Börsenrally Wer nichts wagt, gewinnt

Anleger sind in Kauflaune. Am beliebtesten sind jedoch Unternehmen, die große Pläne platzen lassen. Die Fälle Eon, Deutsche Börse und ThyssenKrupp unterstreichen: Die Börse handelt keine Zukunft mehr, sondern feiert lieber hohe Barreserven.

Der Dax klettert, Anleger sind bester Laune. Was kann ein Topmanager dieser Tage tun, damit die Aktie seines Unternehmens vom allgemeinen Kaufrausch profitiert? Damit er am Jahresende sagen kann: "Der Dax  hat tüchtig zugelegt, aber wir waren noch besser?"

Am besten, er tut gar nichts. Oder, am allerbesten, er verkündet lautstark, etwas doch nicht zu tun, was er eigentlich tun wollte. Rückzieher werden fürstlich belohnt in diesen Tagen. Aktionismus ist dagegen Gift.

Eons bravouröser Rückzieher

Wulf Bernotat, Konzernchef des Versorgers Eon , ist ein bravouröser Rückzieher gelungen. Seinen Entschluss, den schottischen Versorger Scottish Power doch nicht zu übernehmen, quittierten die Anleger mit satten Kursaufschlägen. Eon hat zwar dank grandioser Gaspreis-Steigerungen in diesem Jahr bestens verdient und sitzt mittlerweile auf einer schlanken Barreserve von 16 Milliarden Euro. Doch überstürzt will Bernotat das Geld dann doch nicht ausgeben, obwohl die Schotten bestens zur jüngsten Eon-Tochter Powergen gepasst hätten.

Lohn der Sparsamkeit: Große Fonds fordern seit Monaten eine Sonderausschüttung für die Eon-Aktionäre. Nach der geplatzten Übernahme sind weitere Aktionäre eingestiegen, in der Hoffnung auf den warmen Geldregen.

Deutsche Börse: Top-Performer in Schwierigkeiten

Einen Geldregen gab es bereits für Aktionäre der Deutschen Börse, obwohl der Rückzieher von Börsenchef Werner Seifert weit weniger bravourös war. Sein Abschied von dem Versuch, die London Stock Exchange zu übernehmen, war notgedrungen und bedeutete im Frühsommer auch den Rückzug vom Chefsessel. Hedgefonds-Manager Christopher Hohn, von vielen als "Heuschrecke" gescholten, drängte auf Ausschüttung der Barreserven und gleichzeitig Seifert aus dem Amt: Die Deutsche Börse  ist zwar strategisch in der Zwickmühle, doch der Aktienkurs hat sich seit Jahresbeginn beinahe verdoppelt.

Thyssen, Tui, Telekom: Fataler Aktionismus

ThyssenKrupps fataler Aktionismus

Soweit zu lukrativen Absagen. Fatal wirkt dagegen der Versuch, Aktionäre durch forsches Handeln zu beeindrucken.

Ekkehard Schulz, Chef des Stahlkonzerns ThyssenKrupp , hat es diese Woche leidvoll erfahren: 3,5 Milliarden Euro bietet Thyssen für den kanadischen Stahlhersteller Dofasco, um mit den Konkurrenten Arcelor und Mittal Schritt zu halten und selbst in die Top Five der Branche vorzustoßen.

Es ist nicht so, dass der Kauf ThyssenKrupp finanziell das Kreuz brechen würde: Kaum eine Branche hat in diesem Jahr so gut verdient, der Vorsteuergewinn von ThyssenKrupp kletterte in diesem Jahr auf 1,8 Milliarden Euro, der Konzern ist schuldenfrei. Doch die Anleger, konfrontiert mit den Expansionsplänen? Sie verkaufen.

Abgehängt: Thyssen, Tui, Post, Telekom

Ähnlich erging es dem Touristikriesen Tui , dessen Aktie seit Übernahme des Reeders CP Ships in schwerem Wasser ist. Auch das Papier der Deutschen Post , durch die Übernahme der britischen Exel  zum weltgrößten Logistiker aufgestiegen, dümpelt dem Dax  hoffnungslos hinterher. Ganz zu schweigen von der Deutschen Telekom , deren Chef Kai-Uwe Ricke kürzlich nassforsch die Maxime "Marktanteile vor Gewinn" ausgab.

