Reto Francioni Der vorsichtige Diplomat

Reto Francioni ist neuer Vorstandschef der Deutschen Börse. Im Gegensatz zu seinem Vorgänger Werner Seifert trauen ihm Beobachter das nötige Fingerspitzengefühl zu, die Konsolidierung der europäischen Börsenlandschaft voranzutreiben. Keine leichte Aufgabe: Schließlich sitzen Francioni mächtige und ungeduldige Fonds im Nacken.
Von Rita Syre

Frankfurt am Main - Reto Francioni wird schon sehr bald zwischen dem schweizerischen Städtchen Brugg im Kanton Aargau in der Nähe von Zürich und Frankfurt pendeln. Wie schon einmal. Bis zum Jahr 2000 war er stellvertretender Vorstandschef der Deutschen Börse  und im Vorstand für das Herzstück der Börse, den Kassamarkt, verantwortlich; außerdem gilt er als Vater des inzwischen verrufenen Neuen Marktes.

Der 50-jährige Börsenprofi aus der Schweiz hatte in seinen sieben Jahren im obersten Führungsgremium der Frankfurter Börse erfolgreich das elektronische Handelssystem Xetra eingeführt. Damit hatte er die Frankfurter Börse Ende der 90er Jahre während der Zeit der Kämpfe der Handelssysteme äußerst erfolgreich positioniert und die Voraussetzung für die Globalisierungsstrategie gelegt.

Dank der frühzeitigen Entwicklung und Implementierung von Xetra konnte die einstige Frankfurter Regionalbörse in die Riege der international führenden Handelsplätze aufsteigen und sogar zeitweilig Taktgeber für die Konsolidierungsbemühungen in Europa sein.

Francioni muss die Deutsche Börse gut positionieren

Die Konsolidierung der Börsen in Europa steht angesichts des weltumspannenden Handels mit Wertpapieren und damit einhergehend des globalen Wettbewerbs der Börsenplätze mehr denn je auf der Agenda eines jeden Börsenchefs. Die Deutsche Börse dabei gut zu positionieren, das ist die zentrale Aufgabe Francionis. An der Lösung dieses schwierigen Problems wird der Schweizer Manager bei seiner Rückkehr nach Frankfurt gemessen werden.

Zweimal schon, im Jahr 2000 und Ende vergangenen Jahres, hatte sich sein Vorgänger und früherer Vorgesetzer Werner G. Seifert an dem Vorhaben verhoben. Er musste im Mai auf Druck der neuen Herren der Deutschen Börse, den Hedgefonds, seinen Platz räumen.

Knapper Kommentar des neuen Aufsichtsratsvorsitzenden der Deutschen Börse, Kurt Viermetz, der den neuen Geist im Aufsichtsrat charakterisiert: "Seifert hat das Unternehmen in eine zweite Übernahmeschlacht geführt und keinen Erfolg gehabt. Daraus mussten Konsequenzen gezogen werden."

Das nötige Fingerspitzengefühl

Der lange Weg zur Konsolidierung

Der Jurist und passionierte Angler Francioni ist seit 1986 im Börsengeschäft. Er weiß im Gegensatz zu Seifert, dass die Konsolidierung zwar das Ziel ist, aber die eigentliche Herausforderung der Weg dahin: "Es muss für beide Seiten ein Gewinn sein", hebt der von der Schweizer Börse SWX derzeit als ihr Verwaltungsratspräsident freigestellte Börsenmanager denn auch hervor.

Francioni, er spricht die wichtigsten Sprachen Europas, wird zugetraut, dass er das nötige Fingerspitzengefühl bei den Gesprächen über mögliche Anknüpfungspunkte für eine Zusammenarbeit finden wird - im Gegensatz zu seinem dominant auftretenden Vorgänger Seifert.

