Borussia Dortmund Anstoß für die Nachspielzeit

Sportlich geht es bei Borussia Dortmund wieder aufwärts. Doch hinter den Kulissen brodelt der Finanzskandal munter weiter. Mehrere Anlegeranwälte haben juristische Schritte gegen das ehemalige BVB-Management und die Commerz Fonds Beteiligungsgesellschaft eingeleitet – und neue Details der kreativen BVB-Buchführung aufgedeckt.
Von Lutz Knappmann

Dortmund - Die Fans haben ihr Lachen inzwischen wieder gefunden. Ein 4:2 Sieg der Dortmunder Borussia gegen Kaiserslautern weckt UI-Cup-Träume, spektakuläre Spielertransfers versprechen eine Verstärkung der Mannschaft für die kommende Saison. Außerdem wissen die BVB-Anhänger seit der vergangenen Woche offiziell: Ihr Fußballclub behält seine Lizenz und darf - trotz 90 Millionen Euro Schulden - auch weiterhin in der Bundesliga mitspielen.

Hinter den Kulissen der skandalumwitterten Fußball AG wird weniger gelacht. Denn nachdem die Borussia Mitte März dem wirtschaftlichen Tod noch einmal knapp von der Schippe gesprungen ist, toben nun die juristischen Gefechte um Schuld und Schadenersatz. Ein ganzes Heer von Anlegeranwälten hat das frühere Management des Vereins und die Verantwortlichen des so genannten "Stadion-Fonds", dem das Dortmunder Westfalenstadion gehört, ins Visier genommen.

Der Münchener Jurist Klaus Rotter fährt schwere Geschütze gegen den früheren BVB-Geschäftsführer Gerd Niebaum und den vor der Ablösung stehenden Manager Michael Meier auf. Ende Februar hatte Rotter die beiden BVB-Verantwortlichen wegen Kapitalanlagebetruges, sowie Kurs- und Marktpreismanipulation angezeigt. Jetzt legt der Anwalt nach: In einer 76 Seiten starken erweiterten Anzeige, die manager-magazin.de vorliegt, wirft er dem ehemaligen BVB-Führungsduo weitere Fälle von Kurs- und Marktpreismanipulation, sowie versuchten schweren Betrug, Bilanzbetrug und eine falsche eidesstattliche Versicherung vor.

Vorwurf: Bilanzkosmetik durch Scheingeschäfte

Rotter bezieht sich auf den Emissionsprospekt des BVB aus dem Oktober 2000, der den Börsengang der Fußball AG begleitete, sowie auf den Prospekt des Molsiris Stadion-Fonds. In beiden Prospekten seien Angaben über die wirtschaftliche Situation des Vereins unvollständig oder falsch dargestellt worden.

So habe der Stadionprospekt für das Geschäftsjahr 2001/2002 einen Gewinn von 700.000 Euro ausgewiesen. Dieser Gewinn beruhe jedoch maßgeblich auf einer Transaktion mit der fondsnahen Molacra GmbH, "deren einziger Zweck es war, die Bilanz der Gesellschaft zu Zwecken des Fondsabsatzes umzugestalten", heißt es in der Anzeige. Ein Scheingeschäft also, ohne das der BVB einen Verlust von 22,2 Millionen Euro hätte ausweisen müssen. Nach Rotters Auffassung ein klarer Fall von Kapitalanlagebetrug.

Auch ein Geschäft mit dem münsterländischen Bauunternehmer Paul Sahle erregt Rotters Kritik: Im Zusammenhang mit der Kapitalerhöhung des BVB habe Sahle 1,4 Millionen neue Aktien gezeichnet. Dabei habe ihm der Fußballclub "unter eklatantem Verstoß gegen zwingende Grundsätze des Gesellschaftsrechts" garantiert, die Anteile jederzeit zum Kaufpreis zurückgeben zu können. Von dieser Garantie machte Sahle tatsächlich Gebrauch - das Aktienpaket verkaufte der BVB anschließend an den türkischen Medienunternehmer Sadettin Saran weiter.

