HVB/UniCredito "Ohne Stellenabbau geht das nicht"

Die italienische UniCredito geht mit der möglichen Übernahme der HypoVereinsbank erhebliche Risiken ein, sagt LRP-Analyst Olaf Kayser. Vorstandschef Alessandro Profumo muss sich auf Widerstand seiner Aktionäre einstellen. Doch auch die HVB-Banker müssten sich warm anziehen, so Kayser. Lachender Dritter könnte am Ende die Commerzbank sein.

mm.de:

Die zu geringe Profitabilität deutscher Institute und die Drei-Säulen-Struktur hier zu Lande waren immer wieder Argumente, die gegen eine grenzüberschreitende Fusion mit deutscher Beteiligung ins Feld geführt wurden. Dennoch will UniCredito  die HypoVereinsbank  übernehmen. Welches Motiv sehen Sie?

Kayser: Das Hauptmotiv ist ganz eindeutig die Wachstumsperspektive in Osteuropa. Durch eine Übernahme der HVB würde UniCredito klar zum Marktführer in Polen, Bulgarien, Kroatien und Bosnien aufsteigen. Der Marktanteil und die Filialstärke beider Banken in diesen vier Staaten sind sehr hoch. Neben Ertragssynergien ließen sich allein durch die Zusammenlegung von Filialen Kostensynergien im dreistelligen Millionenbereich realisieren. Osteuropa ist innerhalb Europas die wachstumsstärkste Region und gewinnt durch die EU-Osterweiterung an Attraktivität. Vor diesem Hintergrund würde eine Übernahme Sinn machen.

mm.de: Könnte UniCredito seine Position in Osteuropa nicht auch auf anderem Wege stärken?

Kayser: Kaum, denn in dieser Region ist es äußerst schwierig, Marktanteile hinzuzugewinnen. Der osteuropäische Markt wird von ausländischen Instituten dominiert. Gemessen an der Bilanzsumme erreichen sie in der Region einen Anteil von 70 Prozent. Der Markt ist damit weitgehend verteilt. Wird noch eines der wenigen verbliebenen Institute privatisiert, bieten die vier etablierten Adressen mit und treiben die Preise in Höhe. Und das macht es eben so schwierig, weitere Marktanteile aufzubauen - es sei denn über eine Fusion. Der Schritt der UniCredito ist also logisch. Sie übernimmt den Marktführer und wird so mit Abstand größtes Finanzinstitut in Osteuropa. Das ist schon ein bemerkenswerter Schachzug.

mm.de: Dennoch gibt es Argumente, die gegen eine Übernahme der HVB sprechen. Etwa nur 8 Prozent der Risikoaktiva der HVB liegen in Osteuropa. Ihr Deutschlandgeschäft ist wenig rentabel und birgt durch seine Abhängigkeit vom Immobilienmarkt zudem hohe Bilanzrisiken. Rechtfertigt die günstige Osteuropa-Perspektive vor diesem Hintergrund wirklich die Übernahme einer ganzen Bank?

Kayser: Das ist die entscheidende Frage, die man als Außenstehender aber nur schwer beantworten kann. Lediglich wegen der Osteuropa-Fantasie so ein großes Rad zu drehen und sich damit hohe Risiken einzukaufen, - das dürfte die UniCredito bei ihren eigenen Aktionären noch viel Überzeugungsarbeit kosten. Denn bei Eigenkapitalrendite, Cost-Income-Ratio und Kernkapitalquote wird die Bank nach der Übernahme deutlich schlechter dastehen.

"Hedgefonds könnten aktiv werden"

mm.de: Gibt es weitere Risiken?

Kayser: Zudem läuft UniCredito Gefahr, ihr gutes Rating zu verlieren. Vor diesem Hintergrund hatte ich bislang auch nicht an eine Übernahme der HVB geglaubt. Selbst wenn die Aufsichtsräte beider Banken am Wochenende der Übernahme zustimmen sollten, sehe ich den Deal deshalb noch nicht endgültig in trockenen Tüchern.

mm.de: Woran könnte der Deal noch scheitern?

