskussion je nach Blickwinkel dem Standort London oder der Vierländerbörse Euronext gegenüber Frankfurt etwas bessere Karten zu verschaffen.

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