Dax-Geflüster Ein Gespenst geht um

Nach dem Kursrückschlag in Tokio fürchten Anleger kräftige Tagesverluste auch an den deutschen Börsen – und womöglich gar das Ende einer neuen Börsenblase hier zu Lande. Dabei hat bisher niemand bewiesen, dass sie überhaupt existiert.
Von Karsten Stumm

Hamburg - War es das schon wieder? Geht die Zeit steigender Kurse an den bedeutendsten Börsen der Welt schon wieder zu Ende? Vorsichtige Sparer jedenfalls spüren neue Risiken. Immerhin mussten sie in den vergangenen Tagen mit ansehen, wie allein an der Börse in Tokio binnen weniger Tage Kapital im Wert von gut 250 Milliarden Euro verloren ging. Das entspricht in etwa der jährlichen Wirtschaftskraft von Schweden. Vorbei schien der kurze aber heftige Anstieg der zweitwichtigsten Volkswirtschaft der Erde, und das trotz erheblich verbesserter wirtschaftlicher Rahmenbedingungen, wie viele Experten glauben.

"Einige unserer Kunden haben sich bereits besorgt gemeldet, wann der Kursrutsch in Asien wohl auf Deutschland übergreift", berichtet Markus Zschaber, Portfolioverwalter der mehrere hundert Millionen Euro schweren Kölner VMZ Vermögensverwaltung.

Zu ähnlich scheint vielen Anlegern offenbar die Wirtschaftslage in Japan und Deutschland zu sein. Schließlich leiden beide Volkswirtschaften seit Jahren unter Mini-Wachstum, beide setzen auf Reformen und sowohl an Tokios Aktienmarkt als auch dem in Frankfurt sind die Kurse zuletzt besonders in die Höhe gegangen. Und der Kurseinbruch in Japan bestätigte die Anlegern dann in ihrer Vorsicht: In Internet-Anlegerzirkeln stellen Sparer dann auch bereits lakonisch fest: "Die Party ist vorbei".

Bevor Sie sich diesem Urteil anschließen, sollten Sie Ian Scott kennen lernen, den Chef-Aktienstrategen der US-Investmentbank Lehman Brothers . Er hält gerade den deutschen Aktienmarkt weiterhin für einen der stabilsten der Welt, und er hat gute Gründe dafür. "Deutschland ist derzeit die billigste Region in ganz Europa, vielleicht auf der ganzen Welt. Wir haben hier die ungewöhnliche Situation eines sehr günstigen Aktienmarktes, kombiniert mit sehr gutem Profitwachstum der Unternehmen", sagte Scott der Börsenzeitung.

Tatsächlich sind die Aktien deutscher Topfirmen derzeit günstiger zu haben als etwa die Anteilsscheine amerikanischer Standardwerte. Sie kosten - gemessen am Standard&Poor's-Index  - im Schnitt etwa die Hälfte mehr als deutscher Aktien, britische FTSE-100-Titel  nahezu das Doppelte, hat die Finanznachrichtenagentur Bloomberg ermittelt. Denn die großen Unternehmen der Bundesrepublik verdienen im Moment so gut, dass die bisherigen Kurssteigerungen an der Börse in Frankfurt am Main dazu in einem akzeptablen Rahmen stehen - anders als vor der Börsenkrise im Jahr 2000.

Nie mehr Spekulationsblasen

Nie mehr Spekulationsblasen

Die 30 bedeutendsten deutschen Aktiengesellschaften beispielsweise, deren Anteilsscheine im Aktienleitindex Dax  notiert werden, haben im vergangenen Jahr fast ein Drittel mehr verdient als noch 2004, und damals verdienten sie bereits so gut wie nie zuvor. Und für dieses Jahr rechnen die Experten der Geldhäuser mit einem weiteren Gewinnplus der Dax-Unternehmen um durchschnittlich 12 Prozent, hat Thomson Financial ermittelt. Zudem stecken Unternehmen wieder mehr Geld in ihre Anlagen.

Wirtschaftsforscher haben errechnet, dass Deutschlands Firmen schon im vergangenen Jahr gut 4 Prozent mehr investiert haben als im Vorjahr. In 2006 sollen 4,5 Prozent dazu kommen. "Deutschland ist unser Topmarkt für 2006", sagte Scott der Börsenzeitung, und rechnet mit einem Dax-Kursniveau von etwa 5730 Punkten zum Jahresende; derzeit pendelt das bedeutendste deutsche Börsenbarometer um die 5430 Punktemarke. Analysten der niederländischen Bank ABN Amro  spekulieren sogar auf 6000 Zähler.

Durch Frankfurts Finanzkreise geistert ein weiteres Argument für den deutschen Aktienmarkt. Die hiesigen Unternehmen hätten zuletzt so gut verdient, dass sie sogar eine Reihe profitabler ausländischer Firmen übernehmen und ihre Gewinnsituation so weiter verbessern könnten. Damit blieben deutsche Aktien auch weiterhin vergleichsweise günstig. Allein das Düsseldorfer Energieunternehmen Eon  hat offenbar mehr als 15 Milliarden Euro für Zukäufe parat.

"Sehr viele Anleger haben sich nach dem Crash Anfang des Jahrtausends geschworen, nie mehr vom schnellen Gewinn an der Börse verführt zu werden. Deshalb halten sie in jeder Ecke der Finanzmärkte nach Spekulationsblasen Ausschau - und der Kursanstieg an Deutschlands Aktienmarkt schien ihnen dafür nur ein weiteres Beispiel zu sein", kommentiert Joachim Goldberg die Börsenlage, Geschäftsführer der Firma Cognitrend, die sich auf Finanzmarktanalysen mit psychologischem Blickwinkel spezialisiert hat. "Aber weit und breit ist keine Blase zu sehen."

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