Devisenmarkt Das Ende des Euro-Bubbles

Europas Gemeinschaftswährung hat womöglich die Schwelle zu einer neuen Ära schwacher Euro-Kurse überschritten. Erste Devisenexperten sprechen von einer Zeitenwende. Ausgerechnet jetzt setzen Amerikas und Europas Zentralbanker den Euro auch noch selbst unter Druck.
Von Karsten Stumm

Hamburg - Der Euro ist unberechenbar. Wer heute einen Euro-Münze in US-Dollar tauschte, bekam dafür den schlechtesten Kurs seit November 2003 - nur noch 1,1711 Dollar. Anfang Mai dieses Jahres waren es noch 1,28770 Dollar, zu Jahresbeginn sogar 1,35690 Dollar - ein Minus von nahezu 15 Prozent in nur zehn Monaten.

Ist das noch eine kleine Schwächphase?

Viele Devisenexperten wollen daran nicht mehr glauben. "Nachdem der Euro unter die Marke von 1,1760 US-Dollar gerutscht ist, könnte der Abwärtsdruck jetzt so stark werden, dass der Euro-Kurse bis zu 1,15 bis 1,16 Dollar pro Euro möglich sind", sagt Carsten Fritsch, Devisenanalyst bei der Commerzbank, zu manager-magazin.de.

Der Druck auf Europas Währung ist mittlerweile offenbar so hoch, dass selbst schwächere US-Konjunkturdaten den Euro-Kurs nicht mehr antreiben können. Amerikas Arbeitsmarktdaten beispielsweise fielen zuletzt deutlich schwächer aus als viele Volkswirte erwartet hatten. Doch nicht etwa der Dollar verlor anschließend an Wert, sondern der Euro.

"Da hat der Devisenmarkt bereits völlig gegen jegliche Vernunft reagiert", sagt Dorothea Huttanus, Leiterin Geld- und Devisenmärkte der DZ Bank. Sonja Marten spürt, dass das etwas bedeutet: "Wenn schwache Zahlen wenig Effekt haben, dann dreht der Markt", ergänzt die Devisenstrategin der Investmentbank Dresdner Kleinwort Wasserstein.

Vielleicht hat er schon gedreht, schleichend und unbemerkt.

Erste Experten sprechen von einer Zeitenwende. "Der Euro hat zuletzt drei Jahre lang gegenüber dem Dollar an Wert gewonnen. Jetzt geht es andersherum - Ende eines Euro-Bubbles", sagt Paul De Grauwe, Professor an der Universität Leuven und Wirtschaftsberater von EU-Kommissionschef José Manuel Barroso, gegenüber manager-magazin.de.

Trend überlagert Wirtschaftsdaten

Trend überlagert Wirtschaftsdaten

Behält der renommierte Forscher Recht, befindet sich der Euro in der ersten Phase eines neuen und großen Abwärtszyklusses, wie ihn die Europäer bereits einmal beobachtet haben:

Von 1996 bis zum Jahr 2001 verlor die Gemeinschaftswährung und ihre Vorgängerdevisen gegenüber dem US-Dollar fast 70 Prozent ihres Wertes, in den drei Folgejahren erholte sich der Euro dafür genauso spektakulär. Und genau wie heute hatten Konjunkturdaten auch während dieser ersten großen Euro-Schwächephase kaum noch Einfluss auf die kurzfristige Kursentwicklung der Euro-Devise.

In der Tiefe der Euro-Baisse beispielsweise wuchs und wuchs das amerikanische Leistungsbilanzdefizit, auf mehr als 4 Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung des Landes am Jahresende 2000. Doch obwohl speziell dieser Wirtschaftsindikator von Devisenmarktforschern stets beachtet worden ist, konnte der Euro nicht von dieser Schwachstelle der US-Wirtschaft profitieren. Das Loch in Amerikas Leistungsbilanz schadete dem Dollar wenig, der Euro-Kurs aber sank weiter.

