US-Listing Einmal Wall Street, immer Wall Street?

Das Abenteuer Wall Street hat sich für viele deutsche Unternehmen nicht gerechnet. Die erhofften Effekte blieben aus. Kosten und bürokratischer Aufwand steigen dagegen weiter an. Ein Rückzug ist nahezu unmöglich. Die US-Börsenaufsicht macht jetzt gut Wetter.

Hamburg - Zu geringe Handelsvolumina, zu viel Bürokratie, zu hohe Kosten - deutsche Unternehmen beklagen seit langem, dass sich ein Listing für sie an der New Yorker Börse nicht rechnet. Roland Berger, Gründer und Aufsichtsratschef der gleichnamigen Unternehmensberatung, hat das Wall-Street-Abenteuer deutscher Unternehmen kürzlich unverblümt als "Flop" bezeichnet.

Derlei Töne sind von Vorständen der 17 an der New York Stock Exchange  gelisteten deutschen Unternehmen nicht zu vernehmen. Doch hinter den Kulissen verhandeln sie längst mit der New York Stock Exchange (Nyse) und der US-Börsenaufsicht (SEC) über Erleichterungen in punkto Berichtspflicht, Kosten und Börsenrückzug (Delisting).

Auf den wachsenden Unmut der nicht nur deutschen Unternehmen scheinen die Nyse und die SEC jetzt zu reagieren. So hat SEC-Chef William Donaldson in dieser Woche einmal in London und zuletzt während des Wirtschaftsforums in Davos signalisiert, dass die US-Börsenaufsicht die Regeln für ausländische Unternehmen zu erleichtern gedenke, um sie an der Wall Street zu halten. Aber auch ihr Rückzug von der weltgrößten Börse, der bislang praktisch nahezu unmöglich ist, könnte erleichtert werden.

Großer bürokratischer Aufwand und hohe Kosten

Vor allem die scharfen Vorschriften des Sarbanes-Oxley Act sind den deutschen Vorständen ein Dorn im Auge. Mit dem vor gut zwei Jahren verabschiedeten Gesetz hatten die US-Behörden nach den Bilanzskandalen um Worldcom und Enron das Vertrauen der Anleger in den amerikanischen Kapitalmarkt wiederherstellen wollen.

Das Gesetz hat aber nicht nur den Kontroll- und Berichtsaufwand für an der Wall Street notierte Unternehmen vervielfacht, es kostet sie auch eine Menge Geld. Einzelne deutsche Konzerne bezifferten die jährlichen Kosten für den erhöhten Prüfaufwand sowie die Absicherung möglicher Risiken auf einen zweistelligen Millionenbetrag und geißelten die Vorschriften als "bürokratisches Monster". Zudem haftet der Vorstand eines Unternehmens künftig mit seiner Unterschrift persönlich für die Angaben im Geschäftsbericht. Bei vorsätzlich falschen Angaben drohen ihm bis zu 20 Jahre Haft.

"Wie eine italienische Hochzeit"

"Notierung ist wie eine italienische Hochzeit"

Da verwundert es nicht, dass die Diskussion um einen Rückzug von der Wall Street erneut aufgeflammt ist. Denn aus Sicht der Unternehmen gibt es bis zum gegenwärtigen Zeitpunkt kaum eine Chance, sich den erhöhten Pflichten und Kosten zu entziehen.

So erklärte etwa Vorstandschef Robert Koehler von der SGL Carbon  Ende vergangenen Jahres, der weltweit größte Graphithersteller würde seine Notierung an der Nyse sofort einstellen, wenn dies so ohne weiteres möglich wäre.

Doch das ist es nicht. "Die Notierung in New York ist wie eine italienische Hochzeit. Man kann nicht wieder zurück", hatte einmal Eon-Chef Wulf Bernotat erklärt. Deshalb warnte er alle Unternehmen, die ein Listing an der New Yorker Börse anstrebten, zuvor sehr sorgfältig Kosten und Nutzen abzuwägen.

