Währungsunion Briten sorgen sich um Euro

Die britische Großbank HSBC hat die Euro-Währung unter die Lupe genommen. Sollte Europa seine Wirtschafts- und Finanzregeln nicht kräftig reformieren, könnte dem alten Kontinent das Schlimmste bevorstehen: das Ende der Währungsunion.

Hamburg - Zwei Londoner Volkswirte der Großbank HSBC fürchten, dass Europas Währungsunion für die schleppende wirtschaftliche Entwicklung des Kontinents mitverantwortlich ist. Sollte nicht unter anderem die Europäische Zentralbank ihren Stabilitätspakt sowie ihr Inflationsziel überarbeiten, könnten manche Euro-Staaten einen neuen Ausweg aus ihrer wirtschaftlichen Misere suchen - den Abschied von der Gemeinschaftswährung Euro.

Bisher habe speziell der Einheitszins in der Euro-Zone wirtschaftliche Verzerrungen begünstig und zum Beispiel Preisblasen in Spanien oder extreme Konjunkturausschläge in den Niederlanden mit hervorgerufen, sagen die Verfasser des HSBC-Forschungsberichts Robert Prior-Wandesforde und Gwyn Hacche.

In Deutschland wiederum sei es wahrscheinlich nur "eine Frage der Zeit" bis das Land in eine Deflation rutsche und anschließend andere Staaten mit in den Abgrund reiße, weil der Realzins für Deutschland als Folge der Währungsunion hier unangemessen hoch liege. Zugleich sei das deutsche Wachstum hinter seinem Potential zurückgeblieben.

"Tendenziöse Überinterpretation"

Fazit der Autoren: "Die schockierende Entwicklung der europäischen Wirtschaft kann natürlich nicht allein der Euro-Währung in die Schuhe geschoben werden. Aber das heißt nicht, dass die Gemeinschaftswährung keinen Einfluss auf die Entwicklung gehabt hätte."

Im traditionell euroskeptischen Großbritannien hat das HSBC-Papier bereits ein großes Medienecho ausgelöst. "HSBC hat als erste Großbank davor gewarnt, dass die Währungsunion so schlechte Ergebnisse bringt, dass einige Staaten davon profitieren könnten, den Euro fallen zu lassen", fasst etwa der konservative "Daily Telegraph" die Ergebnisse zusammen.

Für Stefan Schilbe, Chefvolkswirt beim deutschen HSBC-Ableger Trinkaus & Burckhardt in Düsseldorf, ist das eine tendenziöse Überinterpretation. Auch die HSBC-Autoren hielten den Euro-Austritt bestimmter Länder für ein "unwahrscheinliches Szenario". Diese Möglichkeit sei zudem keineswegs wünschenswert, sondern wäre als "politischer GAU" zu bewerten, sagt er.

Euro-Wert kaum zu übeschätzen

Euro-Wert kaum zu übeschätzen

Tatsächlich betonen Prior-Wandesforde und Hacche in ihrem Gedankenspiel, der politische Wert der Währungsunion sei "kaum zu überschätzen". Zugleich weisen sie aber auch auf wirtschaftliche Argumente hin, die für einen Abschied vom Euro sprechen könnten. Italien sei unter anderem wegen seiner schwachen internationalen Wettbewerbsfähigkeit der vorrangige Kandidat für einen Austritt. Falls das Land eine "Neue Lira" schaffe, könne dies zwar vielfältige Probleme aufwerfen, aber auch einen "beträchtlichen" Wachstumsschub mit sich bringen.

Deutschland dürfte durch einen Austritt aus dem Euro-Raum mehr Handlungsfähigkeit in der Geldpolitik erlangen, so die Volkswirte. So könne die Bundesbank dann ein angemesseneres, niedrigeres Zinsniveau durchsetzen und im Falle einer Deflation auch "unkonventionelle Methoden" einsetzen. Damit meinen die Volkswirte zum Beispiel eine Null-Zins-Politik, wie sie die japanische Notenbank praktiziert hat, die im Rahmen der europäischen Währungsunion aber nicht möglich wäre. Eine Garantie für den Erfolg solcher Maßnahmen gebe es aber nicht, so die HSBC-Autoren.

Stillstand in Deutschland unwahrscheinlich

Chefvolkswirt Schilbe weist darauf hin, dass die Schweiz teilweise vor ähnlichen strukturellen Problemen stehe wie Deutschland. Es sei also unangemessen, allein die Währungspolitik der Europäischen Zentralbank zur Hauptursache für die wirtschaftlichen Probleme des Landes zu erklären.

Die beiden Londoner Autoren regen an, ein Paket verschiedener Reformen auf den Weg zu bringen. So müsse nicht nur die Europäische Zentralbank ihre Geldpolitik ändern, um Europa wieder auf Kurs zu bringen; speziell der Stabilitätspakt solle weiter flexibilisiert werden, damit er die Regierungen wirtschaftlich kriselnder Euro-Staaten nicht zu wachstumsbremsenden Einsparmaßnahmen zwinge. Auch die Euro-Staaten müssten ihre nationale Wirtschaft reformieren. Auch mit Blick auf Deutschland sprechen sie sich beispielsweise für eine Lockerung des Kündigungsschutzes und ein neues Einwanderungsgesetz aus. Zudem werde ein neues Steuersystem nötig, das Investitionen stärker belohne.

Prior-Wandesforde und Hacche geben sich durchaus optimistisch, dass es zu diesen Reformen kommen wird und sich das "Projekt Euro" langfristig retten lässt. Schon unter Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) habe Deutschland sich stärker reformorientiert gezeigt als viele andere Euro-Staaten. Eine mögliche Kanzlerin Angela Merkel (CDU) werde zwar keine "thatcheristische Revolution" einleiten. Aber, schreiben die HSBC-Autoren: "Man kann weitere Fortschritte erwarten."

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