Benzinpreise Schock an der Zapfsäule

Wird Autofahren in Deutschland zum Luxus? Die Spritpreise sind auf einen Höchststand geklettert: Der Liter Superbenzin kostet mittlerweile 1,43 Euro. Ölkonzerne und Raffinerien verdienen prächtig. Manche Autofahrer tanken derweil zunehmend in den Nachbarländern - oder klauen Treibstoff.

Hamburg - Benzin wird nach Ansicht des Ölexperten Heino Elfert noch teurer. "Weitere Preiserhöhungen an den deutschen Tankstellen sind zu erwarten, das ist von den Kosten her gar nicht anders zu machen", sagte der Chef des Energieinformationsdienstes. In Rotterdam stiegen die Preise für wichtige Benzinvorprodukte, und der Markt in der niederländischen Hafenstadt sei Hauptlieferant der deutschen Kraftstoffproduktion.

"Wegen befürchteter Versorgungsengpässe haben sich die leicht sinkenden Preise am Rohölmarkt und die Freigabe der US-Ölreserven von den Preisen für Ölerzeugnisse entkoppelt. Das ist der Hauptgrund für die Kostenexplosion an den Produktmärkten", sagt Klaus Picard; er ist Hauptgeschäftsführer des deutschen Mineralölwirtschaftsverbandes. "Die Tankstellenpreise steigen als Folge, weil es in Deutschland keine Luft zum Abfedern mehr gibt", so Picard.

Seit Mittwoch haben die Treibstoffpreise in Deutschland bislang unbekannte Höhen erreicht. Superbenzin wurde insgesamt um rund 12 Cent teurer und kostet derzeit rund 1,42 Euro je Liter. Der Dieselpreis wurde um 3 Cent auf 1,17 Euro angehoben, wie Mineralölfirmen mitteilten.

Eine Wende bei den Preisen kann nach Ansicht von Elfert "vor dem Winter wohl nicht" mehr kommen.

Dazu müssten zunächst die beschädigten US-Raffinerien repariert und die große Reisezeit im Sommer abgewartet werden; wenn die US-Bürger mit ihren durstigen Geländewagen und Kleinlastern zum Urlaub tausende von Kilometern unterwegs sind wird regelmäßig viel Benzin verbraucht.

Tanktourismus und Benzinklau nehmen zu

Tanktourismus und Benzinklau nehmen zu

Kurioser Nebenaspekt: Die hohen Spritpreise machen Benzin schon für Diebe interessant. 60 Jahre nach Ende des zweiten Weltkrieges werden plötzlich Fahrzeuge aufgebrochen, nur um an den Treibstoff zu kommen. In Ostbrandenburg beispielsweise zählte die Polizei in diesem Jahr schon 668 Fälle von Kraftstoffdiebstahl.

"446 Mal wurde Diesel aus Baggern und Lastern entwendet, 40 Prozent davon auf Baustellen", sagt Roland Kamenz vom Polizeipräsidium Frankfurt an der Oder. Nicht immer allerdings geht der Benzinklau glimpflich aus. In Herne steckten zwei Männer ein Fiat Punto Cabrio in Brand, statt das Benzin aus dem Tank abzuzapfen. Beim Umfüllen in einen Benzinkanister kam es zu einer Verpuffung, das Cabrio brannte aus.

Hinzu kommen zahllose Fälle, bei denen Kunden an der Tankstelle losfahren, ohne zu bezahlen. "Es gibt keine genauen Zahlen, das Benzindiebstahl nur in einzelnen Bundesländern als eigenes Delikt gezählt wird. Aber über das letzte Jahr hinweg haben die Vorfälle eindeutig zugenommen", sagte Jürgen Ziegner, Geschäftsführer des Zentralverbands des Tankstellengewerbes, gegenüber manager-magazin.de.

Ansturm auf grenznahe Zapfsäulen im Ausland

Auch der Tanktourismus nimmt immer stärker zu. Mittlerweile ist Luxemburg statistisch gesehen der Spitzenreiter beim Mineralölverbrauch in Europa, berichtet der Mineralölwirtschaftsverband. Weil allzu viele Deutsche in das kleine Nachbarland reisen, um günstig zu tanken, ist dort der Pro-Kopf-Verbrauch an Mineralöl mittlerweile rund fünf Mal so hoch wie im EU-Durchschnitt.

Sächsische Tankstellenbetreiber beklagten nach den jüngsten Preiuserhöhungen einen regelrechten Run auf Billigbenzin aus Tschechien und Polen. Teilweise hätten die Autofahrer in den Nachbarländern am Donnerstag mehr als eine halbe Stunde auf eine Tankfüllung warten müssen. "Das Geschäft läuft gut", hieß es bei den tschechischen Tankstellen. Vielen Tankstellen diesseits der Grenze näherten sich hingegen "der Wirtschaftlichkeitsgrenze", klagen die deutschen Pächter.

"Noch heute haben wir im europäischen Vergleich sehr günstige Nettopreise. Aber die hohe Steuerlast in Deutschland macht die Tankstellen in den Nachbarländern wettberebsfähiger", klagt ZTG-Gecshäftsführer Ziegner. "Mit Margen, wie sie Tankstellen in Italien erzielen, könnten wir hier sehr gut leben. Aber höhere Nettopreise lassen sich in Deutschland nicht durchsetzen."