Wall-Street-Rückzug nahezu unmöglich

Als größtes Hindernis erweist sich beim angestrebten Delisting, dass die Unternehmen selbst nach einem Rückzug von der Börse den teuren Veröffentlichungspflichten der SEC unterliegen. Das ist bereits der Fall, wenn ein deutsches Unternehmen mehr als 300 Aktionäre in den Vereinigten Staaten zählt.

Doch kaum ein Unternehmen kennt all seine Aktionäre und schon gar nicht ein großer Konzern. Deshalb ist ein Rückzug für die meisten deutschen Unternehmen vom US-Finanzmarkt - wenn sie ihn denn wollen - nahezu unmöglich.

Bislang ist das erst dem angeschlagenen Internetunternehmen Intershop  und dem Technologieunternehmen Lion Bioscience  gelungen. Beide Firmen hatten sich im vergangenen Jahr von der US-Technologiebörse Nasdaq verabschiedet.

Lion Bioscience hatte seinen Rückzug mit den hohen Kosten für das Listing begründet, die nach eigenen Angaben seinerzeit rund 7,5 Prozent der Gesamtkosten ausgemacht hätten. Derzeit ist als einziges deutsches Unternehmen noch GPC Biotech  an der Nasdaq notiert.

Was für die US-Notierung spricht

Was für die US-Notierung spricht

Experten schätzen, dass etwa 200 ausländische Unternehmen die Wall Street verlassen wollen. Siemens , Altana  und andere deutsche Konzerne, die an der Nyse notiert sind, haben sich in den vergangenen Monaten trotz der damit verbundenen finanziellen Lasten für eine Beibehaltung ihrer Notierung ausgesprochen.

Wer sich mit seinen Konkurrenten messen wolle, müsse auch auf denselben Kapitalmärkten wie diese vertreten sein, hatte etwa der ehemalige Siemens-Vorstandschef von Pierer gegenüber der "Börsen-Zeitung" erklärt.

Anderen Unternehmen erscheint die Notierung deshalb nach wie vor als sinnvoll, weil sie auf diesem Weg Aktien als Akquisitionswährung bei Zukäufen einsetzen könnten. Und trotz neuer Bilanzvorschriften und strengerer Vergaberegeln sehen manche Konzerne einen Vorteil immer noch darin, dass sie amerikanischen Mitarbeitern Aktienoptionen als Gehaltsbestandteil andienen können.

Darüber hinaus verbinden manche Unternehmen mit ihrer Notierung an der US-Börse einen Imagegewinn beziehungsweise die Chance, sich im Gedächtnis der US-Verbraucher besser zu verankern, was insbesondere für Konsumgüterhersteller von Bedeutung sein könnte.

Enttäuschte Hoffnungen der Deutschen

Die Hoffnung allerdings, dass sich mit dem Listing an der Nyse oder der Nasdaq deutlich mehr US-Anleger für die Papiere deutscher Unternehmen interessieren würden, hat sich in der Vergangenheit zumeist nicht erfüllt. Auch sind die Umsätze mit deutschen Titeln an der Nyse im Vergleich zum heimischen Markt nach wie vor gering. SAP mag da noch eine Ausnahme sein.

Doch auch jene Untenehmen, die weiter an einer Notierung in New York festhalten wollen, sind sich nach Beobachtung von Kennern darin einig, dass die verschärfte Berichtspflicht im Zuge des Sarbanes-Oxley Act auf ein zumutbares Maß zurechtgestutzt werden sollte. Zwar hat SEC-Chef William Donaldson ein gewisses Entgegenkommen signalisiert. Beschlossen ist aber noch nichts.

Offen ist etwa die nicht ganz unwichtige Frage, ob die signalisierte "Entbürokratisierung" die laufenden Kosten der Unternehmen für ein Listing tatsächlich senken wird. An den mit dem Gesetz erhöhten Transparenz-Ansprüchen werden Nyse und SEC indes wohl kaum Abstriche machen, nicht zuletzt mit Rücksichtnahme auf die heimischen US-Unternehmen.