Finanzmisere BVB am Abgrund

Borussia Dortmund steht vor der Pleite. Die dramatische Finanzkrise gefährdet auch die Lizenz. Nur Finanzspritzen und ein Sanierungsprogramm können den Club noch retten. Großaktionär Florian Homm knüpft seine Hilfe an "schärfste Bedingungen". Ebenso wie der Finanzier Stephen Schechter, der nun doch mit dem Verein verhandeln will.

Dortmund - Die Fußball AG Borussia Dortmund ist trotz erster Sanierungsbemühungen in eine Existenz bedrohende Finanz- und Ertragskrise gerutscht. Angesichts anhaltender Verluste und eines stetig schrumpfenden Eigenkapitals droht dem Club jetzt die Pleite - und schlimmstenfalls der Lizenzentzug.

Nur wenn ein vorliegendes Sanierungskonzept umgesetzt werde, sei der BVB noch überlebensfähig, räumte Geschäftsführer Michael Meier am Donnerstag ein. Zuvor hatte der Bundesligaverein überraschend mitgeteilt, im zweiten Halbjahr 2004 erneut einen Verlust von rund 27,2 Millionen Euro eingefahren zu haben. Ohne eine umfassende Sanierung sei für Ende Juni 2005 ein Fehlbetrag von 68,8 Millionen Euro zu erwarten.

Auch für bereits fällige Verpflichtungen und notwendige Investitionen in Höhe von 29,7 Millionen Euro stünden bis zur Jahresmitte keine Mittel zur Verfügung. Unter Berücksichtigung aller Verluste habe der BVB inzwischen rund 79 Prozent des Kapitals aufgezehrt, das der Börsengang im Jahr 2000 in die Unternehmenskassen gespült habe - immerhin rund 180 Millionen Euro.

Damit steht der Verein nicht nur vor dem finanziellen Kollaps, er riskiert auch seine Lizenz für die kommende Saison. Bis zum 15. März muss der BVB seine Unterlagen bei der Deutschen Fußball Liga (DFL) einreichen - und eine ausreichende Liquidität nachweisen. Die Situation bei Borussia Dortmund sei "sehr beunruhigend", sagte DFL-Chef Werner Hackmann. "Aber wir hoffen und gehen auch nach jetzigem Stand davon aus, dass sich der BVB mit seinen Gläubigern einigt."

Retten soll den Club nun ein Sanierungsprogramm, das die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft RölfsPartner vorgelegt hat. Seine Gläubiger bittet der BVB um Stundung der fälligen Verbindlichkeiten. "Die Gläubiger sollen nicht verzichten, sondern den Zeitraum ausdehnen und dafür eine entsprechende Verzinsung erhalten", sagte Meier. "Einige haben ihre Zustimmung signalisiert, drei müssen wir noch überzeugen. Davon hängt alles ab."

Meier gab sich optimistisch: "Das Unternehmen Borussia Dortmund ist sanierungsfähig und sanierungswürdig." Zwar sei bis 2006 mit einem weiteren Jahresfehlbetrag von 17 Millionen Euro zu rechnen. "Nach 2006 sollten wir in der Lage sein, dauerhaft Gewinne zu erzielen. Wir müssen allerdings unglaublich diszipliniert das Sanierungskonzept umsetzen, wenn das Unternehmen nicht gefährdet werden soll", betonte Meier.

Großinvestoren stellen Bedingungen

Großinvestoren stellen Bedingungen

Überraschend hat der Londoner Finanzinvestor Stephen Schechter nun doch seinen Hilfe angeboten. Noch am Mittwoch hatte er alle Kontakte zu dem insolvenzbedrohten Club abgebrochen. Doch dem "Handelsblatt" sagte Schechter jetzt: "Wir können die Restrukturierung schaffen." Dafür müsse der BVB jedoch mehrere Bedingungen erfüllen. Neben einem Finanzdirektor, starken Managing Directors und mehr Transparenz müsse sich der Club von allem trennen, "was nach dem alten Regime von Ex-Präsident Gerd Niebaum" aussehe.

Mit diesem Angebot Schechters schöpft der Verein wieder Hoffnung, einen zumindest teilweisen Rückkauf des Westfalenstadions finanzieren zu können, der eine Entlastung von rund 50 Millionen Euro bringen soll und Teil des Sanierungsplans ist. Nach Schechters Rückzug am Mittwoch hatte diese Transaktion bereits als gescheitert gegolten.