Kayser: Er könnte insbesondere dann scheitern, wenn sich der Aktienkurs von UniCredito auf Grund der fusionsbedingten Verwässerungseffekte in den nächsten Wochen schlechter entwickeln sollte, als man dies ursprünglich erwartet hatte. Wir glauben, dass viele Aktionäre der Mailänder Bank ihre Zustimmung zu der Übernahme dann noch verweigern könnten, um zugleich auf eine Kurserholung zu hoffen.

mm.de: Wäre das nicht die ideale Spielwiese für Hedgefonds?

Kayser: Sicher, immer dann, wenn Werte durch eine Transaktion womöglich vernichtet werden, kommen Hedgefonds ins Spiel. Auf Grund der besonderen Konstellation könnte UniCredito in das Blickfeld dieser kurzfristig orientierten Investoren geraten. Durch Leerverkäufe könnten sie versuchen, die Transaktion bewusst zum Scheitern zu bringen, um später eben von der erwarteten Kurserholung zu profitieren.

mm.de: Zurück zu den angesprochenen Synergieeffekten. Wo vor allem liegen bei der anstehenden Übernahme die Kosten- und Ertragspotenziale?

Kayser: Ganz klar in Osteuropa, weil es hier die meisten Überschneidungen zwischen den beiden Banken gibt. Mit Blick auf Deutschland fallen diese Effekte bedeutend geringer aus. Kostensynergien könnten sich noch in den Stabsabteilungen und im Bereich IT ergeben. Insgesamt dürfte die geplante Fusion Synergieeffekte zwischen 400 und 500 Millionen Euro abwerfen. Genau lässt sich das allerdings nur schwer beziffern.

mm.de: Sie sprachen die marktbeherrschende Stellung einer fusionierten HVB/UniCredito in Osteuropa an. Müssen die Banken mit kartellrechtlichen Schwierigkeiten rechnen?

Kayser: In Polen käme das Duo auf einen Marktanteil von rund 21 Prozent, in Kroatien wären es mehr als 30 Prozent. Es kann also gut sein, dass dortige Wettbewerbsbehörden Auflagen machen und sich die fusionierten Tochtergesellschaften von Filialen trennen müssen, was sicherlich ein Rückschlag wäre.

"Sie werden die HVB-Strukturen verschlanken"

mm.de: Wie wird das UniCredito-Angebot für die HVB vermutlich aussehen?

Kayser: Wir erwarten einen Aktientausch in einem Verhältnis von 5 zu 1, also fünf UniCredito- für eine HVB-Aktie, plus eine Barkomponente von 1,50 Euro für jeden der rund 751 Millionen HypoVereinsbank-Titel. Damit läge das Angebot dann zwischen 22 und 23 Euro je HVB-Aktie.

Für weniger dürfte die Übernahme kaum zu machen sein. Darüber hinaus wird die UniCredito den freien Aktionären der Bank Austria vermutlich ein Abfindungsangebot in bar unterbreiten. Unter dem Strich würde UniCredito für die Übernahme damit rund 20 Milliarden Euro bezahlen.

mm.de: UniCredito gesteht dem HVB-Deutschlandgeschäft offenbar eine Schonfrist von fünf Jahren zu. Werden sich die Italiener danach von diesem Teil trennen?

Kayser: Das hängt davon ab, wie weit es UniCredito gelingt, das Deutschlandgeschäft profitabel zu gestalten ...

mm.de: ... was der HVB über Jahre nicht gelungen ist.

Kayser: Das ist richtig. Und die HypoVereinsbank war bislang ja nicht gerade für die effizientesten Strukturen bekannt. Wir gehen deshalb davon aus, dass die Mailänder im Deutschlandgeschäft die Strukturen verschlanken und Überschneidungen abbauen werden. Zum Beispiel nutzen HVB und ihre Tochter Bank Austria noch unterschiedliche IT-Systeme. Gerade in diesem wichtigen Feld ließen sich noch Kostensynergien realisieren. Vermutlich wird man auf dem deutschen Markt künftig auch mit einer überschaubareren Produktpalette auftreten. Es gibt eine ganze Reihe von Optionen, das Geschäft effizienter und damit profitabler zu gestalten.

mm.de: Rechnen Sie nach der möglichen Übernahme mit einem Stellenabbau im Deutschlandgeschäft?

