Mittwoch, 19. Juni 2019

Thilenius-Kolumne Signale vom Anleihenmarkt

Die Lage an den Aktienmärkten scheint kritischer zu werden. Erste Zeichen deuten auf eine drohende Rezession. Vorsichtige Anleger steigen deshalb bei einem anhaltend schwachen Aktienmarkt aus. Bis dahin scheint allerdings noch etwas Zeit zu bleiben.

Warnsignale an der Börse: Die Renditekurven an den großen Anleihemärkten in Europa und USA werden immer flacher, zugleich steigen in Amerika die kurzfristigen Zinsen und die Zinsdifferenz zwischen Dreimonatsgeld und zehnjährigen Anleihen liegt nur knapp über einem Prozent. In Deutschland erreicht der Bundfuture fast täglich neue Höchststände. Auch ohne Erhöhung der kurzfristigen Zinsen wie in USA wird die Renditekurve bei uns damit auch flacher. Das bedeutet hier wie dort Gefahr.

Noch Konjunkturoptimist: Amerikas oberster Notenbanker Alan Greenspan
Die langfristigen Zinsen fallen zumeist, wenn die Investoren wenig Inflation und schwaches Wirtschaftswachstum vorher sehen. Und noch ein Schreck dazu: Im vergangenen Konjunkturzyklus war die Renditekurve im Sommer 2000 derart flach wie heute. Und das war die Warnung an die Aktienmärkte zum Ausstieg - jeder weiß, was danach folgte: Der große Kurseinbruch nach der Jahrtausendwende.

Steht uns vielleicht schon wieder eine Rezession ins Haus? Eine weitere Zahl könnte dafür sprechen: Üblicherweise dauert ein Konjunkturzyklus in Amerika etwa vier Jahre. Leider läuft der aktuelle Zyklus bereits dreieinhalb Jahre.

Zumindest ein wichtiger Börsenkenner scheint keine Angst vor einer baldigen neuen Rezession zu haben. Amerikas Chefnotenbanker Alan Greenspan bewertet Amerikas Konjunktur als kräftig genug, um die Arbeitskosten steigen und ein gewisses Maß an Inflation erzeugen zu lassen - sofern die Währungshüter ihre Leitzinsen nicht weiter anheben. Alan Greenspans Notenbanker scheinen das Risiko eingehen zu wollen.

Was bedeutet diese Situation nun für Deutschlands Anleger? Investoren werden hoffen, dass Greenspan Recht behält und die wirtschaftliche Expansion diesmal länger als in der Vergangenheit anhält. Dafür spricht, dass die Erholung nach den Flugzeugangriffen auf das World Trade Center in New York vor knapp vier Jahren, den folgenden Bilanzskandalen in Amerika und dem Krieg gegen den Irak nur sehr langsam und zunächst unbemerkt ab Ende 2002 richtig in Gang kam.

Vorausschauende Anleger werden sich deshalb auf die Seite von Alan Greenspan schlagen und zunächst investiert bleiben, aber sehr genau auf die Signale der Märkte schauen. Anhaltende Schwäche des Aktienmarktes würde wie im Jahr 2000 den Ausstiegszeitpunkt andeuten. Wahrscheinlich haben wir bis dahin noch zwölf Monate Zeit. Aber nur wahrscheinlich.

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