Worldcom-Skandal Milliarden-Pleitiers vor Gericht

Es ist der Auftakt zu einer neuen Serie spektakulärer Wirtschaftsverfahren: In New York beginnt heute der Betrugsprozess gegen Bernie Ebbers, den Gründer des Telekomkonzerns Worldcom. Ihm wird Bilanzfälschung im beispiellosen Ausmaß vorgeworfen. Wichtigster Kronzeuge: der früher beste Freund des Skandalmanagers.

New York - Es waren einmal zwei Männer, die waren beste Freunde. Sie arbeiteten zusammen, sie brachten ihr Geschäft gemeinsam nach ganz oben, sie machten gemeinsam sehr, sehr viel Geld. Sie konnten, wie man in den USA sagt, "die Sätze des anderen beenden" und betörten als eingespieltes Duo die Wall Street. Einmal, so ist zu hören, landeten sie nach einer Sitzung mit ihren Bankern sogar in einer Western-Bar und tanzten gemeinsam zur Country Music.

Lange ist's her. Seit zwei Jahren haben die beiden nicht mehr miteinander gesprochen. Jetzt treffen sie sich in New York wieder, vor Gericht. Der eine ist der Angeklagte. Der andere der Kronzeuge, dessen Aussage das Leben des früheren Freundes zerstören könnte.

So dramatisch beginnt heute, nach einem langen Feiertags-Wochenende, vor einem Bundesgericht in Manhattan der Prozess gegen Bernard Ebbers, den Gründer und langjährigen CEO des Telekommunikationskonzerns Worldcom (heute MCI ). Ebbers, 63, ist unter anderem wegen Bilanzbetrugs, Verschwörung und Hintergehung der Börsenaufsicht SEC angeklagt. Ihm drohen bis zu 85 Jahre Haft.

Den Stars geht's an den Kragen

Es geht um mehr als Bilanzen, Bücher und den mit rund elf Milliarden Dollar größten Firmenbetrug der US-Geschichte. Der Hauptbelastungszeuge in dem Verfahren ist Ebbers' einst engster Geschäftspartner und Freund Scott Sullivan, 43, seinerzeit Worldcom-Finanzchef. Er soll der Anklage helfen, ein Exempel zu statuieren zum Auftakt dieser neuen, bisher größten Welle hochkarätiger Wirtschaftsverfahren in den USA. Die Herren von Enron, die später dran sind, mögen aufhorchen: Alte Freund- und Seilschaften zählen vor Gericht nur wenig.

Die Strategie, frühere Business-Buddys gegeneinander auszuspielen, hat sich schon in anderen Fällen als durchschlagender Erfolg erwiesen: Voriges Jahr schleppten die Ankläger so mehr US-Manager vor Gericht denn je. "Ein historischer Rekord", sagt Börsenjurist Alan Broomberg. Und doch erst der Anfang: Die jetzt vom Supreme Court höchstrichterlich gelockerten Strafvorgaben dürften die Freude am gegenseitigen Verpetzen noch zusätzlich fördern. "2004", orakelt das "Wall Street Journal", "war nur zum Aufwärmen."

Prozesslawine an der Wall Street

Prozesslawine an der Wall Street

Laut Gerichtskalender wird 2005 ein unrühmliches Rekordjahr für die Wall Street: Nicht nur den einstigen Worldcom-Stars wird der Prozess gemacht, sondern auch zahllosen anderen, darunter wohl endlich auch Ken Lay und Jeffrey Skilling, den einstigen Enron-Bossen, mit deren Prozess im Frühjahr zu rechnen ist.

Andere müssen zum zweiten Mal auf die Anklagebank: der gestürzte Investment-Guru Frank Quattrone, Adelphia-Erbe Michael Rigas und Tycos Dennis Kozlowski, der ebenfalls ab heute nur ein paar Türen weiter zur zweiten Runde vor einem New Yorker Bezirksgericht erscheinen muss.

Worldcom ist da kein schlechter Aufwärmer. Lange galt Bernie Ebbers' rasante Karriere als klassische Tellerwäscher-Erfolgsstory. Geboren in Kanada, wuchs der Sohn eines Tankstellenbesitzers in ärmlichsten Verhältnissen auf. Er flog von zwei Colleges, schlug sich als Milchmann und Türsteher durch, wurde Baseball-Trainer an einer High School. Mit geliehenem Geld kaufte er sich ein paar Motels in Mississippi. 1983 gründete er in einem Coffee Shop ein winziges Telekomunternehmen zum Weiterverkauf von Ferngesprächen.

Aus dem winzigen Unternehmen wurde der globale Gigant Worldcom. Und durch zahllose Übernahmen, vor allem durch die Milliardenfusion mit MCI 1998, schließlich der zweitgrößte Long-Distance-Anbieter der USA nach AT&T . Ebbers stapfte in Cowboy-Boots über die Firmenflure, Analysten und Investoren waren gleichermaßen begeistert.

Sein CFO Sullivan stieß vom Rivalen Advanced Telecommunications hinzu, den Worldcom 1992 geschluckt hatte. Mit Hilfe des Zahlengenies an seiner Seite führte Ebbers seine aggressive Übernahmestrategie fort und entledigte sich so fast aller Konkurrenten. Worldcom wuchs zu einem "Rückgrat" ("Edmonton Journal") der Internetrevolution.

