Berkshire-Hathaway Lieber nett plaudern

Es ist das vielleicht kurioseste Aktionärstreffen überhaupt. Aus der ganzen Welt reisen Anleger an, um ihr Investmentidol live zu erleben: Warren Buffett, der vielleicht bald ein Problem mit der Justiz hat. Interessiert hat das niemanden.
Von Karsten Stumm

Omaha, Nebraska - Die größte Halle in Omaha ist eigentlich eine Katastrophe für die Stadt. Sicher, sie sieht nicht schlecht aus mit ihrem welligen Dach und den großen, hellen Fensterflächen, die bis zum Boden heruntergezogen sind. Aber vormittags, wenn keine Konzerte stattfinden, ist niemand in der Qwest-Arena, und draußen bleiben die weitläufigen Terrassen leer, die doch für Leben an Omahas Flusspromenade sorgen sollen.

Gestern war die Promenade ab 7.00 Uhr in der Früh voller Menschen.

Kultinvestor Warren Buffett hatte die Aktionäre seiner Firma Berkshire Hathaway zur Hauptversammlung geladen. 17.000 Aktionäre reisten an, selbst von weit her kamen sie, teils von anderen Kontinenten, bis nach Nebraska, dem Prärieland im Mittleren Westen. - Wer zur Qwest-Arena aufbricht, dem müssen Stars versprochen worden sein.

Vor drei Wochen war John Mellencamp da, gestern Warren Buffett.

Lieber über was Großes sprechen

17.000 Aktionäre klatschen, als er um 9.30 Uhr auf die Bühne tritt, aber Jubel brandet nicht auf. "Es war etwas ruhiger als sonst auf seinen Hauptversammlungen", sagt Hendrik Leber, Chef der Frankfurter Vermögensberatungsgesellschaft Acatis, der seit zehn Jahren keinen Auftritt Buffetts in Omaha verpasst hat. Steigende Inflation in Amerika und das hohe Haushaltsdefizit der USA hätten die Anleger beunruhigt. "Die Leute wollten mit Buffett lieber über die großen Themen reden als über ihr eigenes kleines Unternehmen, über Berkshire Hathaway", sagt Leber.

Ja, warum auch nicht? Probleme scheint die Firma nicht zu haben: Berkshire verdiente im ersten Quartal dieses Jahres 24 Prozent mehr als im Vorjahr, vor Steuern stolze 2,1 Milliarden Dollar, und weitere 45 Milliarden US-Dollar liegen in bar auf den Firmenkonten. Berkshire Hathaway sucht deshalb händeringend nach einer vernünftigen Gelegenheit, das Geld anzulegen. Ein, zwei Versicherungen zu kaufen schwebt Buffett vor, eine Milliarde Dollar soll die eine kosten, die andere fünf Milliarden bis zehn Milliarden Dollar. "Ich liebe Versicherungen", sagte Buffett zur Begründung. "Und momentan haben wir mehr Geld als Verstand."

Das Orakel von Omaha

Wahrscheinlich weiß Buffetts Investmenthumor nur richtig zu schätzen, wer aktuell 65.100 Euro für eine Berkshire-Hathaway-Aktie zahlt - und mit seiner Geldanlage zugleich den Eintrittspreis zu Buffetts unterhaltsam kritischen Lehrstunden über den amerikanischen Kapitalismus entrichtet, seinen Hauptversammlungen. Das "Orakel von Omaha", wie amerikanische Zeitungen Buffett gerne nennen, beantwortete auch gestern wieder die Fragen seiner Aktionäre:

Mit welchem Euro-Dollar-Kurs rechne Buffett in einem Jahr? "Der Dollar wird fallen, weil wir Amerikaner es lieben, mehr Geld auszugeben, als wir verdienen."

Wie bewerte Buffett Investments in das Edelmetall Gold, um der steigenden Inflation in den USA auszuweichen? "Gold ist immer eine absurde Geldanlage. Es wird irgendwo in Südafrika ausgegraben, um anschließend in Fort Knox wieder verbuddelt zu werden."

