Deutsche Börse Das Phantom wahrt sein Geheimnis

Chris Hohn, Chef des Hedgefonds TCI, kam zur Hauptversammlung der Deutschen Börse, zeigte sich aber nicht und blieb damit Antworten auf die drängenden Fragen der Anleger schuldig. Sei es nun die künftige Strategie oder die Führungsspitze - der Verlauf des Aktionärstreffens lässt Vieles im Dunklen.
Von Lutz Knappmann und Lutz Reiche

Frankfurt am Main/Hamburg - Es ist ein eigentümlicher Kontrast von Licht und Schatten. Die weiße Kuppel der Frankfurter Jahrhunderthalle reflektiert das strahlende Sonnenlicht so grell, dass sich die wartenden Aktionäre zum Schutz die Hand vor die Augen halten. Es ist so hell, als sollte heute bei der Hauptversammlung der Deutschen Börse endlich alles ans Licht kommen. Doch der Eindruck täuscht.

Den Aktionären geht es darum, die Schattenspiele der vergangenen Monate auszuleuchten. Es geht ihnen um Transaktionen im Verborgenen, um die Frage "wie eigentlich die Mehrheit der Anteile an der Deutschen Börse aus deutscher Hand ins Ausland wandern konnten, ohne dass es irgendjemand gemerkt hat", formuliert ein Aktionär. Es geht um Kolportage und Gerüchte, um Abfindungen, die niemand genau beziffern kann, um die Personalsuche, deren Stand niemand kennt.

Vor allem aber geht es darum, einem Phantom ein Gesicht zu geben. Jeder fragt jeden, ob er denn kommt, der geheimnisvolle Großaktionär. Christopher Hohn, Chef des Hedgefonds TCI, soll sich endlich der Öffentlichkeit stellen, so die Hoffnung. Doch Hohn zeigt sich nicht. Immer wieder kursieren Gerüchte, er sei gesehen worden - im Versammlungssaal oder am Vorabend in einem Frankfurter Hotel. Am Ende sickerte so etwas wie eine inoffizielle Bestätigung für seine Anwesenheit durch. Öffentlich trat er aber nicht auf, die Fragerunde endete ohne ein Statement des Briten.

Er bleibt weiter ein Phantom, jener öffentlichkeitsscheue, rebellische junge Mann, der ganz und gar nicht das Bild eines Londoner Finanzhais widerspiegelt. Das sagen und schreiben jedenfalls die wenigen Beobachter, die ihm bislang begegnet sind.

Unauffällig, jungenhaft, kompromisslos

Sein Erscheinen ist unauffällig, das Gesicht fast ein wenig jungenhaft. Aber sehr direkt könne er sein und dann wieder völlig zurückgezogen, verschanzt hinter einer Mauer des Schweigens. Strategisch weitsichtig sei er, stolpere dann aber mitunter über banale Beschlüsse, heißt es. Auch Dickköpfigkeit wird ihm nachgesagt. Gern setze er sich kompromisslos für das ein, was er für richtig hält. Dabei spielt es offenbar keine Rolle, ob es nun um Aktionärsrechte oder Not leidende Kinder in Afrika geht, die Hohn mit seiner Wohltätigkeitsorganisation The Children's Investment Fund Foundation unterstützt.

Breuer darf noch bleiben

Antrag zurückgezogen - Breuer darf noch bleiben

Doch wehe dem, der den scheinbar Widersprüchlichen unterschätzt. Als persönliche Beleidigung habe es der 38-Jährige zum Beispiel aufgefasst, als Börsen-Aufsichtsratschef Rolf-E. Breuer ihm "kurzfristig orientierte" Anlagestrategien vorwarf. Das Ende ist bekannt: Die Deutsche Börse muss nach ihrem gescheiterten Übernahmeversuch der Londoner Stock Exchange ihre milliardenschwere Kriegskasse ausschütten, Seifert hat sich verabschiedet, Breuer darf noch ein bisschen bleiben - offiziell bis zum Jahresende.

Seine sofortige Abwahl steht nicht mehr zur Debatte. "Phantom Hohn" (Wirtschaftswoche) zog seinen Antrag wenige Tage vor der Hauptversammlung zurück, der Tagesordnungspunkt ist gestrichen worden. "Damit dürfte sich die Angelegenheit erledigt haben", sagt Breuer dazu lapidar. Proteste bleiben rar.

Weit reichende Entscheidungen stehen bei der Hauptversammlung also gar nicht mehr an. Die Rebellen um Hohn haben das Wichtigste längst durchgesetzt. Sie haben Fakten geschaffen - ohne dass die Aktionärsversammlung darüber hätte befinden können. Durch seine persönliche Präsenz könnte Hohn keinen Blumentopf mehr gewinnen, sagen Beobachter.

Wie Breuer die Aktionäre in die Halle lockte

Nicht um Entscheidungen, sondern um Informationen und Perspektiven geht es in der Frankfurter Jahrhunderthalle. Um das Licht im Dunkel des Geschehens also.

