Goldman-Sachs-Kolumne Europa im Jahr 2050

Der Blick in die ferne Zukunft der europäischen Wirtschaft ist durchwachsen. Die Entwicklung in den 15 alten und den zehn neuen EU-Staaten wird sich immer stärker angleichen. Während die Produktivität weiter steigt, schrumpft die Wirtschaft insgesamt. Denn Europa schlittert in eine demografische Krise.
Von Erik Nielsen

Wie wird es mit dem Wachstum in Europa auf sehr lange Sicht weitergehen? Wir haben versucht, diese Frage ausgehend von folgender Annahme zu beantworten: Die Produktivität und das Pro-Kopf-Einkommen in ärmeren Ländern konvergieren langsam mit denen in reicheren Ländern, wobei das Konvergenztempo von strukturellen Rahmenbedingungen und der trendmäßigen Investitionsentwicklung abhängt.

Für die reicheren Länder Europas ist dieser Konvergenzeffekt gering. In den vier größten EU-Ländern Deutschland, Frankreich, Spanien und Großbritannien beträgt die Wirtschaftkraft - gemessen in Output pro Stunde - bereits 87 Prozent des Niveaus in den USA. In einer vor kurzem veröffentlichten Studie zu den "Wirtschaftssupermächten" der Zukunft, Brasilien, Russland, Indien und China (BRIC) haben wir für die USA und diese vier Länder - sowie für die 15 alten EU-Mitglieder (EU15) - ein einheitliches Produktivitätswachstum von 2 Prozent jährlich prognostiziert.

Dies mag optimistisch erscheinen, denn in den vergangenen zehn Jahren hat die Produktivität in den USA deutlich rascher zugenommen als in den EU15-Ländern, wo außerdem das Ausgangsniveau niedriger war. Dies ist aber auf eine unterschiedliche Produktivitätsmessung und gegensätzliche Beschäftigungstrends zurückzuführen. Aus unserer Sicht gibt es deshalb keinen Grund anzunehmen, dass die Produktivität in Europa auf sehr lange Sicht langsamer zunehmen wird als in den USA.

Dabei bestehen freilich Unterschiede zwischen den EU15 und den zehn neuen Mitgliedstaaten (NMS10), in denen das Bruttoinlandsprodukt (BIP) pro Beschäftigtem seit 1995 jährlich um 4,2 Prozent zugenommen hat - verglichen mit 1,4 Prozent in den EU15. Hier gibt es klare Anzeichen für eine allmähliche Annäherung. Mit dem in unserer oben erwähnten BRIC-Studie dargestellten Ansatz können wir das Konvergenztempo über sehr lange Betrachtungszeiträume prognostizieren.

Angesichts der regen Investitionstätigkeit in den zehn neuen EU-Mitgliedsstaaten gehen wir davon aus, dass diese rasch gegenüber den EU15 aufholen werden. Nach unserer zentralen Prognose werden die Durchschnittseinkommen in den NMS10 von derzeit 55 Prozent des EU15-Durchschnitts bis 2050 auf 83 Prozent steigen, bei einer durchschnittlichen Konvergenzrate bei der Arbeitsproduktivität von 2,5 Prozent jährlich.

Das ist die gute Nachricht.

Europas demografisches Problem

Europas demografisches Problem

Die schlechte Nachricht ist bekanntermaßen die demografische Entwicklung. Die Bevölkerung Europas wächst nicht, und die Zahl der Europäer im erwerbsfähigen Alter geht zurück. Die Geburtenrate beträgt in den EU15 1,5 (verglichen mit 2,1 in den USA) und ist in den NMS10 sogar noch um einiges niedriger. Ausgehend von einer geringeren Nettozuwanderung und diesen niedrigen Geburtenraten prognostiziert Eurostat, dass die Zahl der Personen im erwerbsfähigen Alter in den EU15 um 15 Prozent und in den NMS10 sogar um dramatische 27 Prozent zurückgehen wird. Dagegen rechnet Eurostat in den USA mit einem Zuwachs von 23 Prozent.

Ohne eine gegensätzliche Entwicklung der Erwerbsquoten wird es auch mit der Gesamtgröße der EU-Wirtschaft bergab gehen. Dies wird möglicherweise den politischen Einfluss Europas schmälern. Aber für den wirtschaftlichen Wohlstand ist das Pro-Kopf-BIP wichtiger. Gemessen an der Gesamtbevölkerung wird der Anteil der Personen im erwerbsfähigen Alter in den USA, den EU15 und den NMS 10 jeweils um etwa 0,3 bis 0,4 Prozent jährlich zurückgehen.

Alles in allem sind die Aussichten für die Bevölkerungsentwicklung in Europa düster und die bisher von den Regierungen ergriffenen Gegenmaßnahmen enttäuschend. Aber die Privatwirtschaft reagiert bereits: Die Erwerbsquote bei Frauen und das durchschnittliche Renteneintrittsalter steigen europaweit an. Wenn sich die Erwerbsquote bei jüngeren Frauen in den EU ähnlich entwickelt wie in den USA, würde dies die Beschäftigung in den EU15 in den kommenden zehn Jahren um 0,2 bis 0,3 Prozent, und in den folgenden zehn Jahren um 0,1 Prozent jährlich erhöhen.

Beim Renteneintrittsalter rechnen wir mit einer Fortsetzung des gegenwärtigen Trends, bis es im Durchschnitt bei 65 Jahren liegt. Dies würde sich in den nächsten 25 Jahren positiv auf die Beschäftigung in West- und Osteuropa auswirken. Durch beide Trends wird der Zeitpunkt, ab dem das Problem der Überalterung in den EU15 wirklich gravierend wird, hinausgezögert. Die Wirkung in den NMS10 ist ähnlich, aber von kürzerer Dauer.

Ausgehend von der bisherigen Erfahrung und von einigermaßen vorhersagbaren Trends im Bezug auf die Größe und Altersstruktur der Bevölkerung können wir plausible Aussagen machen, wie sich das BIP und die Einkommen in Europa entwickeln könnten. In unserem Basisszenario wird das Pro-Kopf-BIP, das gegenwärtig weniger als halb so hoch ist wie in den EU15, bis 2050 auf etwa 70 Prozent des EU15-Niveaus steigen. Beim Gesamt-BIP erwarten wir, dass sich der Anteil der NMS10 von derzeit 9 Prozent bis 2050 auf 12 Prozent erhöhen wird.

Was die Produktivitätsentwicklung betrifft, von der die für Investoren ausschlaggebenden Renditen auf Kapitalanlagen und andere Vermögenswerte abhängen, sind wir optimistisch. Wir erwarten weiterhin, dass Westeuropa dabei so gut abschneiden wird wie die USA. Geht man von den zugrunde liegenden strukturellen Rahmenbedingungen und von der "Konvergenzerfahrung" der EU15-Länder in den vergangenen 45 Jahren aus, rechnen wir auch in den NMS10 in den nächsten 45 Jahren mit einer relativ günstigen Produktivitätsentwicklung.

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