Dienstag, 2. Juni 2020

Werner Seifert Der erfolglose Eroberer gibt auf

In acht Jahren Amtszeit hat Werner Seifert die Deutsche Börse zu einem technologisch führenden Handelsplatz ausgebaut. Doch seine vergeblichen Versuche, mit der London Stock Exchange eine schlagkräftige europäische Allianz zu schaffen, brachten immer mehr Aktionäre gegen den scheidenden Börsenchef auf.

Werner Seifert: Rücktritt als Börsenchef mit sofortiger Wirkung

Werner Seifert arbeitete zunächst bei der Unternehmensberatung McKinsey und und als Mitglied der Konzernleitung der Schweizer Rückversicherung, bevor er im September 1993 als Nachfolger von Rüdiger von Rosen zum Vorstandsvorsitzenden der Deutschen Börse AG ernannt wurde.

Unter Seiferts Führung entwickelte sich die Deutsche Börse zu einer der technologisch führenden Handelsplätze der Welt. Besonders das 1997 eingeführte Xetra-System (Exchange Electronic Trading) erwies sich als Erfolg. Seiferts Vertrag wurde im Jahr 2000 bis zum Jahr 2006 verlängert.

Erfolg mit Xetra und Euronext

Für Seifert war es besonders wichtig, die nationalen Börsenplätze Europas zusammenzuführen. Eine Allianz zwischen den Terminbörsen der Deutschen und Schweizer Börse führte 1998 zur Entstehung der Eurex, die zur größten Terminbörse der Welt und zu einem der wichtigsten Umsatzbringer für die Deutsche Börse AG werden sollte.

Doch dies reichte Seifert nicht aus. Bereits 1998 und 2000 unternahm er zwei Versuche, eine Allianz zwischen Deutscher Börse und der London Stock Exchange herzustellen. Ab Mai trieb er die Fusion zwischen London und Frankfurt zur "International Exchange" (iX) voran, doch die Fusionsbemühungen wurden im Herbst 2000 eingestellt.

Vergebliches Buhlen um LSE

Im Januar 2001 geht die Deutsche Börse selbst an die Börse. Eines der wichtigsten Ziele sei, mit der gewonnenen Liquidität eine "wichtige Rolle" bei der Konsolidierung der europäischen Börsenlandschaft zu spielen, so Seifert. Der Druck der Konkurrenz nimmt zu: Während die Deutsche Börse bereits eine Abfuhr aus London erhalten hat, haben sich die Konkurrenten Paris, Brüssel und Amsterdam bereits zur Börse "Euronext" zusammengeschlossen.

Doch auch im März 2005 scheiterte Seiferts letzter Versuch, die London Stock Exchange für stolze zwei Milliarden Euro zu übernehmen. Viele Anleger halten das Kaufangebot für überteuert. Als Gründe für den Rückzug des Angebots nennt Seifert den Widerstand der LSE sowie der eigenen Aktionäre.

Machtkampf mit Hedgefonds

Zwischen der Führungsspitze der Deutschen Börse und Großaktionären entbrennt ein Machtkampf. Auch die Zusage Seiferts, einen großen Teil der Barmittel als Dividende für die Aktionäre auszuschütten, kann seine Position als Börsenchef nicht mehr festigen.

Die Großaktionäre unter Führung des britischen Hedgefonds TCI hatten Anfang März den Abbruch der Verhandlungen der Deutschen Börse zur Übernahme ihres Londoner Pendants LSE erzwungen. Seither drängen sie auf den Abgang Breuers und Seiferts, denen die Fondsgesellschaften eine verfehlte Strategie vorwerfen.

Zuletzt hatten Börsenchef Seifert und Aufsichtsratschef Breuer nicht nur die Unterstützung der angelsächsischen, sondern auch eines Teils der deutschen Anteilseigner verloren. Am Wochenende hatte die Sparkassen-Fondsgesellschaft Deka dem Aufsichtsratschef die Gefolgschaft gekündigt und erklärt, sich auf der Hauptversammlung am 25. Mai bei der geplanten Abwahl Breuers der Stimme zu enthalten.

TCI-Manager Christopher Hohn hatte Mitte April formell beantragt, Breuer auf dem Aktionärstreffen abwählen zu lassen. TCI und der New Yorker Hedgefonds Atticus halten gemeinsam rund 15 Prozent der Anteile an der Deutschen Börse.

Dem Druck der Hedgefonds haben sich sowohl Breuer als auch Seifert gebeugt: Seifert ist am Montag mit sofortiger Wirkung zurückgetreten, während Breuer das Unternehmen zum Jahresende verlassen will.

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