Deutsche Börse Angriff auf das Geschäftsmodell

Europäische Banken- und Finanzverbände fordern eine Zerschlagung der großen europäischen Wertpapierabwickler. Mit EU-Binnenmarktkommissar Charlie McCreevy wollen sie heute über eine mögliche Neuordnung dieses Sektors sprechen. Abwickler und Börsenbetreiber weisen derlei Forderungen entschieden zurück.

Frankfurt - "Die Branche wird nicht tatenlos zusehen, wenn die Banken bei der EU gegen das erfolgreiche Integrationsmodell von Aktienhandel und Wertpapierhandel und -abrechnung (Clearing und Settlement) Front machen", verlautete am Montag aus dem Umfeld der Deutschen Börse.

Die Deutsche Börse  arbeitet ebenso wie die Börsen in Italien und Spanien mit einem solchen Geschäftsmodell, das mehrere einflussreiche Bankenverbände laut einem Bericht der "Financial Times" abschaffen und deshalb die Europäische Kommission zum Handeln drängen wollen.

Vertreter der Banken wollen EU-Binnenmarktkommissar Charlie McCreevy am heutigen Dienstag ihre Vorstellungen einer Neuordnung und möglichen Regulierung des Sektors erläutern. Dieser entscheidet voraussichtlich im April über verbindliche Vorgaben für die Wertpapierabwickler.

Nach dem Zeitungsbericht heißt es in einer Erklärung der Verbände der Londoner und der französischen Investmentbanken, der französischen Bankvereinigung und des Verbandes der italienischen Finanzintermediäre, die bestehenden Strukturen würden "ernste Wettbewerbsverzerrungen" schaffen. Die Verbände fordern den Aufbau "einer einzigen und dominanten paneuropäischen Infrastruktur für Clearing und Settlement". Vorbild seien die USA, wo es ein solches Monopol bereits gibt und die Preise günstiger sind.

Geschäftsmodelle stehen Konsolidierung nicht entgegen

In Frankfurter Finanzkreisen hieß es, die Börsen wollten sich gegen Eindruck wehren, sie seien mit ihren Abwicklungsorganisationen die Verursacher von Ineffizienzen im grenzübergreifenden Handel. Die aktuellen Strukturen in Handel und Abwicklung seien - zumindest in Deutschland - unter Mitwirkung der Banken als den wichtigsten Kunden der Börsen entstanden.

Befürchtungen, die integrierten Geschäftsmodelle stünden einer Konsolidierung der Branche entgegen, seien unhaltbar. Im Fall der Londoner Börse, an der neben der australischen Investmentbank Macquarie auch die Deutsche Börse und die Vierländerbörse Euronext interessiert sind, sei dies von der britischen Wettbewerbskommission entsprechend gewertet worden.

Wertpapierabwickler gehören zu den wichtigsten Gewinnbringern der Börsen. Die Deutsche Börse erwirtschaftete etwa im dritten Quartal 2005 rund ein Drittel ihres Gewinns beim Abwickler Clearstream. Der überwiegende Teil der dort abgewickelten Wertpapiergeschäfte bezieht sich auf das außerbörsliche Geschäft mit Schuldverschreibungen und unterliegt einem intensiven internationalen Wettbewerb. Auch für die Euronext ist ihr Abwickler LCH-Clearnet von großer Bedeutung.

Deutsche Verbände warnen vor Monopol

Verschmelzung der Wertpapierabwickler gefordert

Nach dem Zeitungsbericht fordern die Banken von der EU-Kommission in einem ersten Schritt eine Verschmelzung der beiden großen europäischen Abwickler LCH-Clearnet und Eurex Clearing sowie der Settlement-Spezialisten Euroclear und Clearstream. Diese sollen - so die Vorstellung der Banken - ein nicht gewinnorientiertes Unternehmen bilden, das von den Nutzern, also den Banken, kontrolliert würde.

Sparkassenverband warnt vor Fusion der Abwickler

Der Zentrale Kreditausschuss (ZKA) wollte das Thema nicht kommentieren. Der Bundesverband der Volks- und Raiffeisenbanken (BVR) erklärte nach einem Bericht der Börsen-Zeitung (Dienstagausgabe), der Vorstoß ginge zu weit. Die Zerschlagung gut funktionierender Clearing- und Settlement-Strukturen zu fordern, habe unberechenbare Konsequenzen für das Wertpapiergeschäft. Der Deutsche Sparkassen- und Giroverband (DSGV) warnte dem Bericht zufolge vor einer Fusion der Wertpapierabwicklungsbranche zu einem Monopolanbieter. Dies berge das Risiko, dass der deutsche Abwickler Clearstream aus dem Deutsche-Börse-Konzern herausgelöst werde.

Hintergrund der Diskussion sind Vorstellungen der EU-Kommission zur Neuordnung und Vereinfachung der Strukturen bei grenzüberschreitenden Aktiengeschäften. Derzeit gibt es in Europa rund 30 Abwickler. Darüber hinaus behindern nach Ansicht von Experten zahlreiche nationale Rechts- und Steuervorschriften eine Vereinheitlichung in Europa, die nach Ansicht von Analysten zu sinkenden Preisen führen würde.

mm.de mit Material von reuters