Telekom T-Aktionäre wittern Morgenluft

Ein Gutachten hat ein Drittel des Immobilienbestandes der Deutschen Telekom neu bewertet. Damit stehen die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft gegen die Bonner wegen möglicher Falschbewertung ihrer Immobilien vor dem Abschluss. Auch der Vergleich des Konzerns mit Klägern in den USA lässt die Anleger hoffen.

Hamburg/Bonn - Die Bonner Staatsanwaltschaft hat durch unabhängige Gutachter rund 10.000 Immobilien einzeln und damit gut ein Drittel des gesamten Immobilienbestandes der Deutschen Telekom neu bewerten lassen. Das erklärte Oberstaatsanwalt Friedrich Apostel am Montag auf Anfrage von manager-magazin.de. Die seit mehr als vier Jahren andauernden strafrechtlichen Ermittlungen der Staatsanwaltschaft wegen einer möglichen Falschbewertung des Immobilienbestandes und des Verdachts der Bilanzfälschung der Telekom dürften damit bald ihr Ende finden.

Über das Ergebnis des Gutachtens machte Apostel keine Angaben. Er ließ auch offen, ob die Staatsanwaltschaft nun Anklage gegen die Telekom oder ehemalige Vorstände des Konzerns erheben wird.

Klägeranwälte gehen davon aus, dass das Gutachten nicht zuletzt wegen der Vielzahl der untersuchten Immobilien einen entscheidenden Einfluss auch auf den vor dem Frankfurter Landgericht laufenden Zivilprozess gegen die Telekom haben wird. "10.000 einzeln bewertete Immobilien, das ist beachtlich. Wir hatten hier lediglich mit Stichproben gerechnet", sagte etwa Bernd Jochem von der Münchener Anwaltskanzlei Rotter, die zahlreiche Telekomkläger vertritt.

Vor dem Frankfurter Landgericht, hatte Ende November vergangenen Jahres der größte Anlegerprozess in der deutschen Justizgeschichte begonnen. 15.000 Kläger und T-Aktionäre hoffen im Zuge einer möglichen Anklage, Schadenersatz für ihre Kursverluste zu bekommen. Der gesamte Streitwert dürfte sich nach Schätzungen des Gerichts auf mindestens 100 Millionen Euro belaufen.

Gericht kritisierte bereits Immobilienbewertung

Der Vorsitzende Richter Meinrad Wösthoff hatte während der ersten Anhörung im November 2004 der Telekom Verfehlungen mit der von ihr gewählten Sammelbewertung ihrer Immobilien vorgeworfen. Gleichwohl wollte er seine Kritik explizit nicht als Vorentscheidung in diesem Verfahren verstanden wissen. Ein Gutachten sollte klären, ob die womöglich unerlaubte Bewertungsmethode auch tatsächlich zu falschen Ergebnissen bei der Bilanzierung und damit zu falschen Angaben in den Börsenprospekten geführt haben könnte. Dazu könnte jetzt auch das von der Staatsanwaltschaft in Auftrag gegebene Gutachten dienen. Die Verhandlung wurde auf den 21. Juni 2005 vertagt.

Rechtsexperten hatten in der Frankfurter Verhandlung seinerzeit die Vermutung geäußert, dass ein neues Gutachten zu dem Telekom-Immobilienbesitz bis zu 20 Millionen Euro kosten könnte. Den Aufwand dafür hätten nach Ansicht des Gerichtes die Telekomkläger zu tragen. Das jetzt vorgelegt Gutachten habe nach Aussagen von Oberstaatsanwalt Apostel indes nur einen "geringen Bruchteil" der einst kolportierten Summe gekostet.

US-Vergleich lässt deutsche Aktionäre hoffen

Der Oberstaatsanwalt sprach mit Blick auf das neue Gutachten indes von einem "neuen Ansatz", den die unabhängigen Gutachter gewählt hätten, "der aber gewährleistet, dass ein realistisches Bild von dem Wert der Telekom-Immobilien gezeichnet wird". Seiner Einschätzung nach seien, die Ermittlungen jetzt so weit abgeschlossen, dass "keine weiteren Erhebungen erforderlich sind".

Wie am Wochenende bekannt wurde, hat sich die Telekom in den USA einer drohenden Sammelklage durch einen Vergleich entzogen und bereit erklärt, dortigen Telekom-Aktionären 120 Millionen Dollar zu zahlen. "Der Vergleich hat auf unsere Entscheidung keinen Einfluss", sagte Oberstaatsanwalt Apostel.

Telekom: Vergleich kein Schuldeingeständnis

Die Telekom sieht in dem Vergleich indes kein Schuldeingeständnis, wie sie am Montag noch einmal wiederholte und versicherte, einen Vergleich mit Klägern in Deutschland werde es nicht geben. Es handele sich um unterschiedliche Verfahren in zwei unterschiedlichen Rechtssystemen. Hintergrund des Prozesses vor einem New Yorker Gericht waren angeblich falsche Angaben in einem Börsenprospekt bei der Übernahme der US-Mobilfunkfirma Voicestream im Juni 2000. Dabei ging es auch um die korrekte Bewertung des Telekom-Immobilienbesitzes.

Anwälte und Aktionärsschützer bewerten den Sachverhalt indes anders. Der Vergleich in den USA könnte ihrer Ansicht nach sehr wohl Auswirkungen auf das Zivilverfahren in Frankfurt haben. "Wir sehen den Vergleich positiv, auch wenn die Telekom versucht den Eindruck zu erwecken, das eine habe mit dem anderen nichts zu tun", sagte Aktionärsanwalt Jochem. Es sei nicht nachvollziehbar, dass die Telekom mit hiesigen Aktionären zu keinem Vergleich bereit sei, wobei es teilweise um dieselben Sachverhalte ginge. Andere Klägeranwälte forderten die Telekom am Montag auf, nun auch in Deutschland ein Vergleichsangebot vorzulegen.

Reinhild Keitel von der Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger merkte am Montag im Gespräch mit manager-magazin.de darüber hinaus kritisch an: "Wieso zahlt die Telekom Aktionären in den USA 120 Millionen Dollar im Zuge eines Vergleichs, wenn sie eigentlich keinen rechtlichen Grund dafür sieht?" Es seien inhaltlich durchaus identische Sachverhalte, die die Anleger diesseits und jenseits des Atlantiks der Telekom vorwerfen, so Keitel.

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