Goldman-Sachs-Kolumne Kein Boom beim Konsum

Die Aktienmärkte setzen auf eine Belebung des privaten Konsums. Und es gibt eine Reihe von Faktoren, die optimistisch stimmen. Doch kann der Verbrauch damit in diesem Jahr zur treibenden Kraft des Aufschwungs in Europa werden?
Von Erik Nielsen

An den Aktienmärkten hat eine mögliche Belebung des privaten Verbrauchs in den vergangenen Monaten Begeisterung ausgelöst. Diese Begeisterung ist verständlich, ist doch eine Erholung des privaten Verbrauchs das fehlende Puzzlestück in der gegenwärtigen Erholung.

Auch wir sehen Gründe für eine etwas positivere Einschätzung der Verbrauchsentwicklung. Das Konsumklima verbessert sich; die Arbeitslosigkeit geht selbst in Deutschland und Frankreich zurück; und die Kreditvergabe an die privaten Haushalte bewegt sich auf hohem Niveau. Auch von zeitlich begrenzten Faktoren wie der Fußball-WM und vorgezogener Käufe in diesem Jahr angesichts der für 2007 in Deutschland geplanten Mehrwertsteuererhöhung könnten positive Impulse ausgehen.

Kein Grund für Euphorie

Allerdings ist es unserer Ansicht nach noch zu früh, um in Bezug auf den Verbrauch in Europa euphorisch zu werden. Seit dem Jahr 2000 hat sich das Verbrauchswachstum auf durchschnittlich 1,6 Prozent jährlich abgeschwächt, verglichen mit 2 Prozent in den Jahren 1981 bis 1999. Seit letztem Sommer unterliegen die Einzelhandelsumsätze in Euroland einem Abwärtstrend. Einzelne Meldungen zur Umsatzentwicklung in Deutschland, Frankreich und Italien sind ebenfalls wenig ermutigend.

Die Stimmung bei den privaten Haushalten hellt sich dagegen auf. Beispielsweise erreichte der Konsumklimaindikator der Europäischen Kommission im Dezember den höchsten Stand seit August 2002 und entspricht jetzt fast dem langfristigen Durchschnitt.

Beschäftigungswachstum für Verbrauch entscheidend

Eine Grundvoraussetzung für eine Erholung des Verbrauchs ist Beschäftigungswachstum. Unser Indikator, der auf den Beschäftigungsteilindizes des Einkaufsmanagerindexes PMI basiert, weist seit Anfang 2005 einen - wenn auch verhaltenen - Aufwärtstrend auf.

Die Kreditvergabe an die privaten Haushalte in Euroland legte 2005 deutlich zu (vor allem Hypothekarkredite), was vermutlich zu einem Rückgang der Sparquote führen wird. Längerfristig dürften aber andere Faktoren dafür sorgen, dass die Sparquote relativ hoch bleiben wird.

Auch wenn die Daten insgesamt auf moderates Wachstum beim Konsum hinweisen und wir nach 1,3 Prozent in 2005 in diesem Jahr mit 1,5 Prozent rechnen, beurteilen wir die Konsumaussichten vorsichtig.

Warum der Konsum nur mäßig steigen wird

Druck auf die Haushaltseinkommen wird anhalten

Der Druck auf die Haushaltseinkommen wird anhalten. Die verfügbaren Einkommen sind nach wie vor die Hauptursache dafür, dass es mit dem Konsum nicht richtig aufwärts geht. Bei den verfügbaren Realeinkommen wird 2006 nur eine Steigerung um 1,75 Prozent erwartet, nach 1,4 Prozent im vergangenen Jahr.

Neben der oben erwähnten leichten Beschleunigung des Beschäftigungswachstums sollte die Kaufkraft von einem Rückgang der Teuerungsrate von 2,2 Prozent in 2005 auf 2 Prozent in 2006 und 1,9 Prozent in 2007 profitieren.

Löhne und Gehälter steigen nur langsam

Die Löhne und Gehälter dürften auch weiterhin nur langsam steigen - die Hauptursache für die Verlangsamung des Verbrauchswachstums in den vergangenen Jahren. In Deutschland sind die Lohnkosten im Zuge der weit reichenden Restrukturierungsmaßnahmen in den vergangenen Jahren gesenkt worden, was zwar die Wettbewerbsfähigkeit und Produktivität verbessert, die Haushaltseinkommen aber geschwächt hat. Andere Euroland-Mitglieder werden vermutlich ebenfalls erkennen, dass sie Strukturreformen durchführen müssen, um ihre Wettbewerbsfähigkeit gegenüber Deutschland zu erhalten.

In der Finanzpolitik wird vermutlich ein restriktiverer Kurs gefahren. In Deutschland geht das verfügbare Einkommen der privaten Haushalte durch Abbau von Steuervergünstigungen und höhere Sozialversicherungsbeitrage um 0,2 Prozent des Bruttoinlandsproduktes (BIP) zurück. Auch Italien und Frankreich wollen ernst machen beim Defizitabbau. Wie glaubwürdig die dazu vorgelegte mittelfristige Planung im Vorfeld von Parlamentswahlen ist, bleibt jedoch abzuwarten.

Sparquote dürfte stabil bleiben

Da es kaum Aussichten auf eine nachhaltige Steigerung der verfügbaren Einkommen gibt, könnte ein Rückgang der Sparquote am ehesten für nachhaltiges Verbrauchswachstum sorgen. Wir gehen jedoch davon aus, dass die Sparquote bis auf weiteres bei knapp über 13 Prozent stabil bleiben wird.

So wie die oben genannten Faktoren in unterschiedlichem Maße in den einzelnen Euroland-Staaten zum Tragen kommen, sind auch die Konsumaussichten für diese unterschiedlich:

In Spanien wird der Verbrauch weiter kräftig zunehmen. Auch die Löhne und Gehälter werden um mehr als 3 Prozent steigen, und wir gehen nicht von einer Verschärfung der Fiskalpolitik aus. In Frankreich erwarten wir einen robusten Verbrauch, weil die Finanzpolitik dort etwas weniger restriktiv sein wird als in Deutschland und Italien. In Italien wird sich das Verbrauchswachstum dieses Jahr geringfügig auf 1,5 Prozent erhöhen - bei solidem Wachstum der Löhne und Gehälter und einer Verschärfung der Finanzpolitik.

Insgesamt wird das Verbrauchswachstum in Euroland deutlich hinter dem BIP-Wachstum zurückbleiben. Längerfristig wird es durch eine ungünstige demographische Entwicklung zusätzlich gebremst. Lediglich eine massive Erleichterung der Kreditvergabe und erhebliche Anstrengungen der Regierungen, um die Haushalte zu einer stärkeren Inanspruchnahme von Krediten zu bewegen, würden uns optimistischer stimmen. Dafür braucht es Zeit. Bis es soweit ist, halten wir es für wenig wahrscheinlich, dass der Verbrauch zur treibenden Kraft des Aufschwungs in Europa wird.

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