Ölpreis Wenn Stillstand erstickt

Der Preis für Rohöl steigt und steigt, dabei kommen die verbrauchsstarken Wintermonate noch. Experten schlagen deshalb Alarm. Der Ölpreis könnte bis Jahresende gefährliche Höhen erreichen.
Von Karsten Stumm

Hamburg - Am vergangenen Donnerstag um 9.30 Uhr merkten Dubais Bewohner, dass sie in der Wüste leben. Es wurde heiß um sie herum. Keine Klimaanlage lief mehr. Stromausfall im Ölstaat Dubai, einem der energiereichsten Länder der Erde. Viereinhalb Stunden erlebten die Scheich-Familien den Stillstand, vor dem sich Industriestaaten fürchten: tote Maschinen.

Deutschlands Werkshallen droht die stickige Ruhe allerdings erst, falls jenes Vorprodukt unrentabel teuer wird, das Dubai anders als Strom im Überfluss hat - Erdöl. Es könnte soweit kommen.

Neues Hochpreisniveau

Ein verschrammtes Blechfass mit 159 Litern Nordseeöl Inhalt kostet bereits heute 52 Dollar. Das ist real zwar noch weit entfernt von den Preisen zur Zeit der Ölkrise. Aber die bisherigen Preisspitzen aus dem April dieses Jahres und dem Oktober 2004 wurden eingestellt - und sind damit zum gängigen Kostenniveau geworden. Für Nordseeöl, das erst in einigen Monaten geliefert werden soll, wird sogar noch immer mehr und mehr Geld geboten.

Juli-Lieferungen kosten derzeit 52,67 Dollar, für August-Kontrakte sind 53,62 Dollar fällig, September-Öl kostet 54,39 Dollar, Lieferungen im Oktober: 54,86 Dollar, im November: 55,07 Dollar und zum Jahresende - 55,14 Dollar. "Der Ölpreis wird noch länger hoch bleiben", prophezeit der kuwaitische Energieminister Scheich Ahmed Fahad. Wer, wenn nicht er sollte es wissen?

Ahmed Fahd Al Ahmed Al Sabah ist zugleich Präsident der Organisation Erdöl exportierender Länder (Opec), des weltweit mächtigsten Ölförderkartells. Spricht er, handeln Ölhändler entsprechend.

Versorgungssicherheit gefährdet?

Versorgungssicherheit gefährdet?

Aktuell sorgt das globale Wirtschaftswachstum für steigende Ölnachfrage und -preise. Gerade erst hat die Internationale Energieagentur in Paris den erwarteten Ölverbrauch Chinas verglichen mit dem Vorjahr um 7,1 Prozent auf 6,89 Millionen Barrel (je 159 Liter) angehoben - pro Tag. Geringere Vorratskapazitäten und Engpässe bei den Raffinerien erhöhen die Ölknappheit zusätzlich.

Die Europäische Union versucht zumindest dagegen etwas zu unternehmen. Im Auftrag der Gemeinschaft spricht Luxemburgs Wirtschaftsminister Jeannot Krecké heute wieder mit Opec-Scheich Ahmed Fahad über gemeinsame Investitionen in neue Raffinerien.

Zäh wie Altöl

"Es gibt offenbar Ängste in Bezug auf die Versorgungssicherheit in der Zukunft", erkannte der Scheich nach seinem ersten Gespräch mit Krecké. "Wir sind deshalb bereit, über gemeinsame Geschäfte zu reden." Allerdings würden diese neuen Raffinerien erst in einigen Jahren in Betrieb gehen, sofern sich die beiden Parteien überhaupt einigen werden.

An den Ölmärkten reagierten die Händler deshalb kaum auf die Ankündigung neuer Investitionen. Der Preis für den klebrigen Rohstoff Öl verharrt auch heute auf hohem Niveau - zäh wie Altöl. Er ist mittlerweile so hoch, dass die Opec ihre eigene Ölpreisvorstellung bald der Realität anpassen will. Nach bisher 22 bis 28 Dollar pro Barrel sollen künftig, bitte schön, zwischen 30 und 50 Dollar zu zahlen sein.

