Goldman-Sachs-Kolumne Die richtige Wahl

Neuer Chef der US-Notenbank soll Ben Bernanke werden. Nach Ansicht von Goldman Sachs ist er für die Greenspan-Nachfolge hervorragend qualifiziert. Einen grundsätzlichen Politikwechsel dürfte er nicht vollziehen, aber zu mehr Transparenz der Fed-Entscheidungen beitragen - denn Bernanke ist ein Mann klarer Worte.
Von Erik Nielsen

Mit der Ernennung von Ben Bernanke zum Nachfolger von Alan Greenspan als Chef der US-Notenbank (Fed) hat Präsident Bush eine sehr gute Wahl getroffen. Bernanke ist für diese Position hervorragend qualifiziert und verfügt über weit reichende Erfahrung in Forschung und Lehre sowie im Regierungsdienst. Er hat an einigen der renommiertesten Universitäten der USA unterrichtet und Aufsätze und Bücher über makroökonomische Analyse und Geldpolitik veröffentlicht. Vor seiner jetzigen Tätigkeit als Chef des Wirtschaftsberaterteams von Präsident Bush gehörte er drei Jahre lang als Gouverneur dem Federal Reserve Board, dem obersten Organ des US-Zentralbanksystems an. Und er ist bekannt dafür, dass er sich klar und deutlich ausdrückt.

In und außerhalb des Federal Reserve Boards hat Bernanke die Auffassung vertreten, dass Transparenz bei der Notenbank die Volatilität am Markt verringert und die Wirksamkeit der Geldpolitik erhöht. Deshalb erwarten wir in den Stellungnahmen zur Geldpolitik auch weiterhin Aussagen, die der Öffentlichkeit die künftigen Absichten der Fed erklären werden.

Die Märkte arbeiten nicht immer mit der Fed zusammen. Aber je offener die Notenbankvertreter ihre Absichten mitteilen, desto wahrscheinlicher ist es, dass die Märkte sich auch dementsprechend verhalten. Das Konzept der sogenannten finanziellen Rahmenbedingungen der Geldpolitik fasst alle Wirkungskanäle der Geldpolitik in einem Index zusammen, dem "Financial Conditions Index". Wir gehen davon aus, dass sich dieses Konzept unter Bernanke als noch nützlicher erweisen wird, als bislang schon.

Von den als Greenspan-Nachfolger gehandelten Kandidaten hat sich Bernanke als einziger offen für die Inflationssteuerung ausgesprochen. Das heißt aber nicht, dass es nach seinem Amtsantritt sofort einen Richtungswechsel geben wird. Denn im Offenmarktausschuss der USA (FOMC) wird Kollegialität groß geschrieben, so dass der neue Chef der Fed für jede Änderung, die er vornehmen will, um die Unterstützung seiner FOMC-Kollegen werben muss. Und außerhalb der Fed muss er auf die unvermeidliche Sorge im Kongress eingehen, dass die Festlegung eines Inflationsziels automatisch eine Unterordnung des zweiten Auftrags der Fed - nämlich ein möglichst hohes Beschäftigungsniveau zu sichern - bedeutet.

Wenn sie vor die Wahl gestellt werden, dürften die meisten Kongressabgeordneten einer Wachstumssteuerung den Vorzug vor der Inflationssteuerung geben. Bernanke wird vermutlich argumentieren, dass durch eine glaubwürdige Anti-Inflationspolitik die Fähigkeit der Fed gestärkt wird, das Produktions- und Beschäftigungsziel zu erreichen.

Image der Unabhängigkeit bewahrt

Image der Unabhängigkeit bewahrt

Bei vielen Finanzmarktakteuren steht Bernanke in dem Ruf, zu einer eher lockeren Geldpolitik zu neigen. Dies hängt mit seiner Zeit als Fed-Gouverneur zusammen. Als er sein Amt antrat, waren die USA einer Deflation so nahe wie seit 1930 nicht mehr. In dieser Phase redete Bernanke oft einer lockeren Geldpolitik das Wort. Die jetzige Situation ist aber ganz anders, denn die Inflationsrate bewegt sich am oberen Rand der Bandbreite von 1 bis 2 Prozent, die Bernanke einmal als "Komfortzone" bezeichnet hat. Angesichts seines Bekenntnisses zur Inflationssteuerung lässt dies vermuten, dass Bernanke eher zu einer straffen Geldpolitik neigen würde.

Obwohl er als Chef des Wirtschaftsberaterteams sein Amt an der Spitze der Fed antreten wird, hat sich Bernanke das Image der Unabhängigkeit bewahrt. Das mag daran liegen, dass er seine jetzige Position nicht lange genug innehatte, um in wichtigen parteipolitischen Fragen Stellung beziehen zu müssen. Außerdem hat er während seiner Tätigkeit beim Federal Reserve Board viele Reden gehalten, die sich durch unabhängiges Denken und klare Ausdrucksweise auszeichneten. Die Ernennung Bernankes sollte all diejenigen beruhigen, die befürchten, der Fed-Chef tue nur, was das Weiße Haus von ihm verlangt.

Wie wird es nun weitergehen? Wie bei so wichtigen Positionen üblich, muss die Ernennung von Ben Bernanke als Chef der Fed erst noch vom US-Senat bestätigt werden. Dies wird vermutlich geschehen, noch bevor der Kongress in die Weihnachtspause geht.

Wir glauben nicht, dass es bei der Bestätigung Bernankes größere Widerstände geben wird - schließlich hat er in den vergangenen drei Jahren schon zweimal den Segen des Senats erhalten. Aber er wird sich wohl einer intensiven Befragung zum Thema Inflationssteuerung, aber auch zu Themen wie der Rolle der Finanzmarktpreise im Rahmen der Inflationssteuerung, unterziehen müssen.

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