Thyssen, Tui, Post und Telekom: Die Kursrallye im Dax geht an diesen Unternehmen scheinbar vorbei. Gefragt sind Eon und Deutsche Börse, Konzerne, die vor lauter Geld kaum noch gehen können.

Das Jahr 2000, die Muppet Show und die Folgen

"Cash zählt, und das aus gutem Grund", meint Markus Wallner, Investmentstratege im Privatkundengeschäft der Deutschen Bank. Der Schock des Jahres 2000, als Unternehmen wie EM.TV  knapp 700 Millionen Dollar für die Rechte an der Muppet Show verpulverten und die Deutsche Telekom rund 40 Milliarden Euro für den damals defizitären Mobilfunkanbieter Voicestream zahlte, wirke bis heute nach.

"Anleger achten seitdem stärker auf Unternehmen, die ihre Bilanzen in Ordnung bringen: Wer einfach nur Umsatz auf Kosten der Marge einkauft, wird abgestraft", sagt Wallner. Die Börse belohne Wachstum durchaus. Aber, bitteschön, Wachstum zu einem "vernünftigen Preis".

Was Wertschaffer anders machen

Der Letzte macht das Licht aus

Gehört den Sparhanseln die Zukunft an der Börse? Nicht unbedingt. Zum Ende dieses Börsenjahres, des dritten positiven Börsenjahres in Folge, dürfte die Phase des Sparens und der starken Defensive zu Ende gehen.

"Die meisten Dax-Konzerne haben erfolgreich restrukturiert und fahren wieder stattliche Gewinne ein", sagt Wallner. "Die entscheidende Frage wird bald sein, wie man das viele Geld sinnvoll investiert." Die Phase des Gesundschrumpfens sei notwendig gewesen, aber weitgehend abgeschlossen: "Wenn man sich allein aufs Sparen konzentriert, macht irgendwann der Letzte das Licht aus".

Mehr Wachstum wagen - solch ein Denken zeichne einen "Value Builder" aus, sagt Paul Laudicina, Vice President der Unternehmensberatung AT Kearney. Da sich die Welt rasant verändere, müsse man diesen Wandel als Chance ergreifen: Wer auf externen Wandel reagiert, komme bereits zu spät. Ein "Wertschaffer" nehme Geld und das eigene Schicksal in die Hand - wer Effizienz in den Vordergrund stellt, Ressourcen zurückschraubt und aus dem Verbleibenden das Äußerste herausholt, werde nicht zu den Gewinnern von morgen gehören.

Was Wertschaffer anders machen

Zeit also, dass Unternehmenschefs wieder aus den schützenden Gräben herauskommen. "Erfolgreiche Unternehmen halten sich nicht mit Ängsten auf - sie ergreifen Chancen", sagt BASF-Chef Jürgen Hambrecht, der eine Milliardensumme in eine neue Verbundanlage in China  investiert hat.

Für den Aktienexperten Wallner zählen BASF , SAP , Lufthansa  und Adidas  zu den Unternehmen, die auf einem "gesunden Wachstumskurs" sind. "2006, wenn sich das globale Wachstum abschwächen wird, werden diejenigen Unternehmen in den Blick geraten, die viel für ihr eigenes Wachstum tun", ist der Stratege der Deutschen Bank überzeugt.

Werden dann auch Anleger wieder mehr auf Zukunftschancen und weniger auf Cash blicken? Geldspeicher wie Eon und Deutsche Börse werden sicherlich in diesem Jahr zu den Top-Performern im Dax  gehören. Anlegern von Tui , Post  und ThyssenKrupp  bleibt die Hoffnung, dass ihr Kurs im nächsten Jahr Früchte trägt.

Und Wulf Bernotat? Der Eon-Chef sollte sich rasch überlegen, was er mit dem vielen Geld anstellen will. Er hat nicht vor, dem Kollegen Seifert nachzufolgen. Entschlossenes Handeln dürfte sich bald wieder lohnen.

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