Goldman-Sachs-Kolumne Unterschiedliches Europa

Herausforderung für Euroland: Die gemeinsame Geldpolitik muss für alle Eurostaaten zugleich passen. Für Griechenland mit hohen Konjunkturrisiken genauso, wie für das Land, das seine konjunkturelle Situation im vergangenen Jahr am stärksten verbessern konnte - Deutschland.
Von Erik Nielsen

Konjunkturelle Unterschiede zwischen den Euro-Ländern sind wieder zu einer ernsthaften Sorge für die Finanzmärkte und die Europäische Zentralbank (EZB) geworden. Lucas Papademos, Vizepräsident der EZB, wies vergangene Woche in einer Rede darauf hin, dass "bedeutende und anhaltende Unterschiede bei der Wettbewerbsfähigkeit zwischen den Mitgliedsländern Bedenken hinsichtlich ihrer Auswirkung auf das Wachstum auslösen."

Diese Bedenken konzentrieren sich vor allem auf Italien, dessen Wirtschaftswachstum in den vergangenen beiden Quartalen stark zurückgegangen ist.

Die wirtschaftlichen Probleme des Landes haben einige Regierungsmitglieder sogar veranlasst, offen über die Möglichkeit eines Austritts Italiens aus der Euro-Zone zu sprechen.

Konjunkturdifferenzen auf US-Niveau

In einer Währungsunion ist es schwierig, länderspezifische Nachfrageschocks abzufedern, da sie nicht länger durch eine entsprechende Zins- und Wechselkurspolitik ausgeglichen werden können. Deshalb funktioniert eine Währungsunion am besten zwischen Ländern mit weitgehend synchronem Konjunkturverlauf.

Die obigen Bedenken sollten jedoch im Gesamtkontext gesehen werden: Anscheinend sind die konjunkturellen Divergenzen zwischen den EWU-Mitgliedsländern nicht größer als zwischen den zwölf größten US-Bundesstaaten; vielleicht sogar geringer. Und es gibt auch keine Anzeichen für eine Zunahme dieser Divergenzen. Andererseits besitzt Euroland nur wenige der natürlichen Stabilisatoren, die es in den USA gibt.

Konjunkturatlas für Europa

Konjunkturatlas für Europa

Im April 2004 stellten wir ein einfaches Schema zur Beurteilung der relativen Konjunkturaussichten der einzelnen EWU-Länder vor. Es beruht auf drei Elementen: der Produktionslücke, den relativen Lohnstückkosten und der Sparquote eines Landes. Dieses zugegebenermaßen stark vereinfachte Schema soll zumindest eine Ausgangsbasis für konjunkturelle Vergleiche zwischen den zwölf Euroland-Mitgliedsstaaten liefern.

Im vergangenen Jahr kamen wir mit unserem Schema zu dem Ergebnis, dass Frankreich, Irland, Österreich und Portugal über positives Konjunkturpotenzial verfügten, wohingegen in Italien, Griechenland, Finnland und Spanien konjunkturelle Risiken bestanden. Betrachtet man die seitherige Entwicklung dieser Länder, so zeigt sich, dass unser Schema für Frankreich gut, für Irland und Österreich sogar sehr gut funktioniert hat. Im Falle Portugals war das Ergebnis allerdings zu optimistisch.

Bei den Ländern, in denen konjunkturelle Risiken bestanden, funktionierte das Schema im Falle Italiens und Finnlands gut. Auch in Griechenland hat sich das Wachstum deutlich verlangsamt. Zu pessimistisch erwies sich unser Schema dagegen im Falle Spaniens, wo die Wirtschaft nach wie vor kräftig wächst.

Gespaltenes Ergebnis

Warum waren die Ergebnisse im Falle Portugals zu optimistisch, im Falle Spaniens dagegen zu pessimistisch? In Portugal wirken sich Bedenken in Bezug auf den Haushalt negativ auf die Binnennachfrage aus, und wegen der großen wirtschaftlichen Bedeutung der Textil- und Schuhfertigung hat der Zustrom von Importen aus Asien Portugal hart getroffen.

Das Wirtschaftswachstum in Spanien wird demgegenüber zunehmend von der Binnennachfrage getragen. Da gleichzeitig das Exportwachstum durch steigende Kosten gebremst wird, dürfte sich das Leistungsbilanzdefizit Spaniens in diesem Jahr auf 6 Prozent des Bruttoinlandsprodukts erhöhen, verglichen mit 2,5 Prozent in 2003.

Vorjahreschampions vorn dabei

Vorjahreschampions vorn dabei

Welche Signale gehen circa ein Jahr später von den drei von uns betrachteten Indikatoren für die EWU-Mitgliedsländer aus? Deutschland hat seine konjunkturelle Position im letzten Jahr am deutlichsten verbessert. Das weitgehend durch die demographische Struktur bedingte niedrige Potenzialwachstum deutet zwar darauf hin, dass Deutschland kaum wieder die am schnellsten wachsende Volkswirtschaft Eurolands werden wird. Aber die Voraussetzungen für einen Konjunkturaufschwung sind günstig.

Frankreich und Österreich schneiden ungeachtet ihres starken Wachstums im letzten Jahr in punkto Wettbewerbsfähigkeit nach wie vor gut ab. Portugal erhält ebenfalls gute Noten, was die Produktionslücke und Sparquote betrifft, aber die Lohnstückkostenentwicklung gibt Anlass zur Sorge.

Italien vor schwerem Jahr

Von den konjunkturell "gefährdeten" Ländern steht Italien bei den Lohnstückkosten nach wie vor schlecht da - trotz negativem Wirtschaftswachstum im letzten Jahr.

Die Sparquote Italiens ist zwar hoch, im Vergleich zum übrigen Euroland aber rückläufig. Außerdem verfügt das Land anscheinend nur über begrenzte Kapazitätsreserven. Ein weiteres Jahr mit unter dem Trend liegendem Wachstum ist wahrscheinlich.

Spanien steht erwartungsgemäß nach wie vor auf der Liste der konjunkturell "gefährdeten" Länder. Weniger klar ist dagegen, ob die Dynamik der Binnenkonjunktur ausreichen wird, um dem Land ein weiteres Jahr über die Runden zu helfen.

Griechenland ist vermutlich in der schlechtesten Ausgangslage. Es weist von allen EWU-Ländern die größte positive Produktionslücke auf, hat am meisten an Wettbewerbsfähigkeit verloren, und vermutlich ist auch die Sparquote gefallen. Auf der Habenseite steht nur die wirtschaftliche Dynamik - aber auch damit könnte es nach dem durch die Olympischen Spiele im letzten Jahr ausgelösten Boom bald vorbei sein.

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