Montag, 23. September 2019

Ben Bernanke "Ohne ideologische Scheuklappen"

Der Lebenslauf des designierten US-Notenbankchefs Bernard Bernanke gleicht einer akademischen Bilderbuchkarriere. Studium und Lehrtätigkeit an den renommiertesten US-Universitäten, anschließend ein rascher Aufstieg zu den Schaltstellen der Macht. Trotz seiner Nähe zu George W. Bush gilt Bernanke als unabhängig.

Washington - Mit Bernard "Ben" Bernanke nominierte US-Präsident George W. Bush am Montag einen der wenigen Wirtschaftsexperten, dem an den Finanzmärkten zugetraut wird, in die großen Fußstapfen seines Vorgängers Alan Greenspans zu treten. Für den 51-jährigen Republikaner wäre die Ernennung zum einflussreichsten Notenbankchef der Welt der Höhepunkt einer Bilderbuchkarriere, die ihn systematisch immer näher an die Schaltstellen der Macht in Wirtschaft und Politik geführt hat.

Designierter Fed-Chef Bernard Bernanke: Keine Richtungsänderung in der Zinspolitik
Bernanke galt seit langem als Favorit für die Greenspan-Nachfolge und avancierte im Juni zu Bushs oberstem Wirtschaftsberater. Im Weißen Haus hat er gelernt, sich mit seinen oft unbequemen, aber realistischen Ansichten auf der politischen Bühne zu behaupten. Zuvor war er drei Jahre lang als renommierter Gouverneur im Direktorium der Fed einer der wenigen US-Notenbanker neben Greenspan, dessen Worte die Märkte bewegen konnten.

Frühere Fed-Kollegen haben Bernanke einmal als "Weltklasse-Volkswirt ohne ideologische Scheuklappen" bezeichnet. Einige Experten sind sich sicher, dass der Ökonomieprofessor den Chefposten in Bushs Wirtschaftsberaterteam nur angenommen hat, um seine Chancen für die Greenspan-Nachfolge weiter zu erhöhen. Andere vermuteten, er habe in diesem Job vor allem Einfluss auf die Wirtschaftspolitik des Präsidenten nehmen wollen.

"Sehr eng mit George W. Bush verbunden"

Josh Stiles, Rentenstratege von Ideaglobal in New York, sieht genau darin aber auch eine Gefahr für seine künftige Aufgabe: "Mir macht Sorge, dass er durch seine bisherige Rolle sehr eng mit Bush verbunden ist." Der US-Präsident könne daher versuchen, ihn zu beeinflussen.

In der US-Zinspolitik erwarten Volkswirte keine grundlegende Richtungsänderung nach 18 Jahren Greenspan. Allerdings gilt Bernanke im Gegensatz zu seinem Vorgänger als Anhänger eines öffentlich bekannten Inflationsziels, an dem die Zentralbank ihre Geldpolitik ausrichten soll. Darüber soll er mit Greenspan bei einigen Fed-Sitzungen immer wieder kontrovers diskutiert haben.

Der Kampf gegen die Inflation zieht sich wie ein roter Faden durch die Publikationen des Princeton-Professors. "Inflation Targeting" lautet das Stichwort, das in Bernankes Veröffentlichungen immer wiederkehrt. Es geht um die richtigen Methoden, mit denen der Preisauftrieb ins Visier genommen und besiegt werden kann. Damit liegt er genau auf der Linie, welche die Finanzmärkte von dem Nachfolger des 79-jährigen Notenbankchefs Alan Greenspan erhoffen.

Stationen in Harvard, Stanford und Princeton

"Das fundamentale Prinzip gesunder monetärer Politik besteht darin, Preisstabilität zu erreichen und zu erhalten", lautet der erste Satz eines Beitrags von Bernanke aus dem Jahr 2003. Er äußerte sich damals bereits als Mitglied des Gouverneursrats der Fed, in den er im Jahr zuvor berufen worden war.

Nach einem Bachelor-Abschluss an der Harvard-Universität 1975 promovierte Bernanke 1979 am renommierten Massachusetts Institute of Technology (MIT) - und übernahm gleich im Anschluss seine erste Lehrtätigkeit an der Stanford-Universität, bevor er 1985 nach Princeton wechselte. Wiederholt wurde Bernanke von der Londoner School of Economics zu Gastvorträgen eingeladen.

Spätestens seit diesem Sommer ist offenkundig, dass Bush auf den Princeton-Professor große Stücke hält. Denn der US-Präsident ernannte "Ben" Bernanke im Juni zum Chef seines Wirtschaftsberaterstabes. Bevor sich Bush auf den künftigen Chef der Notenbank und Nachfolger des legendären Greenspan festlegte, führte er mit mehreren denkbaren Kandidaten Vorgespräche. Mit Bernanke soll er dabei nicht nur über Finanzfragen, sondern auch über den Baseball-Club Boston Red Sox gefachsimpelt haben, zu dessen Fan-Gemeinde Bernanke zählt.

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