Borussia Dortmund Von der Schippe gesprungen

Die Anleger des Immobilienfonds Molsiris haben nach langer Diskussion dem Rückkauf des Westfalenstadions zugestimmt. Die Pleite des börsennotierten Fußballclubs Borussia Dortmund ist damit vorerst abgewendet - ein Befreiungsschlag, der BVB kann auf weitere Finanzspritzen hoffen. Jetzt beginnt das große Aufräumen.
Von Lutz Knappmann

Dortmund - Am Ende war das Ergebnis eindeutig: 94,4 Prozent Zustimmung für das Sanierungskonzept - mit einer solchen Mehrheit hatte niemand gerechnet. 75 Prozent hätten ausgereicht, um den taumelnden BVB zu retten - jede Stimme mehr ein beruhigendes Statement: Auch die Finanziers wollen den Traditionsclub Borussia Dortmund nicht ohne weiteres aufgeben.

Mit ihrer Entscheidung verschafften die Anleger des Stadionfonds Molsiris Deutschlands einzigem börsennotierten Fußballclub am Montag die ersehnte Rettung in letzter Minute: Bis Dienstag muss der BVB der Deutschen Fußball-Liga die finanzielle Leistungsfähigkeit nachweisen, um die Lizenz für die nächste Saison zu erhalten.

Rund 500 der 5800 Molsiris-Anleger hatten sich am Montagmorgen in der "Event Terminal Halle" des Düsseldorfer Flughafens versammelt, um über das Sanierungskonzept für den Bundesligisten abzustimmen. Trotz ihrer geringen Zahl repräsentierten die Anwesenden rund 75 Prozent des Fondskapitals - auch dies ein klares Statement, dass sie die Zukunft des BVB ernst genommen und sich ihre Entscheidung nicht leicht gemacht haben.

Denn das Sanierungskonzept verlangt ihnen manches ab: Ende 2002 hatte der BVB sein Westfalenstadion zu 94 Prozent an die zur Commerzbank-Gruppe gehörende Fondsgesellschaft Molsiris verkauft - und anschließend für 17 Millionen Euro jährlich zurückgeleast. Diese Leasingraten drohten dem Verein am Ende das Genick zu brechen. Mit ihrem Votum für die Sanierung, haben die Fondsanleger beschlossen, die fälligen Leasingraten für 2005 und 2006 zu stunden.

Zudem gibt Molsiris Geld aus dem etwa 52 Millionen Euro schweren Bardepot frei, das der Club an den Fonds verpfändet hatte. Für 43 Millionen Euro will der BVB anschließend rund 43 Prozent des an die Fondsgesellschaft veräußerten Stadions zurückzukaufen. Für die restlichen Anteile soll der Vertrag planmäßig bis 2017 weiterlaufen. Mit den restlichen neun Millionen Euro aus diesem bislang gesperrten Depot will der BVB den laufenden Spielbetrieb sichern.

Die Anleger erhalten nun also zunächst weniger Geld zurück als im Falle einer Ablehnung des Sanierungsplans. Allerdings können sie über die kommenden Jahre auf ihre restlichen Einlagen hoffen - im Insolvenzfall hätten sie rund 40 Prozent ihres Kapitals verloren.

Herren über Leben und Tod

Herren über Leben und Tod

Angesichts dieser Zahlenspiele machten es die Anteilseigner spannend. Stundenlang diskutierten sie über das Konzept. Die Liste der Wortmeldungen war endlos, die Abstimmung verzögerte sich immer weiter. Es schien fast so, als wollten die Molsiris-Anleger ein letztes Mal ihrem Frust Luft machen, als wollten sie die Macht noch einmal auskosten, die ihnen quasi über Nacht zugefallen war: Die Entscheidung über Leben und Tod des angeschlagenen Bundesligisten.

Denn die übrigen Gläubiger des BVB hatten bereits im Februar das Sanierungskonzept abgesegnet. Sie verzichten bis zum Ende des Geschäftsjahres 2005/2006 auf Zahlungen für Altkredite und stellen weitere Finanzmittel zur Verfügung. Die letzte Entscheidung lag nun bei den Molsiris-Anlegern.

"So einen Tag möchte ich nicht noch einmal erleben. Es war das Schlimmste, was ich bisher durchgemacht habe", sagte BVB-Präsident Reinhard Rauball anschließend. Auch Jochen Rölfs, der das Sanierungsprogramm für den BVB ausgearbeitet und vor den Fondsanlegern vehement verteidigt hatte, zeigte sich erleichtert: "Der BVB steht nun wieder auf einer soliden Plattform. Uns fällt ein riesiger Stein vom Herzen."

Der noch amtierende BVB-Geschäftsführer Michael Meier war dem Spektakel ferngeblieben - wohl wissend, dass er als einer der umstrittensten Beteiligten des Dortmunder Finanzdebakels nicht viel zum Erfolg der Abstimmung hätte beitragen können. Offiziell hieß es, er bereite die Lizenzunterlagen für die Deutsche Fußball Liga vor, die spätestens bis Dienstagmittag in Frankfurt eintreffen müssen.

Jetzt beginnt das große Aufräumen

Nach der großen Zitterpartie beginnt in Dortmund nun das Aufräumen. Die deutliche Zustimmung der Molsiris-Eigner sehe er als "Verpflichtung, das Sanierungskonzept mit Leben zu füllen", betonte BVB-Geschäftsführer Watzke. Die Chancen für die Lizenzvergabe seien durch die abgewendete Insolvenz wieder gut: "Liquidität und Eigenkapital wären in ausreichendem Maße vorhanden", sagt er. "Nirgendwo steht geschrieben, dass einem Club wegen eines riesigen Schuldenbergs die Lizenz verweigert werden kann."

Und die Aussicht auf weitere Finanzspritzen hat sich offenbar gebessert. Noch auf dem Düsseldorfer Anlegertreffen gab Wirtschaftsprüfer Rölfs bekannt, dass ein Finanzier für den Ausbau des Westfalenstadions zum WM-Standort gefunden sei. Dieser sei bereit, sich mit zehn Millionen Euro zu engagieren.

Auch der Großaktionär Florian Homm, der mehr als 25 Prozent am BVB hält, und Sadettin Saran, dessen Anteil rund 5 Prozent beträgt, erwägen nun offenbar eine Erhöhung ihrer Beteiligungen. Für ein positives Zeichen sorgt ebenso das Engagement des Internet-Unternehmens GoYellow als neuer Sponsor für die kommenden zweieinhalb Jahre. Der Deal bringt dem BVB zwei Millionen Euro.

Derlei Nachrichten dürften den Molisris-Anlegern die Entscheidung erleichtert haben, den BVB nicht in die Insolvenz zu schicken. Im Vorfeld gab es nicht wenige Stimmen, die dem Verein keine Träne nachgeweint hätten: "Ob der BVB den Bach runtergeht, ist mir völlig egal. Mir geht's ums Geld", empörte sich ein Anleger.

Doch am Ende überwog wohl die Sicht der Fans, Dortmund sei "ohne den BVB nicht vorstellbar". Die schwarz-gelben Anhänger haben dem Club längst den klaren Auftrag erteilt, sich wieder auf sein Kerngeschäft zu konzentrieren: Den Fußball.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.