Die vergleichsweise hohe Präsenz spricht für sich. Zur Hauptversammlung sind 59,63 Prozent des Grundkapitals erschienen - so viel wie noch nie bei einer HV der Deutschen Börse. Allerdings hat sich der Konzern, wie Noch-Aufsichtsratschef Breuer bestätigt, im Vorfeld der HV der Dienste einer amerikanischen Agentur bedient, die die Aktionäre zur Teilnahme bewegen sollte. Sicher ist sicher, mag man sich wohl bei der Deutschen Börse gedacht haben. Denn eine geringere Präsenz hätte zweifelsohne zu einem Übergewicht der rebellischen Aktionäre auf der HV geführt.

Kein neuer Vorstandschef in Sicht

Breuer hat noch keine Gespräche geführt

Entsprechend gering fiel die Entlastung von Vorstand und Aufsichtsrat aus. Am Ende des Treffens stimmten 68 Prozent des anwesenden Kapitals dafür. Im Vorjahr waren es 99,98 Prozent gewesen.

"Wer wird Nachfolger des geschassten Börsenchefs Werner Seifert?", lautet eine der dringendsten Fragen. Zahllose Namen sind mittlerweile in der Diskussion: Reto Francioni, der Chef der Schweizer Börse, Friedrich Merz, einstmals Fraktionschef der Union im Bundestag, sind nur zwei prominente Kandidaten, die für das Amt gehandelt werden. Auch wenn sie anderen Berichten zufolge ihr Interesse längst bestritten haben.

Gespräche, so erklärt Noch-Aufsichtsratschef Breuer, hätten allerdings noch gar nicht stattgefunden. Erst nach der Hauptversammlung solle die Suche beginnen. "Allerdings sind eine ganze Reihe von Interessenten von sich aus auf mich zugegangen", so Breuer. "Offensichtlich ist der Vorstandsvorsitz bei der Deutschen Börse eine attraktive Position." Vorerst bleibt die Führungsfrage jedoch weiter ungeklärt - und die Verantwortung vorerst weiter an Interimschef Mathias Hlubek hängen.

Das neue Führungsduo: Interimschef Mathias Hlubek und Aufsichtsratschef Rolf-E. Breuer

Das neue Führungsduo: Interimschef Mathias Hlubek und Aufsichtsratschef Rolf-E. Breuer

Foto: DDP
Macht es kurz: Aufsichtsratschef Breuer dankt Ex-Vorstandschef Werner Seifert für seine Verdienste. Seifert selbst blieb der Hauptversammlung fern

Macht es kurz: Aufsichtsratschef Breuer dankt Ex-Vorstandschef Werner Seifert für seine Verdienste. Seifert selbst blieb der Hauptversammlung fern

Foto: AP
Suchender Blick: Rolf-E.Breuer soll einen neuen Vorstandschef finden. Der ist aber noch nicht in Sicht

Suchender Blick: Rolf-E.Breuer soll einen neuen Vorstandschef finden. Der ist aber noch nicht in Sicht

Foto: REUTERS


Hauptversammlung der Deutschen Börse 2005
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Hlubeks große Stunde: Nüchtern, sachlich, streng

Dessen große Stunde schlägt am Vormittag: Dem 41-jährigen Finanzchef der Deutschen Börse obliegt die Aufgabe, den Bericht des Vorstandes abzugeben. Denn Werner Seifert, sein abgesetzter Vorgänger, ist der Versammlung ferngeblieben. Gerissen hat sich Hlubek um diese Aufgabe wohl nicht. Aber er ist ein enger Vertrauter Seiferts, so eng, dass ihn Seifert vor einigen Jahren zu seinem Trauzeugen machte. Also übernimmt Hlubek seine Aufgaben als Interimschef und erfüllt sie so, wie ihn die wenigen Beobachter, die ihn bislang kennen, immer beschrieben haben: Nüchtern, sachlich, streng nach Manuskript. Selten nur schaut er seine Zuhörer direkt an.

Interimschef verteidigt integriertes Geschäftsmodell

Hlubek verteidigt die Strategie seines Vorgängers. Er kämpft um Fortbestand des Unternehmens in seiner gegenwärtigen Form. Sein wichtigstes Schlagwort: Das "integrierte Geschäftsmodell." Immer wieder betont Hlubek den Erfolg der "Zusammenführung von Kassa- und Terminmarkt, Abwicklung, Wertpapierverwahrung, Systemtechnologie und Informationsdienstleistungen." Denn wie viele Aktionäre treibt auch den Interimschef die Sorge um, die Deutsche Börse könnte zerschlagen werden.

Die nicht endenden Spekulationen über die Strategie, die die Fonds um TCI für die Deutsche Börse hegen, zeichnen immer wieder auch das Szenario eines Verkaufs der Options- und Terminbörse Eurex, sowie der Wertpapierabwicklung Clearstream. Damit würde die Deutsche Börse auf ihr Rumpfgeschäft zurückgestutzt - und verlöre seine wichtigsten Erlösbringer.

