Thilenius-Kolumne Vor der Entscheidung

Kursverluste in Amerika, Europa und Asien - und die ersten Leitindizes der Aktienmärkte bewegen sich auf ihre Jahrestiefs zu. Für Anleger gibt es also Anlass nachzudenken: weg von der Aktienbörse oder langfristig ausharren?

In der vergangenen Woche sind die internationalen Aktienmärkte mit Schwung in den Keller gerauscht. Der Dow-Jones-Aktienindex  an der Leitbörse in New York zum Beispiel machte den Anfang und verlor binnen dreier Handelstage 373 Punkte oder 3,6 Prozent. Aufs Jahr gerechnet liegen die Verluste sogar bei 6,4 Prozent. Damit sind die Aktiengewinne seit der Wiederwahl Georg W. Bushs zum US-Präsidenten aufgezehrt.

Die Entwicklung des wichtigen US-Aktienindexes ist kein Einzelfall. Der deutsche Dax  beispielsweise hat die Bewegung des amerikanischen Dow Jones nachvollzogen und zwischen dem 14. und 18. April fast 5 Prozent auf 4202 Zähler verloren. Noch hält sich das bedeutendste deutsche Börsenbarometer knapp über dem Jahrestief von Ende Januar bei 4160 Indexpunkten: Die vergangenen Handelstage haben wenigstens eine Stabilisierung auf niedrigerem Niveau gebracht, wenn auch keine Trendumkehr. An den anderen europäischen Märkten und in Asien sieht es übrigens ähnlich aus.

Was ist passiert? Die schlechte Stimmung kommt aus Amerika. Sie ist durch Sorgen um abflauendes US-Wirtschaftswachstum und steigende Inflation entstanden. Investoren müssen sich jetzt fragen, ob es in dieser Lage noch weiter kräftig bergab gehen kann oder ob Hoffnung auf bald wieder steigende Kurse besteht. Manchmal hilft bei der Beantwortung solcher Fragen ein Blick in die Börsenhistorie.

Investoren mit gutem Gedächtnis erinnern sich vielleicht an den 15.April 2000. Vor fünf Jahren rutschte der Dow Jones Index um knapp 5 Prozent nach unten, auf damals 10.200 Indexpunkte. Das war der Auftakt: Wer die großen Verluste am 15.April 2000 zum Anlass nahm, seine Aktienbestände herunterzufahren, hat die folgende schlimmste Aktienbaisse seit der Weltwirtschaftskrise vermeiden können. Daran schließt sich natürlich die Überlegung an, jetzt zu verkaufen, was man vielleicht damals im Jahr 2000 versäumt hat.

Die Grundstimmung bleibt positiv

Aber halt. Es gab auch noch einen anderen Freitag mit großen Kursrückgängen, nämlich zwei Jahre vorher. Am Freitag, dem 28. August 1998 sank der Dow Jones Index im Zuge der Russland- und der aufziehenden Hedgefondskrise um knapp 3 Prozent auf damals 7500 Punkte. Zwar ging der Index auf dem Höhepunkt der Krise Anfang Oktober noch weiter zurück, die Verluste wurden aber ab dem 7. Oktober 1998 bis zum Frühjahr 2000 mehr als aufgeholt. Wer damals verkaufte, hat sich anschließend wohl gegrämt.

Was bedeutet diese Reaktion der Märkte für den Investor heute? Wer auf Sicherheit bedacht ist, wird die Parallele zum Jahr 2000 beachten und die in den letzten zwei Jahren eingefahrenen Gewinne glattstellen und so lang in Geldmarktfonds parken, bis eindeutige Signale eines weiter gehenden Aufschwungs zu sehen sind. Das kann aber durchaus sechs Monate dauern.

Der langfristige Investor sieht dagegen, dass die Grundstimmung an den Märkten aufgrund der nach wie vor niedrigen Zinsen und der trotz aller Bedenken moderaten Inflation positiv ist. Er wird investiert bleiben, aber sehr genau den Anleihenmarkt beobachten. Falls die langfristigen Bondzinsen bis in die Nähe von 5 Prozent steigen sollten, empfiehlt sich der Ausstieg aus dem Aktienmarkt.

Nach Auswertung früherer Börsenzyklen ist etwa alle vier Jahre mit einem Tief der Indizes zu rechnen. Das letzte Tief war in USA im Oktober 2002, bei uns im Frühjahr 2003. Das vorhergehende Tief war im Oktober 1998. Damit steht uns ein neues Tief rechnerisch im Oktober 2006 ins Haus, also erst in 18 Monaten.

Treffen Sie also Ihre Entscheidung.