"Meine Ranch, mein Hockey-Team, meine Yacht"

"Meine Ranch, mein Hockey-Team, meine Yacht"

Doch wie so vieles im Tech-Boom Ende der 90er Jahre war auch der Erfolg von Worldcom nur ein gigantischer Spiegeltrick. Mit immer verwegeneren und letztendlich, wie ein Gericht kürzlich in separaten Urteilssprüchen gegen zehn ehemalige Worldcom-Direktoren befand, betrügerischen Buchhaltungstricks schönte der Konzern seine Bilanzen, um die Erwartungen der Wall-Street-Analysten erfüllen zu können und den Kurs vor dem Absturz zu bewahren.

Von September 2000 bis Juni 2002, so die 31-seitige Anklageschrift, hätten Ebbers und Sullivan die Börse und die Worldcom-Aktionäre über "die wahre Ertragslage und finanziellen Resultate" des Unternehmens belogen und diese Lüge durch getürkte Bücher und Bilanzen gedeckt - sowie allein 2001/2002 durch interne, betrügerische "Geldverschiebungen" von mindestens 3,8 Milliarden Dollar.

"Wir sind mit unserem in der Branche führenden Umsatzwachstum zufrieden", sagte Ebbers zum Beispiel in einer Konferenzschaltung mit Analysten im Oktober 2000. Eine Aussage, "von der er wusste, dass sie falsch war", heißt es in der Anklage dazu.

Die beiden Chefs selbst lebten dabei nicht schlecht. Ebbers ließ sich von Worldcom persönliche Darlehen von 400 Millionen Dollar bewilligen, ein interner Unternehmensreport spricht sogar von über einer Milliarde Dollar. Er kaufte sich eine Ranch, ein Hockey-Team und eine Yacht, zog zugleich aber als Laienprediger durch die Provinzkirchen Mississippis, wo er seine "Hingabe an Jesus Christus" beschwor.

Kleiner Mann gegen Milchmann

Sullivan verdiente durch den Verkauf von Aktien 45 Millionen Dollar und baute sich in Boca Raton in Florida ein monströses Anwesen in pseudo-mediterranem Stil, das 15 Millionen Dollar kostete, inklusive 18-sitzigem Privatkino, Kunstgalerie und Weinkeller. Das war nicht mehr im Tech-Boom der 90er - das war schon weit danach.

Ebbers wurde wegen der suspekten Darlehen im April 2002 aus dem Amt gejagt. Im Juni 2002 räumte Worldcom Bilanzprobleme ein, der Aktienkurs stürzte um 90 Prozent, insgesamt verloren die Aktionäre am Ende fast 200 Milliarden Dollar. Sullivan wurde vom Aufsichtsrat gefeuert. Einen Monat später meldete das Unternehmen Konkurs an, formierte sich schließlich als MCI mühsam neu und zahlte derweil freiwillig 750 Millionen Dollar Strafe an die Börsenaufsicht.

Die Altersvorsorge verzockt

"Kleine-Mann-Komplex"

Wer wusste was? Ebbers beteuert seine Unschuld und sagt, er sei ahnungslos gewesen über die Machenschaften in seinem Hause.

Sullivan hat sich nach langem Hin und Her voriges Jahr schuldig bekannt und einen Deal mit der Staatsanwaltschaft geschlossen, wonach er im Gegenzug für belastende Informationen gegen Ebbers Strafmilderung bekommt. "Ich bedauere meine Handlungen zutiefst und entschuldige mich für den Schaden, den sie angerichtet haben", gab er zu Protokoll.

Und so sind aus den alten Freunden plötzlich Erzfeinde geworden. Man habe sich ja nie so richtig gemocht, heißt es auf einmal. Sullivan habe Ebbers aus dem Rampenlicht stoßen wollen und sowieso wegen seiner geringen Körpergröße einen "Kleine-Mann-Komplex" gehabt. Ebbers, kolportieren andere, sei ein Emporkömmling gewesen, ein Dumpfbeutel, den Sullivan gerne "Milchmann" genannt habe.

Die Altersvorsorge verzockt

Im Zeugenstand dürfte es zum Showdown kommen. Die Staatsanwaltschaft will mit Sullivans Aussage beweisen, dass Ebbers über alles eingeweiht war. Die Verteidigung will Sullivan als einen unglaubwürdigen Zeugen abstempeln, der sich Strafmilderung erkaufen will. Sechs Wochen soll das Spektakel dauern.

Und im Zuschauersaal werden die eigentlichen Opfer der ganzen Affäre sitzen: Aktionäre und Angestellte wie Stephen Teel, dessen Aktienbestand, als Altersvorsorge gedacht, durch den Worldcom-Konkurs von einer Million Dollar auf 500 Dollar schmolz. Oder Worldcom-Investor Sam Owens, der 70.000 Dollar verloren hat. Owens ist so wütend, dass er am liebsten mehr hätte als nur eine Wiedergutmachung des Schadens: "Ich möchte Ebbers auf dem elektrischen Stuhl sehen."

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.