Hlubek kämpft um das "Weiter so"

Proteststurm der Aktionärsschützer bleibt aus

Das Geschäftsjahr 2004 war das erfolgreichste in der Geschichte der Deutschen Börse. Und das erste Quartal 2005 schließt daran nahtlos an. "Der Start ins neue Geschäftsjahr ist uns gut gelungen", so Hlubek. Die Umsatzerlöse stiegen im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 7 Prozent auf 425,4 Millionen Euro, das operative Ergebnis stieg um 18 Prozent auf 177,7 Millionen Euro. Allein 68,9 Millionen Euro steuerte dabei das Segment Eurex bei. Weitere 61,7 Millionen Euro entfielen auf Clearstream.

Hlubek kämpft um das "Weiter so"

Hlubek kämpft um das "Weiter so". "Die Veränderungen in Aufsichtsrat und Vorstand ändern nichts an unserer Strategie", sagt Hlubek. Die Börse habe einen Dreijahresplan, den sie weiter verfolge. Es gebe keine Überlegungen, die integrierten Teile zu zerlegen. Konkreter wird er nicht.

Damit bestätigt Hlubek auch die Kritik der Deutschen Schutzgemeinschaft für Wertpapierbesitz (DSW), die dem Unternehmen eine "katastrophale Informationspolitik" vorwirft. Dem Vorstand wolle die DSW deshalb die Entlastung verweigern, betont DSW-Sprecher Nieding.

Der erwartete Proteststurm von Anlegern und Aktionärsschützern bleibt allerdings aus. Statt ideologische Breitseiten abzufeuern setzen die Vertreter von SdK und DSW vor allem auf den Appell zu besserer Aufklärung, den sie nachdrücklich auch an den TCI-Fonds richten. "Für Aktionäre ist es ein Unding, nicht zu wissen, was die Fonds vorhaben", bemängelt die DSW.

Was TCI genau vorhat, weiß offenbar auch Hlubek nicht. Immerhin: Der Interimschef bewertet die jüngsten Äußerungen von TCI zum Verzicht auf die sofortige Ablösung Breuers positiv. "Wir begrüßen die konstruktive Haltung, die TCI mit seiner Mitteilung vom 23. Mai zum Ausdruck gebracht hat", sagt Hlubek. Das klingt zwar ein wenig trocken. Doch so ist er halt. Nach außen hin spröde und farblos - "ein typischer Controller eben", heißt es, was bei seinem Job durchaus als Kompliment zu verstehen ist.

Fonds halten sich mit Kritik zurück

Fonds halten sich mit Kritik zurück

Mit scharfer Kritik halten sich auch die Fondsgesellschaften zurück. Lediglich zwei Gegenanträge liegen vor, gestellt unter anderem von Union Investment. Ihr Ziel: Die Ausschüttung des gesamten Bilanzgewinns von knapp 227 Millionen Euro an die Aktionäre. Eine Kontroverse lösen die Anträge freilich nicht aus: Denn alle Beteiligten sind sich einig, dass das Geld an die Aktionäre fließen soll. Einzig im Verfahren sind sich Unternehmen und Aktionäre uneins: Statt einer einfachen Ausschüttung bevorzugt es die Deutsche Börse, das Geld - abgesehen von einer Dividende von 70 Cent je Aktie - für den laufenden Aktienrückkauf aufzuwenden.

Für Diskussionsstoff sorgt der "goldene Handschlag" für Ex-Vorstandschef Seifert. Zehn Millionen Euro soll er bekommen. Da stellt sich nicht nur für Aktionärsschützer die Frage nach der vertraglichen Grundlage für so eine Abfindung. Doch Aufsichsratschef Rolf-E. Breuer geht auf das Thema auch auf Nachfrage nur ausweichend ein - und rechnet den Aktionären lediglich den im Vertrag geregelten Verteilungsschlüssel vor.

Stattdessen dankt er dem ausgeschiedenen Werner Seifert für seine Arbeit. Seifert habe die Deutsche Börse zu einem "international anerkannten und sehr erfolgreichen Unternehmen geführt", sagt Breuer. Dem kann man nicht wirklich widersprechen. Denn zweifellos ist in den Wirren um die LSE-Übernahe der faktische unternehmerische Erfolg der Deutschen Börse in den Hintergrund getreten.

Doch geht es darum überhaupt? Den Erfolg der Vergangenheit bestreitet kein Aktionär, niemand widerspricht, als das Fondshaus DWS betont, ein Investment in die Deutsche Börse habe sich "ordentlich gelohnt". Doch wie es mit dem Unternehmen weitergeht bleibt im Dunklen.

Ins Innere der Jahrhunderthalle hat es das grelle Sonnenlicht nicht geschafft.

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