Energiemarkt Der Bundesstromregulierer

Ab heute hat Deutschland eine neue Behörde. Staatliche Regulierer sollen die Strom- und Gasverteilung in Deutschland endlich zu einem funktionierenden Markt machen – und die Strom- und Gaspreise senken. Behördenchef Matthias Kurth will alle Spielräume nutzen.
Von Karsten Stumm

Hamburg - Ist das ein Markt? Die vier großen Energieversorgungsunternehmen in Deutschland, Eon , RWE , EnBW  und Vattenfall Europe  stellen nicht nur vier von fünf Kilowattstunden Strom her, ihnen gehören auch die meisten Stromleitungen. Selbst bis in die kleinste Gemeinde reicht ihre Macht: An vielen regional tätigen Stadtwerken haben sich Eon, RWE & Co. längst zu meist 20 Prozent beteiligt.

Ab heute sollen Beamte gegen die Stromkonzerne antreten. Unter Leitung des bisherigen Telekom-Regulierers Matthias Kurth starten 90 Wirtschaftswissenschaftler, Juristen und Ingenieure den Versuch, Deutschlands Energiemarkt fit für das neue Jahrhundert zu machen.

Ein Jahr Zeit

Aufgabe der Behörde ist es, die Tarife für den Transport von Strom und Gas durch die Netze zu genehmigen. Und sie soll den Stromfirmen neue Anreize bieten, damit sie Strom und Gas künftig effizienter und damit billiger durch ihre Netze leiten. Die Beamten dürfen den Stromversorgern deshalb vorschreiben, in welchem Maße die Konzerne ihre Produktivität binnen einer Regulierungsperiode von zwei bis fünf Jahren steigern müssen. Deutschlands Verbraucher sollen von dem Fortschritt durch niedrigere Netzgebühren profitieren.

"Ineffiziente Unternehmen mit hohen Durchleitungskosten werden künftig eine unterdurchschnittliche Rendite erzielen, effiziente Stromfirmen dagegen eine überdurchschnittlich hohe", sagt Bundesnetzagenturchef Kurth. "Das Modell dafür muss binnen eines Jahres stehen."

Wie viel Euro niedriger dadurch die Stromrechnung der Verbraucher zwischen Hamburg und München künftig ausfallen wird, ist zwar noch nicht klar. "Für exakte Prognosen fehlt uns noch die Datenbasis", sagt Kurth. "In England sind die Netzkosten seit Beginn der Regulierung im Einzelfall aber um die Hälfte gesunken, ohne dass es zu Qualitätsausfällen kam" - Stromausfall zum Beispiel. Konkrete Prognosen für Deutschland gibt es noch nicht.

Preisersparnis bis zu 50 Prozent

Preisersparnis bis zu 50 Prozent

"Das hätte ich mir aber schon versprochen", entgegnet Aribert Peters, Chef des Bundesverbandes der Energieverbraucher. "Kurths Behörde hat von der Politik schließlich den Auftrag bekommen, die Kosten zu senken." Und das ist nach Meinung des Verbraucherzentrale Bundesverbandes (VZBV) auch bitter nötig: An der Leipziger Strombörse (EEX) hat der Preis für Grundlaststrom heute den Rekordwert von 49,19 Euro pro Megawattstunde erreicht - vor einem Jahr waren es noch 28,57 Euro, und die großen Energiekonzerne orientieren sich oftmals an diesen Preisen bei der Belieferung von Großkunden wie Stadtwerken oder Industriefirmen.

"Es hat den Eindruck, als ob die Stromkonzerne Einnahmeausfällen durch die Regulierung der Netzentgelte durch künstlich erhöhte Erzeugerpreise vorbeugen wollen", sagt dann auch VZBV-Vorstand Edda Müller. Den Manipulationsvorwurf weist Strombörsen-Sprecher Mario Groß zwar zurück: "Wir haben hier 127 Marktteilnehmer. Deshalb ist die Chance gleich null, dass die vier Großkonzerne Eon, RWE, EnBW und Vattenfall Europe die Marktpreise auch nur kurzzeitig manipulieren." Doch seit heute steht das erste Industrieopfer der hohen deutschen Strompreise fest.

Niedrigere Strompreise ab Mai 2006

Die Gesellschafter der Hamburger Aluminium-Werke (HAW) haben die weitgehende Schließung des Unternehmens mit 450 Beschäftigten endgültig beschlossen. Die Gespräche zwischen den Anteilseignern Norsk Hydro und dem Stromlieferanten HEW/Vattenfall über Nachlässe bei der Stromrechnung brachten kein Ergebnis.

Bundesstromregulierer Kurth wird den Betrieb nicht mehr retten können. Niedrigere Strompreise kann es seiner Meinung nach erst ab Mai kommenden Jahres geben. Dann genehmige seine Behörde erstmals die Entgelte für die Stromnetznutzung der Konzerne, wie sie in Großbritannien längst üblich ist. Strompreisersparnis der Verbraucher dort: bis zu 50 Prozent, verglichen mit der Zeit vor der staatlichen Preisregulierung.

Das sich deshalb die Angestellten der britischen Stromkonzerne Angst um ihren Arbeitsplatz machen müssten, stimmt übrigens nicht. Eon und RWE beispielsweise haben in Großbritannien erst losgelegt, nachdem der Energiemarkt unter das Preisdiktat der britischen Behörden geriet. Die beiden deutschen Firmen haben in Großbritannien mittlerweile einen Marktanteil von 12 und 11 Prozent.

Das ist ein Markt.

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