"Bei mehr als 50 Dollar wird es ein bisschen heiß, unter 35 Doller ein bisschen kalt", kommentierte Edmund Daukoru, Energieberater des Präsidenten im Opec-Land Nigeria, die neuen Preisvorstellungen der Opec-Staaten gegenüber manager-magazin.de, noch vor seiner Abreise zum heutigen Opec-Treffen in Wien. Abfahrt mit klingendem Spiel.

Drohende Winternachfrage

Drohende Winternachfrage

Einziger Lichtblick für die Industriestaaten: Die Opec hat heute auch eine Fördererhöhung von 500.000 Barrel pro Tag beschlossen. Und zum Ende des dritten Quartals könnten weitere 500.000 Barrel hinzukommen, stellte der libysche Ölminister Fathi Bin Schatwan am Rande der OPEC-Konferenz in Aussicht. Doch so spät im Jahr wird in den Industriestaaten längst für den Winter vorgesorgt und Heizöl geordert. Die zusätzliche Nachfrage über das Sommerreiseniveau hinaus könnte das erweiterte Angebot leicht wieder ausgleichen.

"Die Angst vor solch einer Heizölnachfrage ist hoch", bestätigt Tetsu Emori von Mitsui Bussan Futures manager-magazin.de.

Schwache Kartelldisziplin

Die tatsächliche Förderleistung der Opec-Staaten dürfte ohnehin schon heute weit über dem liegen, was für die Wintermonate in Aussicht gestellt wird. Mehr als 30 Millionen Barrel werden Tag für Tag an die Erdoberfläche gepumpt, muss selbst Opec-Chef Scheich Ahmed Fahad hinter vorgehaltener Hand zugeben. Deutlich mehr also, als die aktuell unter den Opec-Staaten vereinbarten 28 Millionen Barrel Tagesförderung.

Zu verlockend sind die aktuell erzielbaren Riesengewinne für die Kartellstaaten, als dass sie sich an Absprachen mit ihren Kartellfreunden halten wollen. "Kaum ein Opec-Staat, noch ein anderer Erdölförderer wie zum Beispiel Norwegen oder Russland, hat jetzt noch hohe zusätzliche Förderkapazitäten", sagt der Deutsche-Bank-Öl-Experte Josef Auer. Öl ist zum knappen Hochpreisgut geworden.

Welch Wunder, mehr als 80 Prozent der weltweiten Ölförderung kommt aus Feldern, die älter als 20 oder gar 30 Jahre sind. Die wichtigsten Ölseen wurden zwischen 1960 bis 1970 entdeckt, seitdem kamen nur noch kleinere Funde hinzu. So können die jährlichen Neufunde den Verbrauch bereits seit 20 Jahren kaum noch ausgleichen.

Wüstenstaaten mit knappem Budget

Wüstenstaaten mit knappem Budget

"Erst wenn neue Quellen im Kaspischen Meer, in Angola und in einigen Opec-Staaten erschlossen werden, könnte der Ölpreis wieder sinken", sagt John Brown, Vorstandschef des Energieriesen British Petroleum . Bis dahin kommen die hohen Ölpreise und Gewinne den Ölförderstaaten gerade recht.

Die meisten Ölfördernationen haben selbst nach Förderjahrzehnten keine wettbewerbsfähigen Industrien aufbauen können. Vor allem die Golfstaaten müssen deshalb einen erheblichen Teil ihres Budgets weiterhin aus dem Ölverkauf bestreiten - mit wechselndem Erfolg. In den 90er Jahren beispielsweise gelang ihnen das kaum; die Ölpreise waren so niedrig, dass die Wüstenstaatskassen ein dickes Minus aufwiesen und die Staatsverschuldung stieg.

