EU-Debatte "Die Krise als Chance begreifen"

Das Drama um die Verfassung bedeute weder das Ende der EU noch der Währungsunion, sagt Lothar Heßler von HSBC Trinkaus & Burkhardt. Der Volkswirt sieht in der Krise Chancen - auch für einen starken Euro, vorausgesetzt Deutschland und andere EU-Staaten machen ihre Hausaufgaben.

mm.de:

Dem "Non" der Franzosen folgte das "Nee" der Niederländer. Die Krise um die EU-Verfassung bringt den Euro stark unter Druck. Ist die ungewisse Zukunft der EU eine hinreichende Erklärung für die Euro-Schwäche?

Heßler: Nein, das ist sie nicht. Wir müssen zwischen der Eurozone und der Europäischen Union unterscheiden. Der Währungsunion gehören zwölf Staaten an. Die umstrittene EU-Verfassung betrifft 25 Staaten. Gleichwohl wächst mit dem Widerstand gegen die EU-Verfassung die Unsicherheit darüber, wohin Europa politisch steuert und was die einzelnen Mitgliedsländer von der Währungsunion eigentlich erwarten. Diese Unsicherheit fördert die Euro-Schwäche, ist aber nicht die entscheidende Ursache.

mm.de: Welche Ursachen sehen Sie noch?

Heßler: Wir führen den Abwärtstrend des Euro seit seinem Höchststand zur Jahreswende auch auf die stetigen Leitzinserhöhungen in den USA zurück. Diese Entwicklung hat die Probleme der weltgrößten Industrienation, nämlich ihr Leistungsbilanz- und Handelsbilanzdefizit, in den Hintergrund gerückt. Zu Unrecht, wie wir glauben.

mm.de: Sie gehen also davon aus, dass die Märkte der Defizit-Problematik künftig wieder größeres Gewicht beimessen könnten und dies den Euro stützen wird?

Heßler: Richtig, wir glauben, dass der Euro mittelfristig zu einer gewissen Stärke zurückfinden wird und sehen dafür vor allem zwei Gründe. Erstens wird das Problem des Leistungs- und Handelsbilanzdefizits in den USA wieder stärker in das Bewusstsein der Märkte rücken.

Zudem glauben wir, dass die US-Notenbank die Leitzinsen noch bis zum Herbst anheben, sich dann aber zurückhalten wird, was den Euro zusätzlich stützen dürfte. Derzeit sehen wir die Gemeinschaftswährung zum Jahresende bei 1,40 Dollar. Sicher, sollte der Euro weiter fallen, wird er dieses Niveau vermutlich nicht erreichen. Doch noch sind wir momentan aus besagten Gründen nicht bereit, unsere Zielmarke zu revidieren.

"Euro-Schwäche allein reicht nicht"

mm.de: Gleichzeitig werden die Forderungen nach einer Zinssenkung durch die EZB immer lauter.

Heßler: Wir gehen davon aus, dass die EZB erst im kommenden Jahr die Zinsen senken wird. Zum einen interpretiert sie die Wachstumsschwäche Europas nicht so nachhaltig und zwingend, wie es andere Beobachter tun. Die positiven außenwirtschaftlichen Impulse für Euroland sind ja auch nicht von der Hand zu weisen.

Zudem ist festzuhalten, dass Geld- und Fiskalpolitik in Europa nicht Hand in Hand gehen. Auch deshalb dürfte die EZB nicht dazu neigen, quasi im Vorgriff die Zinsen zu senken. Sie wird sich erst dann dazu entscheiden, wenn es aus ihrer Sicht gar nicht mehr anders geht.

Die gegenwärtigen politischen Turbulenzen um die EU-Verfassung werden die EZB so schnell jedenfalls nicht zu einem Zinsschritt nach unten bewegen. Wir selbst sehen aber das Wirtschaftswachstum der Eurozone sowohl in 2005 als auch 2006 bei knapp 1,5 Prozent.

mm.de: Manche Marktteilnehmer interpretieren die Euro-Schwäche bereits als dauerhaft und verknüpfen damit zugleich positive Konjunkturhoffnungen für die Eurozone. Sind diese berechtigt?

Heßler: Ich denke, zunächst müssen wir die Euro-Schwäche relativieren. 1999 war die Gemeinschaftswährung bei 1,18 Dollar gestartet, rutschte auf bis zu 0,85 Dollar ab, um später Richtung 1,35 Dollar zu laufen. Seit diesem Hoch ist der Euro im Verhältnis zum Dollar um etwa zehn Cent gefallen. Aus diesem Blickwinkel kann man deshalb nicht von einem dramatischen Verfall des Euro sprechen. Gleichwohl kann sich der temporäre Verlust der Währung zeitlich versetzt positiv auf das Wirtschaftswachstum in der Eurozone auswirken.

Andererseits ist die Inlandsnachfrage schwach und wird sich in unseren Augen auch nicht grundlegend bessern. Entscheidender als die Wechselkursverhältnisse als Antriebsmotor für die Nettoexporte und damit für das Wachstum in der Eurozone ist aus unserer Sicht die Entwicklung des Welthandels. Das Wachstum des weltweiten Exportvolumens dürfte sich in 2005 auf 6,5 Prozent gegenüber dem Vorjahr nahezu halbieren. Die Euro-Schwäche allein reicht nicht aus, um einen Aufschwung herbeizuführen.