Kayser: Stellen werden vermutlich schon während der besagten fünf Jahre abgebaut werden, sonst macht diese Fusion kaum Sinn. Sollte es während dieses Zeitraumes nicht gelingen, das Deutschlandgeschäft profitabel zu machen, wird man womöglich einige Sparten abgeben. Denkbar wäre, dass man sich dann auf das Retail- und Private Banking beschränkt und etwa das Firmenkundengeschäft für den Mittelstand verkauft. Das würde auch besser in das Geschäftsmodell der UniCredito passen.

"Commerzbank könnte profitieren"

mm.de: Sollte die ungleiche Hochzeit wirklich zustande kommen, was bedeutet das für die Commerzbank ?

Kayser: Die Commerzbank wird versuchen, aus der Fusion Profit zu schlagen. Denn es gibt bei jedem Zusammenschluss Reibungsverluste und Unsicherheiten unter den Kunden. Die HVB wird sich in den kommenden ein bis zwei Jahren vermutlich mehr mit sich selbst als mit ihren Kunden beschäftigen. Das wäre die große Chance für die Commerzbank, Marktanteile zu gewinnen und Kunden abzuwerben.

mm.de: Könnte eine geglückte, grenzüberschreitende Fusion auf dem deutschen Markt nicht auch andere ausländische Institute dazu animieren, dann den Schulterschluss mit der Commerzbank zu suchen?

Kayser: Wir gehen davon aus, dass sich der Konsolidierungsprozess in der europäischen Bankenlandschaft fortsetzen wird. Mittelfristig muss sich die Commerzbank deshalb Gedanken machen, wohin sie steuern will. Entweder wird sie zur Regionalbank, oder sie stellt sich auch einer grenzüberschreitenden Fusion.

mm.de: Dem dürfte die Deutsche Bank  wohl kaum tatenlos zusehen.

Kayser: Sicher, in diesem Fall würde sich der Druck auf die Deutsche Bank erhöhen. Wegen der entstehenden hohen Restrukturierungskosten dürfte sie selbst eigentlich nur geringes Interesse an einer Übernahme der Commerzbank haben. Sie müsste aber ihre Position neu überdenken, sollte ein wettbewerbsstarkes ausländisches Finanzinstitut für die Commerzbank bieten, um damit eine flächendeckende Präsenz im deutschen Bankenmarkt zu bekommen. Die Deutsche Bank wäre dann vermutlich gezwungen, selbst das Heft in die Hand zu nehmen und ebenfalls für die Commerzbank zu bieten.

mm.de: Das offene Werben von HVB-Chef Rampl um die UniCredito war in der Vergangenheit ja nicht zu übersehen. Haben Sie es gleichwohl schon einmal erlebt, dass derart viele Details aus Verhandlungen über eine anstehende Fusion vorab an die Öffentlichkeit gelangt sind?

Kayser: Nein. Das hat mich auch sehr überrascht. Bis zur offiziellen Bestätigung der HVB, dass man mit der UniCredito verhandle, hatte es für mich wie ein Ablenkungsmanöver ausgesehen, dass man also möglicherweise im Hintergrund mit einer ganz anderen Bank Fusionsgespräche führt.

mm.de: Könnte bewusste Indiskretion als Strategie dahinter gesteckt haben?

Kayser: Für gewöhnlich laufen Übernahme- oder Fusionsgespräche äußerst verschwiegen ab, und es dringt nichts an die Öffentlichkeit, um mögliche Störfeuer erst gar nicht aufkommen zu lassen. Insofern könnte diese These zutreffen.

Vermutlich hat die HVB diesen Stein ins Wasser geworfen, um die Reaktion der Märkte und Aktionäre zu testen. Und die Reaktionen waren ja nicht schlecht, also hat man weiterverhandelt. Ungewöhnlich ist dieser Stil allerdings schon. Ob er auch für künftige Übernahmen taugt, muss sich noch erweisen.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.