Börsenfusion "Verwirrung und Irreführung"

Die spektakuläre Fusion der New Yorker Börse Nyse mit dem virtuellen Handelsplatz Archipelago wird immer konkreter. Am 6. Dezember soll der Deal besiegelt werden. Doch die Auseinandersetzung von Fusionsgegnern und -befürwortern hat längst groteske Formen angenommen.

New York - Ganze 539 Seiten ist es dick, das Papier, das dieser Tage zu einem der meistgelesenen an der Wall Street gehört. Es ist die detaillierte Aktionärsinformation für die geplante Fusion der New York Stock Exchange (Nyse) mit der elektronischen Börse Archipelago, die Nyse-Chef John Thain seinen Anteilseignern vor ein paar Tagen ins Postfach steckte. "Ihre Stimme ist sehr wichtig", lockte Thain im Begleitschreiben. "Eine Enthaltung hat denselben Effekt wie eine Gegenstimme."

Der Countdown läuft, der Termin steht fest: Am 6. Dezember sollen die Aktionäre beider Handelsplätze - die von Archipelago vormittags in Chicago, die der Nyse nach Börsenschluss in Manhattan - über den Mega-Deal abstimmen, der die größte, mächtigste, modernste Börse der Welt schaffen würde. Doch die Drahtzieher der Fusion müssen sich bis zum Nikolaustag noch auf die eine oder andere negative Überraschung einstellen.

Zwar hat die US-Börsenaufsicht bereits das sogenannte Proxy Statement gebilligt, in dem die Nyse selbst das kleinste Kleingedruckte ihrer Fusionspläne offen legt, inklusive potentieller Risiken ("das vereinte Unternehmen wird bedeutende Transaktions- und Fusionskosten tragen müssen"). Auch gehen Beobachter davon aus, dass die Archipelago-Aktionäre keinen Ärger machen. In der Nyse an der Wall Street selbst aber sieht das auch sieben Monate nach der dramatischen Verkündung des Vorhabens noch anders aus.

Einige der 1366 einflussreichen, stimmberechtigten Nyse -Platzhalter halten den Merger für ein schlechtes Geschäft. Sie wollen mehr Geld für sich rausschlagen: Bei Thains Angebot werde die 213-jährige Börse unterbewertet. Vor allem William Higgins, der Präsident der Dissidentengruppe Association of the Nyse Equity Members, und der frühere Nyse-Direktor Ken Langone lassen nicht locker.

Der Zusammenschluss des Dinosauriers Nyse mit dem virtuellen Frischling Archipelago, eine Zweckehe von Tradition und Fortschritt, würde die Wall Street umwälzen wie keine Transaktion zuvor. Die Fusion wäre auch eine Kriegserklärung an die Tech-Börse Nasdaq. Denn dank Archipelago würden auch an der Nyse fortan die Computer Regie führen und nicht mehr die Parketthändler, die bisher für rund 90 Prozent aller Nyse-Händel zuständig sind. Für die Reputation der Nyse tat der avisierte Deal schon jetzt Wunder: Eine Nyse-Mitgliedschaft wurde vorige Woche zum Rekordpreis von drei Millionen Dollar gehandelt - mehr als das Dreifache des Januar-Preises.

Umfragen und Gegenumfragen

Umfragen und Gegenumfragen

Der interne Zank, anfangs noch zivil ausgetragen, hat längst groteske Formen angenommen - obwohl Thain seit Wochen rastlos auf PR-Tour ist. So verschickten die Protestler kürzlich eine "vertrauliche Umfrage" an alle Nyse-Mitglieder, ob sie die Fusion für richtig oder falsch hielten; das Ergebnis wollen sie nur Stunden vor der entscheidenden Dezember-Abstimmung bekannt geben. Thain verdammte das als durchsichtigen Versuch, die Stimmberechtigten "zu verwirren und irrezuführen". Prompt brachte Nyse-Member Bill Power, ein Fusionsbefürworter, seine eigene Umfrage unter 261 Börsenmitgliedern in Umlauf. Deren Ergebnis, kaum schockierend: 259 pro, 2 contra.

Der Dissident Higgins hat außerdem eine Sammelklage gegen Thain und das Brokerhaus Goldman Sachs angestrengt, das die Fusion betreut und dem Higgins einen Interessenkonflikt vorwirft. Das Verfahren, dem sich mittlerweile ein gutes Dutzend Nebenkläger angeschlossen hat, liegt derzeit beim Obersten Gerichtshofs des US-Bundesstaats New York. Higgins dürfte versuchen, die Abstimmung über den Merger vertagen zu lassen, bis die Richter entschieden haben.

John Thain wirft sein Auge unterdessen schon auf neue Horizonte. Sollte die Konsolidierung der europäischen Börsen weitergehen und von den drei großen Marktplätzen Deutsche Börse, London Stock Exchange und Euronext am Ende "nur noch einer übrig bleiben", so erklärte er neulich, "dann könnte das eine interessante Gelegenheit für uns sein".

Aber das ist ein Wunsch für die fernere Zukunft.

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