"Der Euro wird nicht abstürzen"

mm.de: Ein wichtiges Argument könnte gegen Wachstum infolge eines schwachen Euro sprechen: Der Ölpreis verharrt auf hohem Niveau und wird in Dollar abgerechnet. Bei einem fallenden Euro verteuern sich damit Rohölimporte und vermutlich auch andere Einfuhren.

Heßler: Wir sehen den Ölpreis im Gegensatz zu früher nicht als möglichen Katalysator für eine Rezession oder als Boomfaktor. Die Ölpreisabhängigkeit der Volkswirtschaften ist kleiner geworden. Etwas überspitzt dargestellt: Früher kletterten die Lohnforderungen mit steigenden Ölpreisen. Das ist heute nicht der Fall. Im Grunde ist der hohe Ölpreis für die westlichen Industriestaaten gegenwärtig eher ein das Wachstum dämpfender als ein die Inflation nachhaltig antreibender Faktor.

Sicherlich klettert die Inflation temporär bei steigenden Rohölpreisen. Aber gibt es in dieser Folge Zweitrundeneffekte, die sich fortsetzen werden? Wir meinen, das scheint nicht der Fall zu sein. Die Kerninflationsrate in der Eurozone ist zuletzt ja sogar gefallen. Daher kann der Ölpreis die Waagschale derzeit weder in Richtung Wachstumsboom oder Rezession entscheidend senken. Nebenbei bemerkt, die Wachstumsschwäche der Eurozone hält ja bereits sehr lange an.

mm.de: Halten Sie es für möglich, dass der Euro regelrecht abstürzt, wie es manche Szenarien beschreiben, sollte sich die politische Krise fortsetzen?

Heßler: Nein, das glaube ich nicht. Man sollte wie gesagt besser zwischen der Europäischen Union und der Eurozone differenzieren. Die Krise um die EU-Verfassung, die ja durchaus zu einer Krise der EU anwachsen könnte, muss nicht zugleich den Kollaps der Währungszone und des Euro bedeuten.

Es lässt sich sicherlich darüber diskutieren, ob die Eurozone der optimale Währungsraum ist. Die Bildung der Währungsunion folgte aber nicht einer Art Krönungstheorie, dass sie sozusagen zum Schluss kommt. Man stellte sie voran, um ein gewisses Maß an Einigung in Europa zu erreichen.

Dieser Prozess ist noch lange nicht zu Ende und - wie sich zeigt - mit vielen Rückschritten verbunden. Das Prozedere der Abstimmung unter den Staaten in der EU könnte künftig schwieriger werden. Das muss aber nicht so bleiben. Die Krise um die EU-Verfassung bietet auch die Chance für einen Neuanfang, was letztlich ebenso der Eurozone wie dem Euro zugute kommen sollte.

"Deutschland krankt nicht am Euro"

mm.de: Das Bundesfinanzministerium soll einem Pressebericht zufolge die Einführung des Euro für die anhaltende Wachstumsschwäche in Deutschland verantwortlich gemacht haben. Die Zweifel an der Währungsunion scheinen zu wachsen. Offenbar wird in dem Ministerium sogar über eine mögliche Auflösung der Währungsunion diskutiert. Wie bewerten Sie solche Spekulationen?

Heßler: Sollte das zutreffen, halte ich das für politische Augenwischerei. Ich sehe die Euro-Einführung per se nicht als Wachstumsbremse und schon gar nicht für Deutschland. Wir dürfen ja nicht vergessen, dass der Außenbeitrag das Gesamtwachstum in Deutschland zeitweise sogar absolut dominiert.

Wachstumsprobleme gibt es in der Mehrzahl in den großen Staaten, zum Beispiel Deutschland, Italien und zuletzt auch Frankreich. Die kleineren Staaten konnten dagegen schneller wachsen, nicht zuletzt auch deshalb, weil sie reformfreudiger waren. Die großen Staaten haben es dagegen in der Vergangenheit verpasst, Reformen rechtzeitig anzupacken, um Wachstumspotenziale zu erhöhen. Dafür bekommen sie jetzt die Quittung.

mm.de: Was halten Sie gleichwohl von der These, Deutschland habe mit der Euro-Einführung seinen Realzinsvorteil gegenüber ehemaligen Hochzinsländern verloren, und stünde nun deshalb schlechter da?

Heßler: Die Angleichung des Zinsniveaus orientierte sich eher am deutschen Niveau. Deshalb haben andere Länder wie Spanien oder Italien sicherlich stärker davon profitiert. Trotzdem sehe ich das nicht als entscheidend für die Wachstumsschwäche in Deutschland an.

Lange Zeit war der Wachstumsrückstand hier zu Lande zum Beispiel gegenüber Frankreich zum Großteil auf die schlechte Verfassung im Bausektor zurückzuführen. Um die Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands kann es aber so schlecht nicht bestellt sein, wenn man sich seine Exportentwicklung vor Augen führt. Die Wachstumsschwäche primär auf die Euro-Einführung abzuwälzen, das greift absolut zu kurz.

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