Lanxess Dax-Wert für einen Tag

Der Börsengang des Chemiekonzerns Lanxess sorgt für Aufsehen an der Frankfurter Börse. Zum ersten Mal in seiner Geschichte umfasst der Dax - vorübergehend - 31 Werte. Doch jenseits dieses Kuriosums regiert bei den Lanxess-Aktionären die Skepsis, denn Bayer entlässt sein Spin-Off mit reichlich Altlasten in die Eigenständigkeit.

Frankfurt - Mit ihrer Erstnotiz an der Frankfurter Börse feiert die Bayer-Abspaltung Lanxess  gleich eine zweifache Premiere. Der Chemiekonzern sorgt nicht nur als erster Börsengang des Jahres 2005 für Schlagzeilen, sondern auch als 31. Wert im Dax  - zumindest für einen Tag.

"Das hat es bislang noch nicht gegeben", bestätigte eine Sprecherin der Deutschen Börse. "Die Notierung der Lanxess-Aktie im Dax ist allerdings eine rein technische Maßnahme." Der Hintergrund: Mutterkonzern Bayer  hat die neue Gesellschaft, in der er seine Chemiesparte und Teile seines Polymergeschäfts bündelt, nicht im Zuge eines klassischen IPO an die Börse gebracht, sondern als so genanntes Spin-Off. Statt die neuen Aktien frei zu verkaufen, ließ der Konzern den Bayer-Aktionären für je zehn Bayer-Anteile zusätzlich eine Lanxess-Aktie ins Depot buchen. Frisches Kapital nahm der Mutterkonzern damit nicht ein.

Für den Dax wirkt sich die Ausgabe der neuen Aktien ähnlich wie eine Dividendenzahlung aus. "Der Unterscheid ist, dass wir den Index nicht sofort bereinigen können, weil es für die Lanxess-Aktie noch keinen Schlusskurs gibt", so die Börsensprecherin. Wenn der am Montagabend vorliegt, dient er als Grundlage für die Anpassung des Bayer-Gewichts im deutschen Leitindex. Die Lanxess-Aktie wird dann aus dem Dax herausgerechnet.

Lanxess-Aktien unterliegen Spekulationsfrist

Neben dem Eingang in die Geschichtsbücher als kurzfristiger Dax-Wert Nummer 31 erzeugt dieses Verfahren für die Lanxess-Aktie allerdings vor allem einen erhöhten Verkaufsdruck. Denn Indexfonds, die streng die Zusammensetzung des Dax abbilden, müssen die Aktie schon nach einem Tag wieder abstoßen.

Obwohl die neuen Lanxess-Aktien der Spekulationsfrist unterliegen, machten aber offenbar auch zahlreiche Bayer-Aktionäre nach der Lanxess-Emission Kasse: Am Morgen waren die Lanxess-Anteile mit 15,75 Euro erstmals notiert worden. Im Handelsverlauf fielen sie zeitweise unter 14 Euro.

Die Kurschancen des Bayer-Spin-Offs sind ohnehin umstritten. Optimistische Analysten sehen den fairen Wert der Aktie bei 21 Euro, Pessimisten bei weniger als der Hälfte. Bei vielen Börsianern gilt der Chemiekonzern als "reine Restrukturierungsstory".

Denn der neue Chemiekonzern startet mit reichlich Altlasten in die Eigenständigkeit. Der Schuldenberg summiert sich inklusive Pensionsverpflichtungen auf rund 1,5 Milliarden Euro. In den vergangenen neun Monaten fuhr Lanxess rechnerisch einen Verlust von rund 8 Millionen Euro ein. Ohne straffes Kostenmanagement und scharfe Schnitte bei einzelnen Geschäftsbereichen, so warnen Beobachter, werde sich die angestrebte Konzentration auf rentable Geschäftsfelder und damit die Vision eines gelungenen Börsen-Debüts kaum erfüllen.

Steigerung der Profitabilität notwendig

Steigerung der Profitabilität notwendig

Die Steigerung der Profitabilität ist nach Einschätzung von Experten das vorrangige Ziel bei Lanxess. Die Liste der kränkelnden Geschäftsfelder ist im Vergleich zu Wettbewerbern lang. Etwa ein Drittel des Geschäftsvolumens gilt wegen zu geringer Margen als problematisch. Überkapazitäten und starker Wettbewerbsdruck machen vor allem den Bereichen Fasern, Feinchemie und Kautschukchemikalien zu schaffen.

"Es ist ein harter Weg für das Management durch Portfoliooptimierung und Kostensenkungen ein solides Fundament zu schaffen", sagt Chemieexpertin Silke Stegemann von der Landesbank Rheinland-Pfalz (LRP). Das Unternehmen stehe "in der Zange einer hohen Rohstoffabhängigkeit und einer geringen Wertschöpfung". Ein Großteil des Lanxess-Geschäfts schwankt zudem stark mit dem Auf- und Ab des globalen Konjunkturverlaufs. Derzeit sei das Unternehmen im europäischen Vergleich in Punkto Ertragskraft das Schlusslicht.

Auch für Chemieanalyst Sven Dopke von M.M. Warburg steht der Schwerpunkt für das Management bereits fest: "Der strategische Fokus liegt eindeutig auf Kostensenkung und Profitabilitätssteigerung." Lanxess selbst will die Marge beim Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (Ebitda) von unter 5 Prozent 2003 auf rund 7 Prozent 2004 und auf 9 bis 10 Prozent 2006 steigern. LRP-Expertin Stegemann hält die Ziele für "ambitioniert, aber erreichbar". Die bisher eingeleiteten ersten Restrukturierungsschritte seien aber "sehr zaghaft".

"Schlechte Geschäfte eher wegschneiden"

Scheitert eine schnelle Sanierung der kränkelnden Sparten, will Lanxess Vorstandschef Axel Heitmann Partner suchen. Schlägt dies fehl, will er "die schlechten Geschäfte eher wegschneiden". Ein zögerliches Vorgehen würde der Aktienmarkt dabei kaum goutieren. Firmenkäufe zur Optimierung des Portfolios stehen unterdessen vorerst nicht auf dem Programm. Die Finanzdecke ist dafür nach Einschätzung der Experten zu dünn.

Um die angestrebte Marge zu erreichen, stünden "derzeit alle Geschäftsprozesse auf dem Prüfstand", bestätigt Lanxess-Vorstandschef Axel Heitmann. Das Unternehmen sei auch bereit, auf Marktanteile zu verzichten, "wenn wir dadurch die Ertragslage verbessern können. Für uns steht Profitabilität im Vordergrund, nicht Marktanteile". Dazu gehörten auch unpopuläre Maßnahmen, betont der Vorstandsvorsitzende.

Ohne Zielkonflikte, ohne große Anstrengungen sei der Erfolg von Lanxess nicht zu haben, so Heitmann. Die beschlossenen beziehungsweise durchgeführten Betriebsschließungen an den Standorten Goch und Marl und die Verlagerung einer Produktionsanlage von den USA nach China seien "erst der Anfang". Das Unternhemen werde auch in Zukunft "ähnlich mutige Schritte" gehen.