Der Tanktourismus torpediere längst auch die Zielsetzung der Ökosteuer, kritisierte der Präsident des Verbandes der Automobilindustrie, Bernd Gottschalk. Die Einnahmen des Finanzministers seien rückläufig. "Wer in das Marktgeschehen eingreift, spielt mit dem Feuer; Konjunktur und Wachstum nehmen Schaden", warnte Gottschalk.

Immerhin habe die "dramatische Verteuerung von Benzin und Diesel" in den ersten acht Monaten 2005 die Verbraucher insgesamt rund vier Milliarden Euro zusätzlich gekostet. Dieses Geld gehe dem Konsum verloren, sagte Gottschalk, der "Neuen Osnabrücker Zeitung".

Gewinnmarge der Raffinerien steigt

Gewinnmarge der Raffinerien steigt

14 große Fabriken  versorgen Deutschlands Bürger hierzulande mit Kraftstoffen, in denen beispielsweise Rohöl zu Benzin, Heizöl, Diesel oder Kerosin verarbeitet wird. Die größten Raffinerien finden sich in Karlsruhe, Ingolstadt, zwei Kölner Vororten - Godorf und Wesseling -, dazu in Gelsenkirchen, den ostdeutschen Städten Leuna und Schwedt sowie in Hamburg, Wilhelmshaven sowie dem norddeutschen Heide. Die ostdeutschen Raffinerien sind über Pipelines direkt mit russischen Ölfördergebieten verbunden.

Die Raffinerien können jährlich gut 115 Millionen Tonnen Rohöl verarbeiten und waren im vergangenen Jahr zu mehr als 98 Prozent ausgelastet. Angesichts der hohen Nachfrage auf dem europäischen Ölmarkt in Rotterdam verdienten die Raffinerien im vergangenen Jahr ebenso wie im laufenden Jahr gut. Die Benzinfabriken leben von der Marge zwischen dem Rohölpreis, den sie bezahlen müssen, und dem Preis für die Ölprodukte, den sie erlösen können. Diese Marge ist bereits im vergangenen Jahr gestiegen und schießt durch die jüngsten Preissteigerungen weiter in die Höhe.

Besonders die USA müssten aufgrund ihrer begrenzten Raffineriekapazitäten zunehmend Ölprodukte importieren. Deshalb steige der Preis an den Produktmärkten deutlich stärker als der Preis für Rohöl, heißt es bei der Total-Raffinerie im sächsischen Spergau, die mit einer Kapazität von 11 Millionen Tonnen pro Jahr zu den größten Produktionsstandorten in Deutschland zählt. Weil aber sowohl Rohöl als auch die Ölprodukte börslich gehandelt würden, hätten die Raffinerien selbst kaum Einfluss auf die Preisbildung und damit die Entwicklung ihrer Marge.

Die deutschen Raffinerien beliefern überwiegend den deutschen Markt, sind aber auch eingebunden in ein vielfältig verflochtenes System der europäischen Mineralölversorgung. So importierte Deutschland im vergangenen Jahr mehr als 34 Millionen Tonnen Ölprodukte und exportierte gleichzeitig 24 Millionen Tonnen.

Da vor allem die Produzenten in Rotterdam und Antwerpen derzeit verstärkt in die USA liefern, sei es auch für die deutschen Raffinerien leichter geworden, ihre Produkte in einem größeren Einzugsbereich zu verkaufen, berichtet die sächsische Total-Raffinerie. Allerdings ziehe das auch höhere Transportkosten nach sich.

Ölreserve wird nicht angebrochen

Ölreserve wird nicht angebrochen

Unions-Kanzlerkandidatin Angela Merkel (CDU) sprach sich am Donnerstag dafür aus, einen Teil der knapp 27 Millionen Tonnen deutscher Notfallreserven an Ölprodukten wie Benzin und Heizöl freizugeben - als Reaktion auf den hohen Ölpreis. Die Bundesregierung erwägt derzeit jedoch keine Freigabe von Rohöl aus der strategischen Reserve, mit der die Versorgung Deutschlands für 90 Tage sichergestellt werden kann. EIn Regierungssprecher nannte die Vorschläge "unseriös". Die Vorräte sind bundesweit verteilt, ein Großteil lagert in Salzkavernen im Norden. "Wir sehen aktuell keine Notwenigkeit für eine solche Maßnahme", sagte eine Sprecherin von Bundeswirtschaftsminister Wolfgang Clement (SPD) in Berlin.

Gegen Merkels Vorschläge sprach sich auch die Sprecherin des deutschen Mineralölwirtschaftsverbands aus. Der Einsatz der Ölreserven sei an strenge Voraussetzungen gekoppelt. So müsste die Rohölversorgung zu mindestens sieben Prozent ausgefallen sein. Momentan gebe es aber keinen Engpass. "Das sind Preiseffekte, weil man irgendwelche Sorgen hat, es könnte zukünftig mal knapp werden.

Wir haben keine Knappheit am Rohölmarkt, sondern ein Überangebot", sagte Birgit Layes. Die Reserve diene als Ersatz bei Lieferausfällen und nicht zur Preisregulation. Bei deren Abschaffung wüssten die Spekulanten, dass die Staaten keine Ausweichmöglichkeit mehr hätten. "Dann würden die Preise noch stärker schwanken", sagte der Verband voraus.

Am Vortag hatte die US-Regierung entschieden, nach den Förderausfällen im Golf von Mexiko durch den Hurrikan "Katrina" einen Teil ihres strategischen Ölvorrats an verschiedene Unternehmen zu verleihen.

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