Ähnliche wie Schechter stellt auch BVB-Großaktionär Florian Homm für weitere Finanzhilfen "härteste Bedingungen". In einem Interview mit manager-magazin.de erklärte Homm, er werde "bestimmt kein passives Geld in Dortmund mehr investieren." Für eine weitere Finanzspritze forderte er "mehr Möglichkeiten des Einflusses auf die operativen Geschäfte." Ohnehin gehe es ihm "nicht um Rettung, sondern um gute Rahmenbedingungen und gute Returns für mein Investment", so Homm.

BVB-Geschäftsführer Meier reagierte auf Homms Äußerungen verärgert. "Ich weiß nicht, wie die 'härtesten Bedingungen' des Herrn Homm aussehen"; so Meyer. "Ich habe am Morgen mit ihm über die Ad-Hoc-Mitteilung gesprochen."

Im Zuge der Finanzkrise war zuletzt der frühere Vereinspräsident Gerd Niebaum als Geschäftsführer zurückgetreten. Als Nachfolger wurde Schatzmeister Joachim Watzke berufen, der jetzt zusammen mit Meier die wirtschaftlichen Geschicke steuert.

Das Land Nordrhein-Westfalen erteilte der Hoffnung auf öffentliche Finanzhilfen unterdessen eine klare Absage. "Wir dürfen keine öffentlichen Gelder einsetzen, um die Millionen-Gehälter für Profis abzusichern", erklärte NRW-Sportminister Michael Vesper.

Hilfe könnte der BVB hingegen ausgerechnet von seinem Bundesliga-Erzrivalen Schalke 04 erhalten. Der Gelsenkirchener Club hat erneut seine Unterstützung angeboten. "Eine Hilfsaktion wäre sinnvoll. Wir würden einer solchen Geschichte sofort zustimmen", sagte Schalkes Finanzchef Schnusenberg. Der Anstoß müsse allerdings vom BVB selbst oder von der DFL kommen. Bereits in der Vergangenheit hatte Manager Rudi Assauer dem Konkurrenten wiederholt Hilfe angeboten, die der BVB aber stets abgelehnt hatte.

Doch selbst wenn eine Insolvenz auf diesem Weg abgewendet werden könnte, schwebt über dem BVB noch ein weiteres Damoklesschwert. Die Frankfurter Wertpapierbörse prüft derzeit, ob der Club bei seinem Börsengang 2000 möglicherweise gegen das Aktiengesetz verstoßen hat.

Zwangs-Delisting nicht ausgeschlossen

Zwangs-Delisting nicht ausgeschlossen

Denn erst vor wenigen Wochen war bekannt geworden, dass der BVB schon vor dem Börsengang seine Markenrechte an den Versicherungskonzern Gerling verpfändet hat. Im Emissionsprospekt war dieser Deal aber offenbar nicht erwähnt worden. Der auf Anlegerrechte spezialisierte Rechtsanwalt Andreas Tilp erklärte, falls die Marke BVB zum Emissionszeitpunkt tatsächlich bereits verpfändet oder verkauft worden war, dürfte der Börsenprospekt fehlerhaft gewesen sein. Sollte die Überprüfung diesen Verdacht erhärten, könnte dem Club in letzter Konsequenz sogar ein Zwangsausschluss von der Frankfurter Börse drohen.

Großaktionär Homm hat von der Marken-Verpfändung bei seinem Einstieg nach eigener Aussage nichts gewusst. "Zwar gab es Andeutungen in den Prospekten. Doch in die Details konnte ich nicht einschauen", so Homm. Im Rahmen des Sanierungprogeramms soll dieser Deal nun teilweise rückabgewickelt werden.

Um den Markennamen des Bundsligisten macht sich Homm allerdings ohnehin keine Gedanken. Notfalls wolle er den schwarz-gelben Traditionsklub einfach umbenennen. "Dann heißt der Verein künftig eben FC Dortmund", sagte Homm.

Angesichts des Ausmaßes der Finanzmisere geriet BVB-Aktie unter die Räder. Nachdem der Verein am Morgen die Insolvenzgefahr eingeräumt hatte stürzte das Papier zeitweise um bis zu 25 Prozent ab.

Nach Einschätzung von Börsianern hat der Fußballclub Borussia Dortmund seine prekäre Situation durch "undurchsichtige Finanzierungspraktiken" und das "Verprassen von Kapital" selbst verschuldet. Das Geld, das Borussia aus dem Börsengang eingenommen habe, sei leichtfertig und völlig überstürzt investiert worden, sagte ein Händler. Die Vereinsführung habe viel zu spät reagiert und die Situation immer wieder schön geredet. "Das Beispiel Borussia zeigt einmal mehr, dass sportliche Erfolge und Finanzgeschick nichts miteinander zu tun haben."

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