Mittwoch, 19. Februar 2020

Schrempp-Rücktritt "Die Deutsche Bank hat die Geduld verloren"

DaimlerChrysler-Chef Jürgen Schrempp ist nicht freiwillig zurückgetreten, sagt Analyst Jürgen Pieper. Zeitpunkt und Begleiterscheinungen seines Abgangs sprächen dafür, dass die Deutsche Bank erheblichen Druck ausgeübt habe. Denn für den Großaktionär geht es vor den Bundestagswahlen um viel Geld.

mm.de:

Jürgen Schrempp geht - ohne Abfindung, ohne Beratervertrag, ohne Aufsichtsratsmandat. Noble Geste seinerseits oder die Quittung für die gescheiterte Strategie der Welt AG und eine schlechte Aktienperformance?

Gestörte Beziehung? Auch der Aufsichtsvorsitzende Hilmar Kopper (r.), Ex-Chef des Großaktionärs Deutsche Bank, stimmte für die Ablösung von Jürgen Schrempp
Pieper: Der Rücktritt kommt schon ein wenig ungewöhnlich und vom Zeitpunkt auch überraschend daher. Ich denke, er ist in erster Linie auf Druck von außen zurückzuführen. Dabei darf man die Rolle der Deutschen Bank nicht unterschätzen. Sie hat den starken Willen, ihren Anteil an DaimlerChrysler Börsen-Chart zeigen noch in diesem Jahr zu verkaufen, weil sie später womöglich Steuern in Milliardenhöhe auf den Veräußerungsgewinn zahlen muss. Um den Preis zu optimieren, hat die Bank sicherlich starken Druck auf das Management ausgeübt, jetzt Konsequenzen zu ziehen.

Aus dem Selbstverständnis eines Herrn Schrempp heraus, dürfte es aber auch sein Wille gewesen sein, den Zeitpunkt des Rücktritts letztlich noch selbst bestimmen zu können.

mm.de: Weitere Begleitumstände des Abgangs lassen da Zweifel aufkommen. In der Pflichtmitteilung des Konzerns heißt es ausdrücklich, die Entscheidung erfolgte auf Beschluss des Aufsichtsrates. Von der sonst in solchen Mitteilungen üblichen Dankesbekundung fehlt jede Spur. Kann da von einem freiwilligen Rücktritt überhaupt noch die Rede sein?

Pieper: Wie gesagt, ich glaube nicht, dass der Rücktritt ganz aus freien Stücken erfolgte. Die Deutsche Bank hatte über Jahre hinweg eine Loyalität gegenüber Herrn Schrempp an den Tag gelegt, die für mich nicht mehr nachvollziehbar war. Nach meiner Einschätzung hat sich in den vergangenen Monaten das Klima zwischen der Bank und dem Vorstandschef deutlich verschlechtert. Der Druck, unter dem die Deutsche Bank angesichts ihrer eigenen Ergebnisse und anspruchsvollen Ziele steht, dürfte die Situtation noch verschärft haben. Ihre Geduld war jetzt offensichtlich am Ende.

mm.de: Schrempp favorisierte Eckhard Cordes als seinen möglichen Nachfolger. Vorstandschef wird aber Dieter Zetsche, der wegen seiner Kritik an dem Mitsubishi-Engagement offensichtlich in Ungnade gefallen war. Ist daher nicht auch die Nachfolgeregelung eine Niederlage für Schrempp?

Pieper: Die Nachfolgeregelung spricht dafür, dass die Position von Herrn Schrempp in den vergangenen Monaten deutlich schwächer geworden ist. Hätte er die Entscheidung treffen können, wäre sicherlich Cordes und nicht Zetsche Vorstandschef geworden. Ich halte es indes für sehr erfreulich, dass nun jemand an die Spitze rückt, der nicht unbedingt als spezieller Freund von Herrn Schrempp gilt.

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