Devisenmarktexperten beobachten solche Phänomene immer wieder. Ist eine Währung erst einmal in einem Abwärtstrend gefangen, reichen oftmals selbst neue und gute Wirtschaftsdaten nicht, um sich schnell aus dem Strudel zu herauszuarbeiten. Nach Meinung mancher Währungsfachleute scheint der Euro bereits an den Rand eines solchen dauerhaften Abwärtssoges gezogen zu werden. Die aktuelle Zinspolitik der weltweit wichtigsten Notenbanken in den USA und in Frankfurt könnte ihm jetzt den entscheidenden Stoß versetzen.

Während Amerikas Währungshüter ihren Leitzins in den vergangenen Monaten in zwölf kleinen Schritten auf nunmehr 4 Prozent angehoben haben, halten die Euro-Banker ihren Zinssatz seit Juni 2003 bei niedrigen 2 Prozent - vor allem, um den kleinen Wirtschaftsaufschwung in Euroland nicht durch höhere Kapitalkosten zu gefährden.

Doch die Zinsdifferenz zu Amerika macht Geldanlagen in Übersee verglichen mit ähnlichen Investments in Euroland in vielen kleinen Trippelschritten attraktiver. Deshalb decken sich viele Devisenhändler derzeit zusätzlich mit Dollar ein und verkaufen dafür Euro. Der Kurs der Gemeinschaftswährung sinkt entsprechend.

Notenbanker setzen Euro unter Druck

Notenbanker setzen Euro unter Druck

"Mehr und mehr Marktteilnehmer glauben, dass die US-Notenbank ihre Leitzinsen im kommenden Jahr auf bis zu 4,75 Prozent noch weiter anhebt, aber Europas Zentralbanker zumindest bis Jahresende 2005 ihr jetziges Zinsniveau beibehalten. Dann wäre die Zinsdifferenz zwischen Europa und Amerika noch höher als jetzt schon, und zwar zu Lasten des Euroraums", sagt Commerzbank-Devisenanalyst Fritsch.

Genau zu Beginn der Stimmungswende gegen den Euro setzt die Zinspolitik der Notenbanken die Gemeinschaftswährung so zusätzlich unter Druck, und das auch noch kräftig. "Die unterschiedlich hohen Zinsniveaus haben den Euro gerade in den vergangenen Tagen deutlich geschwächt", sagt Stefan Schilbe zu manager-magazin.de, Chefvolkswirt von HSBC Trinkaus & Burkhardt.

"Als dadurch die wichtige Euro-Unterstützung bei einem Preis von 1,1870 Dollar unterschritten wurde, setzten viele Stopp-Loss-Orders ein, und ab dann ging es mit dem Euro-Kurs noch weiter nach unten", ergänzt Commerzbank-Analyst Fritsch. "Der Euro muss sich jetzt einen neuen Kurs-Boden suchen."

Wie lange er dafür braucht, will jetzt kein Experte schätzen. "Der Zinsvorteil ist zwar überzeugend", sagt DZ-Bank-Analystin Huttanus, "aber alles, was daran Zweifel aufkommen lässt, wird mittlerweile ja auch ignoriert".

Trends an Devisenmärkten können deshalb robust sein. Der US-Dollar beispielsweise verlor in der Zeit zwischen April 1990 bis April 1995 fast 60 Monate lang gegenüber dem japanischen Yen an Wert, bis der Dollar die Trendwende schaffte.

Die Investmentbanker des amerikanischen Geldhauses Morgan Stanley wollen zwar nicht für so viele Monate im Voraus planen, für die kommenden Wochen bis zum Jahreswechsel aber schon. "Der Euro-Kurs ist bis dahin auf dem Weg in Richtung von 1,16 Dollar", sagt Stephen L. Jen. Und damit wieder ein paar Schritte näher an der möglichen neuen Euro-Baisse.

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