Arcelor-Übernahme "300-prozentig dagegen"

Mit harschen Worten wehrt sich der Stahlkonzern Arcelor gegen eine Übernahme durch den Weltmarktführer Mittal. Das Angebot sei "lächerlich", dröhnte Arcelor-Chef Dolle. Er sei auf eine monatelange Übernahmeschlacht "gut vorbereitet". Derweil gibt sich Kaufinteressent Mittal versöhnlich.

Paris/Luxemburg - Der Chef des größten europäischen Stahlkonzerns Arcelor, Guy Dolle, gibt sich mit Blick auf das spektakuläre feindliche Übernahmeangebot des Weltmarktführers Mittal betont kämpferisch. "Wir sind solide, wir sind Marathonläufer, und wir sind seit dem Frühjahr 2005 auf diesen Angriff vorbereitet", sagte Dolle am Montag im französischen Radiosender Europe-1.

Arcelor habe seit rund einem Jahr gewusst, dass Mittal an dem Unternehmen interessiert sei, sagte Dolle. Daher seien bereits im vergangenen Frühjahr entsprechende Vorkehrungen mit Banken sowie im Unternehmen selbst getroffen worden. Einzelheiten des Verteidigungsplans nannte Dolle nicht. "Der Kampf hat begonnen und wird lange Zeit dauern, mindestens vier bis sechs Monate, und wir werden ihn gewinnen", sagte der Manager.

Die Offerte von Mittal, der rund 18,6 Milliarden Euro für das luxemburgische Unternehmen geboten hat, bezeichnete Dolle als "schlicht lächerlich". Zum Teil wolle Mittal mit "Spielgeld" bezahlen, also mit Aktien der Gesellschaft, die der Firmengründer selbst zu 98 Prozent kontrolliere und deren Entwicklung seit ihrer Erstnotiz an der Börse "sehr mittelmäßig" gewesen sei.

Eine Übernahme könne nur dramatische Folgen "für die Aktionäre, vor allem aber für die Beschäftigten haben". Er nannte Arcelor den "Airbus des Stahls" und meinte, eine Fusion laufe sehr stark Gefahr, an den Unterschieden in der Unternehmenskultur zu scheitern. Er sei "300-prozentig dagegen".

Am Sonntag hatte der Acelor-Aufsichtsrat die Mittal-Offerte bereits einstimmig zurückgewiesen. Zur Begründung hieß es, weder die strategische Vision noch das Entwicklungsmodell noch die Werte von Arcelor  und Mittal  lägen auf einer Linie. Der Aufsichtsrat sei daher der Meinung, dass die Fortführung der derzeitigen Strategie die beste Garantie für die Wertschöpfung im Interesse der Aktionäre sei.

Mittal Steel will die Übernahme des Konkurrenten Arcelor bis Ende Juni abschließen. Dies sagte Mittal-Chef Lakshmi Mittal am Montag bei einer Pressekonferenz in Paris. Er kündigte zudem an, dass nach der geplanten Übernahme Arcelors kein Werk geschlossen werden soll.

Mittal Steel kaufe nicht Fabriken, "um sie dann zu schließen", sagte Mittal am Montag auf einer Pressekonferenz in Paris. "Wir sind ein europäisches Unternehmen", betonte Mittal, und eine Fusion sei ein guter Weg, europäische Arbeitsplätze zu sichern. 60 Prozent der geplanten jährlichen Synergien von rund einer Milliarde Euro sollen bereits im ersten Jahr realisiert werden.

Kein höheres Angebot

Kein höheres Angebot

Zu dem Begriff "Übernahmeschlacht" sagte der Konzernchef: "Wir sind hier nicht im Krieg, wir schaffen Werte für die Aktionäre der Gesellschaften." Es werde nach einer Übernahme kein Werk geschlossen, "keine Arbeitsplätze gehen verloren". Nach der Fusion wolle die Familie Mittal 51 Prozent der Aktien halten und 64 Prozent der Stimmrechte. Mittal sprach von einer Win-Win-Situation und einer "echten Fusion unter Gleichen". Er wiederholte, von einem Zusammenschluss Synergieeffekte von insgesamt einer Milliarde Dollar zu erwarten, 60 Prozent davon beim Einkauf.

"Wir sind bereit, mit Arcelor zu sprechen, um eine gemeinsame Leitung der künftigen Gruppe zu schaffen", sagte Mittal, dann werde der gemeinsame Konzern eine "sehr starke europäische Basis" haben. Mittal machte deutlich, die angestrebte Übernahme im zweiten Quartal abschließen zu wollen. "Die Stahlindustrie ist zu zersplittert, zu aufgeteilt", erläuterte der indische Konzernchef des Unternehmens mit Sitz in den Niederlanden. "Die geografische Abdeckung (nach einer Fusion) wäre konkurrenzlos", fügte er an.

Eine Erhöhung des Angebots an Arcelor schloss Mittal indes aus. "Wir beabsichtigen nicht, unser Angebot zu ändern", sagte Mittal dazu. Es sei attraktiv. Mittal kündigte an, alle Aktionäre der Arcelor-Gruppe treffen zu wollen.

Bereits am Mittwoch will der Mittal-Eigentümer des Stahlkonzerns EU-Wettbewerbskommissarin Neelie Kroes in Brüssel treffen. Das teilte Kroes' Sprecher am Montag auf Anfrage mit. Solche Treffen seien bei Übernahmegeboten dieser Größenordnung nichts Außergewöhnliches. Die EU-Kommission überprüft große Fusionen und Übernahmen in Europa.

Frankreich in "größter Sorge"

Unterdessen erhält Arcelor Rückendeckung von der französischen sowie der luxemburgischen Regierung. Beide äußerten Bedenken gegen die geplante Übernahme durch Mittal für 18,6 Milliarden Euro. Die Regierung von Luxemburg, das mit 5,6 Prozent der größte Aktionär von Arcelor ist, führte dabei die "offensichtlich feindliche Natur des Gebots" an. Zudem habe es vor der Offerte keine Gespräche zwischen dem Management von Arcelor und der Regierung gegeben.

Der französische Wirtschaftsminister Thierry Breton hat "größte Sorge" um den europäischen Stahlriesen Arcelor wegen des von Mittal Steel angekündigten Übernahmeversuchs. Mittal-Chef Lakshmi Mittal habe im Gespräch mit ihm "keinerlei industrielles Projekt auf den Tisch gelegt", sagte Breton am Montag in Paris.

"Es gibt also zum jetzigen Zeitpunkt keine Informationen, wir können also nur unsere größte Sorge wiederholen", sagte Breton. Mittal habe diese Besorgnis der französischen Regierung verstanden. Es fehle ihm unter anderem an Informationen darüber, dass beide Gruppen zusammen funktionieren und leben könnten, fügte Breton an.

Durch eine Fusion von Mittal und Arcelor entstünde ein Stahlgigant mit einer Jahresproduktion von über 100 Millionen Tonnen. Es wäre der bislang größte Zusammenschluss der Branche, von dem auch der deutsche Marktführer ThyssenKrupp  profitieren würde. Mittal hat dem Düsseldorfer Konzern zugesichert, bei einem Gelingen der Arcelor-Übernahme den kanadischen Stahlhersteller Dofasco  an ihn weiterzuverkaufen. ThyssenKrupp war vor wenigen Tagen im Bieterwettstreit um Dofasco dem luxemburgischen Konkurrenten unterlegen.

ddp, dpa

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