Enron Zur letzten Instanz

In den USA startet einer der bedeutendsten Prozesse in Amerikas Wirtschaftsgeschichte: Zwei ehemalige Chefs des pleite gegangenen Energieriesen Enron werden der Verschwörung und des Betruges angeklagt. Tausende Amerikaner haben durch den Konkurs ihre Arbeit verloren. Experten rechnen mit einem schwierigen Prozess.

Houston, Texas - Die ehemaligen Chefs des Skandalunternehmens Enron, Ken Lay und Jeffrey Skilling, müssen heute zu ihrem ersten Prozesstag erscheinen. Nun wird vor Gericht geklärt, wie weit die beiden ehemaligen Topmanager an dem Zusammenbruch des einst riesigen Energiekonzerns beteiligt waren - mehr als vier Jahre, nachdem Enron Konkurs anmelden musste.

Gerichtsbeobachter erwarten, dass der Fall die Gerichte viele Monate beschäftigen wird. Denn die Aktenlage ist unübersichtlich: Die Staatsanwaltschaft hat sich schon bisher durch viele Dutzend Ordner voller Bilanzunterlagen, Analystenpräsentationen und Finanzdaten arbeiten müssen. Das Ergebnis ihrer Recherche lässt sich aus der Anklageschrift der Staatsanwaltschaft herauslesen.

Dem 63-jährigen Lay werden sieben Vergehen zur Last gelegt, darunter Verschwörung und Betrug; Lay leitete Enron 15 Jahre lang, bevor er den Chefsessel für seinen Nachfolger Skilling, 52, räumte. Der sieht eine Anklage in gleich 31 Punkten auf sich zukommen, die ebenfalls die Vorwürfe der Verschwörung und des Betruges umfasst, aber auch den des Insiderhandels.

Unterschiedlicher als die gegen beide Ex-Manager erhobenen Vorwürfe scheint die Prozessstrategie der Angeklagten zu sein. Beobachter erwarten, dass Lay die Kenntnis über gesetzwidriges Handeln rundweg abstreiten werde. Skilling deutete offenbar bereits im Vorfeld der Verhandlung an, den Gegenbeweis zur Anklage antreten zu wollen: Das Enron-Management habe nicht etwa Illegales zu verantworten. Vielmehr sei das Unternehmen zusammengebrochen, weil ein Ansturm auf seine Bankguthaben zeitgleich mit nervösen Kreditgebern die Firma in die Knie gezwungen habe.

Ob er mit dieser Strategie Erfolg haben wird? US-Distriktrichter Sim Lake sagte Reportern der Nachrichtenagentur Reuters, er rechne damit, dass noch heute die Jury komplett besetzt und morgen die Eröffnungsstatements gehalten werden könnten. Lays Anwälte aber wenden gleich gegen die Besetzung der Jury alle juristischen Mittel an, die ihnen zustehen. Sie behaupten, dass viele der Laienrichter gegenüber Lay voreingenommen seien. Schließlich hätten einige Jurymitglieder selbst Kapitalverluste aus der Enron-Pleite erlitten.

Der Einwand mag richtig sein oder nicht, er zeigt aber, wie viele Menschen auf diesen Prozess gewartet haben. Denn der Zusammenbruch des Enron-Konzerns hat Tausende Amerikaner ihren Arbeitsplatz gekostet und viele Pensionäre haben zumindest einen Teil ihres Alterskapitals verloren.

Bilanzexperten hatten im Jahre 2001 Milliardenkredite bei Enron ans Tageslicht gebracht, die zuvor außerhalb der üblichen Buchführung geführt wurden. Zudem waren die Gewinne des Energiekonzerns scheinbar über Jahre zu hoch ausgewiesen worden. Der Fall Enron wurde im Laufe der Jahre zu einem Symbol für eine ganze Reihe von Firmenskandalen, die Amerikas Unternehmens-Bel-Étage erschütterte. Die Liste umfasst mittlerweile die Namen der einst angesehenen Firmen Health South, Worldcom, Global Crossing und Adelphia.

Von Matt Daily, reuters