Der Evanilson-Amoroso-Deal

Der Evanilson-Amoroso-Deal

Ein Scheingeschäft wittert der Münchener Anwalt auch im Transferhandel mit den Spielern Evanilson und Amoroso. Mitte 2001 habe der BVB die Transferrechte an Evanilson für knapp 18 Millionen Euro an den AC Parma verkauft und gleichzeitig vom selben Club die Rechte an Marcio Amoroso für rund 25 Millionen Euro gekauft. Evanilson habe jedoch nie für Parma gespielt, sondern sei sofort nach dem Rechteverkauf für rund 256.000 Euro pro Jahr wieder an den BVB ausgeliehen worden.

Zwei Jahre später habe der BVB die Transferrechte dann für 15 Millionen Euro wieder zurückgekauft. Der behauptete "Transfererlös" für Evanilson sei im Geschäftsjahr 2001/2002, der Erwerb der Transferrechte für Amoroso hingegen erst im darauf folgenden Geschäftsjahr bilanziert worden, heißt es in der Anzeige. Ein Versuch, so die Schlussfolgerung, die Bilanz schön zu rechnen. Und weiter heißt es: "Die Scheinbuchungen bezüglich der Transferrechte für den Spieler Evanilson stellen gleichzeitig einen Bilanzbetrug im handelrechtlichen Sinne dar."

Rotters Anzeige richtet eine Reihe weiterer Vorwürfe an die Adresse der früheren BVB-Manager. So habe Meier an Eides Statt versichert, es habe im Rahmen der BVB-Kapitalerhöhung keine Nebenabreden mit einzelnen Zeichnern gegeben - was sich später als falsch herausstellte. Im Zusammenhang mit den Verhandlungen über eine millionenschwere Anleihe des Investors Stephen Schechter hätten sich die BVB-Manager gar des versuchten schweren Betrugs schuldig gemacht.

Klage gegen die Stadion-Besitzer

Die Anwälte von Niebaum und Meier reagierten auf die neuerlichen Vorwürfe einem Medienbericht zufolge mit harscher Zurückweisung: Ein "schaler Aufguss" sei die neue Anzeige, die nur die bevorstehende Einstellung der Ermittlungen von Seiten der Staatsanwaltschaft torpedieren solle, zitiert das "Handelsblatt" die Juristen.

Doch nicht nur das frühere BVB-Führungsduo steht juristisch unter Dauerbeschuss. Schon am vergangenen Freitag hatte die Berliner Anwaltskanzlei Kälberer & Tittel beim Landgericht Düsseldorf Schadenersatzklage gegen die Initiatoren des "Stadion-Fonds", die Commerzbank und ihre Commerz Fonds Beteiligungsgesellschaft (CFB), eingereicht. Der Klage schlossen sich die Kanzleien der Rechtsanwälte Gieschen und Ahrens an.

Die Commerzbank und ihre Fonds-Tochter seien verantwortlich für die Verluste von gut 5800 Fondszeichnern beim Beinahe-Konkurs der Fußball AG, so der Vorwurf. Die Klage stützt sich unter anderem auf das Argument, dass in dem Prospekt des "CFB 144 Fonds" die "katastrophale Höhe der Verluste im operativen Geschäft beim BVB verschwiegen" worden sei. "Auf Grund der verschwiegenen hohen operativen Verluste ist die Darstellung von Borussia Dortmund als eines der wirtschaftlich erfolgreichsten Fußballunternehmen in Deutschland nicht nur eine besonders krasse Irreführung der Anleger, sondern ein zu Schadenersatz verpflichtender Prospektmangel", betonte Kälberer. "Das Haftungsvolumen kann schnell 40 bis 50 Millionen Euro erreichen", so der Rechtsanwalt. Die Commerzbank-Tochter CommerzLeasing wies diese Vorwürfe im zurück. Der Prospekt stelle die Chancen und Risiken ausführlich da, teilte das Untermnehmen mit.

Alle Klagen, so betonen die beteiligten Anwälte derweil unisono, richten sich nicht gegen den Verein, der "ohnehin schon genug gelitten" habe.

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