Charakteristisch für Seifert ist sein überlieferter Ausspruch während des Rückflugs von London nach Frankfurt im Mai 2000 als das Flugzeug in eine Turbulenz geriet. Die Londoner Börse und die Deutsche Börse hatten kurz zuvor ihren Fusionsplan unter dem Kürzel "IX - International Exchanges" vorgestellt. Gerade sei eine Bombe über England ausgeklinkt worden, hatte Seifert gesagt.

Holdingkonstruktion als erster Schritt?

Die Zusammenarbeit zwischen zwei Finanzplätzen ist eine hochpolitische Angelegenheit. Ganz Diplomat nennt Francioni denn auch als erste Anknüpfungspunkte bei der Konsolidierung den Bereich Informationstechnologie (IT): Die Börsen könnten durch eine Harmonisierung ihrer IT in den kommenden drei Jahren viele Konsolidierungsschritte erreichen, ohne Fusionen riskieren zu müssen. Dazu sollten seiner Ansicht nach "mittelfristige Ziele" definiert und gesetzt werden.

In Börsenkreisen wird spekuliert, dass Francioni längerfristig eine Holdingkonstruktion anstrebt, unter deren Dach zunächst die SWX und die Deutsche Börse AG angesiedelt werden könnten; beide Börsen betreiben bereits die Derivatebörse Eurex.

"Eine solche Holding könnte auch Andockpunkt für die europäische Vierländerbörse Euronext sein", vermutet ein Schweizer Börsenexperte, der Francioni seit vielen Jahren kennt. Als ersten Schritt könnte er eine Kooperation auf dem Kassamarkt ins Auge fassen, indem deutsche Blue Chips auf der elektronischen Handelsplattform Virt-X, einem Projekt Francionis, gehandelt würden.

Mächtige Fonds im Nacken

Francioni hat mächtige Fonds im Nacken

Der neue Chef der Frankfurter Börse muss bei der Entwicklung seines Strategieplans allerdings auch den Ansprüchen der neuen Großaktionäre der europäischen Börsen, den Hedgefonds, genügen. 95 Prozent des Kapitals sind nach Angaben von Viermetz nach dem Rückzug der Banken nun im Besitz der Fonds.

Sie beteiligen sich nicht aus finanzmarkttaktischen Gründen an der Deutschen und anderen führenden Börsen Europas, sondern wollen kurzfristig anspruchsvolle Renditevorgaben erfüllt sehen und drängen auf eine Fusion - mit Euronext oder der London Stock Exchange  (LSE).

Francioni wird in enger Zusammenarbeit mit Viermetz zunächst eine tragende Aktionärsstruktur schaffen. Der neue Aufsichtsratschef ventiliert bereits die Strategie des so genannten "harten Kerns", bei dem zur Abwehr von Übernahmen eine Gruppe von dauerhaften, zuverlässigen Kernaktionären gebildet werden soll.

Nur Kosten senken, das reicht nicht

Francioni muss sich im Spannungsfeld finanzmarktpolitischer Ansprüche und Wachstums- und Renditeforderungen der Hedgefonds bewähren. "Es wird sehr spannend sein, zu beobachten, wie Francioni diesen Spagat schafft", sagt ein Analyst.

Die Deutsche Börse hat zwar unter der Führung von Seifert eine sehr gute Performance gezeigt, allerdings musste der Ex-Börsenchef im Frühjahr einräumen, dass die Übernahme der Londoner Börse auch Ausdruck der Suche nach Wachstum war.

In Finanzkreisen wird erwartet, dass Francioni zunächst die Kosten senken wird, indem er die IT-Investitionen auf den Prüfstand stellt. Der Interims-Chef und Finanzvorstand, Mathias Hlubek, hatte bereits Anfang des Jahres die Prüfung aller Geschäftsbereiche auf Investitionen und Ertrag in die Wege geleitet.

Doch das dürfte den Finanzinvestoren nicht genügen. Francioni müsse schnell eine überzeugende, mittelfristige Wachstumsstrategie präsentieren. Sonst drohe ihm ganz schnell ein ähnliches Schicksal wie Seifert, heißt es in Frankfurt.

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