Altersvorsorge Zu wenig bis gar nicht

Die Mehrheit der Deutschen schätzt die Höhe ihrer gesetzlichen Rente zu hoch ein und sorgt zu wenig privat für das Alter vor. 40 Prozent sparen gar nicht privat für das Rentenalter, haben zwei Studien jetzt ergeben. Über eine private Zwangsvorsorge per Gesetz gehen die Meinungen aber auseinander.

Berlin - Die meisten Menschen unterschätzen einer Studie zufolge "dramatisch", wie lange sie leben werden und wie viel Geld sie im Alter zum Ausgleich des sinkenden Rentenniveaus zusätzlich brauchen. Das Bundessozialministerium wertete die Untersuchung als Bestätigung der Regierungspolitik und warb eindringlich für die staatlich geförderte Riester-Rente. Ob eine solche private Zusatzvorsorge zur Pflicht gemacht werden soll, ist unter Wissenschaftlern und Politikern allerdings umstritten.

Wie das von der Deutschen-Bank-Gruppe getragene Deutsche Institut für Altersvorsorge (DIA) berichtete, wird der Vorsorgebedarf um etwa 40 Prozent zu niedrig angesetzt. Mehr als die Hälfte aller Haushalte sparen demnach nicht genug, um die zu erwartende Rentenlücke zu decken. Die tatsächliche Lebenserwartung - für Männer 81,59 und für Frauen 87,45 Jahre - werde um etwa fünf bis sieben Jahre unterschätzt.

Gleichzeitig ergebe sich der Rechnung zufolge durch die Reformen von 2001 und 2004 eine Rentenlücke von durchschnittlich 150 Euro beim Eintritt in den Ruhestand. Heute 40- bis 49-Jährige hätten demnach 215 Euro weniger als vor den Reformen, 50- bis 59-Jährige 112 Euro und 60-Jährige und Ältere anfangs 61 Euro und später 125 Euro weniger.

Diese Deckungslücke könnten 59 Prozent der Haushalte mit dem heutigen Sparverhalten nicht füllen, erklärte Axel Börsch-Supan, Leiter des Mannheimer Forschungsinstituts für Ökonomie und demografischen Wandel (MEA) und einer der Autoren der Studie. Etwa ein Drittel habe überhaupt kein Finanzvermögen und spare auch nichts.

Der Experte forderte Konsequenzen daraus, wandte sich aber gegen eine zwingende Zusatzvorsorge. "Gerade die, die am wenigsten sparen, dürften auch am häufigsten unregelmäßige Beschäftigungsverhältnisse haben und sind daher mit einem Obligatorium nur schwer erreichbar", meinte er. Zudem würde bei einer staatlich verordneten Sparpflicht der Staat mit haften müssen. Der Wissenschaftler plädierte dagegen für das so genannte Opting-Out-Modell: Das sind Altersvorsorgepläne, die bei einem Beschäftigungsverhältnis automatisch in Kraft treten, wenn nicht ausdrücklich dagegen Einspruch erhoben wird.

40 Prozent sorgen finanziell nicht für das Alter vor

Fast 40 Prozent der Erwachsenen in Deutschland sorgen indes nach einer Umfrage im Auftrag der Dresdner Bank finanziell nicht privat für das Alter vor. Allein auf die gesetzliche Rente will die Mehrheit der 3000 Befragten nicht mehr vertrauen. 53 Prozent gaben an, sie seien für eine Mischung aus gesetzlicher Rente und Pflicht zur privaten Vorsorge. 7,3 Prozent befürworten die Abschaffung des bisherigen Systems zugunsten einer reinen Privatvorsorge.

Ministerium setzt auf Freiwilligkeit

Das Sozialministerium setzt auf den Ausbau der freiwilligen Zusatzvorsorge und rief dazu auf, die staatliche Förderung zu nutzen. "2005 wird das Jahr der Riester-Rente", hieß es. Sie sei durch Vereinfachungen zu Jahresbeginn attraktiver geworden, die Nachfrage sei sprunghaft gestiegen. Auch die betriebliche Altersvorsorge erlebe eine Renaissance.

Eine Pflicht zur Altersvorsorge sei nicht nötig, wenn den Menschen die Notwendigkeit bewusst gemacht werde, erklärte der FDP-Rentenexperte Heinrich Kolb. Er forderte transparente Aufklärung statt Schönfärberei. So müssten die gesetzlichen Renteninformationen den Bürgern ihre Versorgungslücke klar vor Augen führen.

Nach dem Regierungsberater Bert Rürup sprach sich allerdings auch die Finanzwissenschaftlerin Gisela Färber, Mitglied im Sozialbeirat, für eine von Unionsseite ins Gespräch gebrachte private Pflichtvorsorge aus. "Wir müssen dies dringend überprüfen", sagte sie. Schon Jugendlichen müsse die Bedeutung der Altersvorsorge klar gemacht werden.

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