Und was, Herr Buffett, halten Sie von den Plänen zur Privatisierung der US-Rentenversicherung? "Eine sehr schlechte Idee einiger Politiker, die von einem inkompetenten Volkswirt verrückt gemacht worden sind."

Bill Gates als Testamentstreuhänder

Nebenbei erledigten Aktionäre und Vorstand noch schnell eine Personalie. Großaktionär Buffett, zweitreichster Mann der Welt, holte Microsoft-Chef Bill Gates, reichster Mann der Welt, in den Vorstand seines Unternehmens. "Mit ihm", sagte Buffett zu seinen Aktionären, "haben Sie eine reiche und unabhängige Person, die mir während und nach meinem Leben sehr helfen wird. Es ist so ähnlich, als würde ich Gates zum Treuhänder eines Testaments machen". Gates wurde fast ohne Gegenstimme gewählt.

"Kritische Fragen zum eigenen Geschäft und den Personen von Berkshire Hathaway wurden überhaupt nicht gestellt", wundert sich Acatis-Chef Leber über die Wohlfühl-Hauptversammlung in Omaha, Nebraska. Dabei hätte es dafür durchaus einen Ansatzpunkt gegeben: Die mögliche Verstrickung von Berkshire in den Skandal um den Versicherungskonzern American International Group (AIG).

In Reichweite der Staatsanwaltschaft

New Yorks Generalstaatsanwalt Eliot Spitzer ermittelt derzeit, ob AIG mit Hilfe einer komplizierten Kredittransaktion, die angeblich als Versicherungsvertrag getarnt worden war, die eigene Bilanz aufpoliert habe. Spitzer glaubt das, und das ist schlecht für Buffett. Denn sein Berkshire-Konzern hat weltweit viele ähnliche Versicherungsverträge abgeschlossen.

Ganze zwei Sätze verwendete Buffett in der fünfstündigen Veranstaltung auf den brisanten Fall, der jeden einzelnen Aktionär seiner Gesellschaft zuerst interessieren müsste: "Sie werden verstehen, dass ich zu laufenden Ermittlungen keine detaillierten Angaben machen kann", antwortete Buffett knapp; das war der erste Satz. Dann fiel ihm noch ein zweiter ein: "Der Fall könnte für uns zu einer sehr relevanten Frage werden." Das war's. Nachfragen? Keine, dabei ist der AIG-Skandal mittlerweile so international, wie Buffetts Hauptversammlungen.

Sätze, wie in Stein gemeißelt

Die australische Finanzaufsicht beispielsweise glaubt, die "abenteuerlichen Finanzrückversicherungen" des Konzerns hätten bereits zu den größten Bankrotten in der australischen Wirtschaftsgeschichte beigetragen. Ausgehandelt hatte die Versicherungsverträge für Berkshire Hathaway übrigens Ajit Jain, zeitweise sogar Kandidat für Buffetts Nachfolge an der Konzernspitze. "Wenn Sie Ajit treffen, verneigen Sie sich tief. Er hat enorm viel Geld für uns verdient", riet Buffett noch im vergangenen Jahr seinen Aktionären. Gestern blieb Jain unerwähnt.

Buffett ist nicht so schmallippig, wenn es darum geht, andere zu kritisieren. In den vergangenen Jahren hatten auf Buffetts Hauptversammlungen alle ihr Fett abbekommen: von korrupten Managern über verblendete Internetinvestoren bis zu gierigen Bankern.

"Er kann es machen", sagt Leber, "weil er unerhört sicher investiert ist. Buffett selbst sagt immer, da könne keine Börsenkrise der Welt etwas dran ändern". Solche Sätze lieben sicherheitsorientierte Anleger, wie sie auch Lebers eigene Vermögensverwaltungsgesellschaft Acatis in Frankfurt am Main betreut. "Die Leute wollen genauso beruhigt einschlafen können, wie Buffett selbst."

Wie stehen mit diesem Investmentstil die Anlagechancen, Herr Leber? "Mit Value Investing ist in den nächsten zehn bis 20 Jahren ein jährliches Wachstum in Höhe von 6 bis 7 Prozent möglich - sagte Warren Buffett gestern in der Qwest-Arena."

Das macht Hoffnung. Die Arena wurde für Stars gebaut.

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