Sinkendes Pro-Kopf-Einkommen

Mittlerweile machen vielen Fördestaaten auch gesellschaftliche Probleme zu schaffen. Die Bevölkerung Saudi Arabiens beispielsweise hat sich in den vergangenen 20 Jahren verdoppelt, aber das Pro-Kopf-Einkommen ist seit 1980 beständig gefallen. Das ölreichste Land der Erde leidet zudem unter einer hohen Jugendarbeitslosigkeit, die finanziert werden muss. Den Staat retten derzeit nur hohe Ölpreise.

Alle Opec-Staaten, nicht nur Saudi Arabien, klagen darüber hinaus über den schwachen Dollar-Kurs. Für ihr Öl, das vor allem in Dollar bezahlt wird, können die Golfstaaten seit vielen Monaten immer weniger Importwaren aus Nicht-Dollarstaaten ordern.

"Wenn man bedenkt, dass die Golfstaaten 60 bis 80 Prozent ihrer Importe aus Europa beziehen, wird klar, dass die monatelange Abwertung des Dollar gegenüber dem Euro zu einem unmittelbaren Wohlstandsverlust der Golfstaaten geführt hat", sagt Dresdner-Bank-Volkswirt Harald Jörg. Die ING-Bank-Volkswirte ziehen deshalb ein schonungsloses Fazit: "Läge der Ölpreis langfristig unterhalb des aktuellen Opec-Preisbandes, wäre die Stabilität vieler Opec-Staaten gefährdet."

Sorgen muss man sich um die Scheichs dennoch nicht. Sie haben schon jetzt die Marktmacht, ihre Ölpreisvorstellung knallhart durchzusetzen. Ihr weltweiter Ölmarktanteil betrug im ersten Quartal 2005 mehr als 40 Prozent. Und die Opec-Staaten verfügen über 80 Prozent der weltweiten Rohölreserven, dazu haben sie fast 50 Prozent der globalen Gasvorkommen unter Kontrolle. Die Marktmacht der Opec-Staaten wird deshalb weiter zunehmen.

Stromwerk kauft Strom bei der Konkurrenz

Stromwerk kauft Strom bei der Konkurrenz

Das Ölkartell selbst schätzt, dass sein Marktanteil bis zum Jahr 2050 auf mehr als 50 Prozent steigen wird. Spätestens dann dürfte der Preis für den wichtigen Rohstoff Öl ein schwindelerregendes Dauerhoch erreicht haben.

"Wegen der absehbaren Ölverknappung heißt das Gebot für Deutschland, alle verfügbaren Hebel zum Gegensteuern nutzen", sagt Deutsche-Bank-Ölexperte Auer. "Das schließt sowohl neue als auch zusätzliche Techniken und Energieträger ein, bis hin zu Kohle und Kernenergie, sowie alle Energiespar- und Effizienzsteigerungsmöglichkeiten."

Andernfalls, glauben amerikanische Investmentbanken, wird der reale Ölpreis hier zu Lande langsam das Ölkriseniveau der 70er Jahre erreichen. Die schwächelnde deutsche Wirtschaft würde in den nächsten Stresstest geraten, wieder wären Arbeitsplätze und Wohlstand Tausender Bürger gefährdet.

Kaum Öl zur Stromerzeugung

Solch Ausblick in die Zukunft zeigt Wirkung. "Wenigstens muss teures Öl in Deutschland nur selten zur Stromerzeugung genutzt werden", sagte ein Ölhändler mit Blick auf den Dauerstromausfall in Dubai, dem schlimmsten in den Kraftwerken Jebel Alis seit 1998.

Saeed Al Tayer, Chef der Dubaier Elektrizitäts- und Wasserwerke (Dewa), bekämpfte den Black-Out übrigens von seinem angenehm kühlen Büro aus. Seine Klimaanlage hat funktioniert. Das Gebiet um Jebel Ali, in dem Al Tayers Büro liegt, wird von einem anderen Netzwerk mit Strom versorgt.

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