Energiemärkte Stromschlag

Noch klagen Autofahrer und Großindustrie nur über die hohen Ölpreise. Doch auf Deutschland rollt die nächste Preiswelle zu: Jetzt wird auch Strom teurer.
Von Karsten Stumm

Hamburg - Nun sind sie also berühmt, diese Ölhändler. Oder nicht? Immerhin haben sie es bis in die "Tagesschau" geschafft. Interviewt werden sie sogar von den Fernsehleuten, seit der Ölpreis steigt und steigt - 60 Dollar, 70 Dollar pro 159-Liter-Fass, wer weiß das schon.

Die TV-Leute können ab sofort neue Gesprächspartner einplanen: Der hohe Preis für Energierohstoffe schlägt jetzt auf die Strompreise durch.

"Wer als Großkunde noch keine Verbrauchsmengen für die nächsten Jahre abgesichert hat und jetzt seinen Gesamtbedarf an Strom auf einen Schlag beispielsweise für das nächste Jahr eindeckt, muss ganz schön draufzahlen", sagt Björn Vortisch, Portfoliomanager bei Energy & More Energiebroker in Königstein, nahe Frankfurt am Main.

Negative Preiswirkung

Seit Beginn des Einkaufszeitraumes für 2006 sei der Preis für solche Lieferungen um mehr als 60 Prozent in die Höhe geschossen, auch die Preise für Stromlieferungen im Jahr 2007 und 2008 haben kräftig zugelegt. Und die Stromhändler scheinen einer Art Abwartepanik verfallen zu sein.

"Bei vielen industriellen und kommunalen Stromverbrauchern herrscht bereits ein hohes Maß an Unsicherheit, ob weiter abgewartet oder zu den hohen aktuellen Preisen zugeschlagen werden soll", sagt Vortisch.

Nach Meinung von Experten schlägt jetzt auf den Strommarkt durch, was bisher nur die Kalkulation der Ölabnehmer durcheinander gewirbelt hat: Die hohen Preise für Energierohstoffe, die in Energiewerken auch zur Stromerzeugung gebraucht werden. Für Kraftwerkgas beispielsweise, dessen Preis eng mit den Ölnotierungen verbunden ist, aber auch für Kohle.

"Obwohl die Welt auf die Liberalisierung des Strommarktes gewartet hat, wird jetzt klar, dass sich auch Wettbewerbsmärkte negativ auf den Preis auswirken können", sagt Rüdiger Kornblum, Chef des Energieberatungsunternehmens NUS Consulting in Düsseldorf. "Der rapide Anstieg des Ölpreises hat sich natürlich auch auf den Strompreis ausgewirkt."

Handel noch nicht ausgeschöpft

Handel noch nicht ausgeschöpft

"Wenn die Strompreisentwicklung so weitergeht, werden zahlreiche Unternehmen Werke schließen oder ihre Standorte verlagern müssen", sagt deshalb Alfred Richmann, Geschäftsführer des Verbands der Industriellen Energie- und Kraftwirtschaft. "Was wir jetzt in der Aluminiumbranche erleben, ist erst der Anfang." Derzeit droht beispielsweise den Hamburger Aluminiumwerken mit 550 Angestellten auch wegen der hohen Strompreise seines norwegischen Energielieferanten Vattenfall Europe die Stilllegung.

Betroffen sind neben der Aluminiumindustrie vor allem die Branchen Stahl, Chemie, Zement, Glas und Papier, die ebenfalls viel Strom in der Produktion verbrauchen. Zum Teil liegt der Anteil der Strom- an ihren gesamten Produktionskosten bei über einem Drittel.

Ursache für die hochfliegenden Strompreise sind nach Expertenmeinung allerdings nicht nur die höheren Kosten für Erdöl und die Erwartung weiter steigender Rohstoffpreise. "Es ist deutlich zu erkennen, dass sich auch der Kohlendioxidhandel auf die Großhandelspreise auswirkt", sagt Peter Krembel, Strom-Chefhändler bei RWE Trading. Die Preise für diese CO2-Zertifikate, deren Handel vor einigen Monaten aufgenommen wurde, um die Luftverschmutzung zu bekämpfen, sind seitdem um mehr als das Deieinhalbfache in die Höhe geschossen.

Wenige Firmen dominieren den Handel

Allerdings liegt das nicht unbedingt am Konzept des Zertifikatehandels. Noch funktioniert dieser Markt nicht wie gewünscht. Manche Stromkonzerne beispielsweise handeln mit den Zertifikaten nicht so professionell, wie es möglich wäre; ihre Handelsabteilungen werden bisweilen sogar von der eigenen zögerlichen Unternehmensleitung ausgebremst. Auch die Marktstruktur spricht gegen sinkende Preise.

"Dieselben Unternehmen, die den Stromhandel dominierten, haben auch den Emissionshandel in der Hand", sagt Robert Busch, Geschäftsführer des Bundesverbands der Neuen Energieanbieter.

Ausgeliefert sind Deutschlands Unternehmen den steigenden Strompreisen aber nicht. Sie können ihren Energiebedarf professionell organisieren lassen - und damit die Risiken der stark schwankenden Strompreise minimieren. "Die Stromkosten eines Unternehmens lassen sich seit dem Lieferjahr 2001 jedes Jahr wiederkehrend zu mehr als 50 Prozent durch das Einkaufsvorgehen beeinflussen", sagt Wolf von Bernuth, Geschäftsführer bei Energy & More Energiebroker.

"Wir nutzen den gesamten dreijährigen Beschaffungszeitraum für unsere Kunden und verteilen die Eindeckung des Jahresbedarfs jedes Kunden auf verschiedene optimierte Einkaufszeitpunkte" so von Bernuth. Im Ergebnis konnten Unternehmen deshalb schon Mengen für 2006 zu unter 2,6 Cents pro Kilowattstunde beschaffen während aktuell für identische Verträge mehr als 4,2 Cents zu bezahlen ist.