Thilenius-Kolumne Google und die Weihnachtsgans

Google-Aktionäre sollten jetzt an Weihnachten denken. Die Gründer der Internetsuchmaschine tun es bereits. Sie versilbern Stück für Stück ihre Anteile. Der Privatinvestor sollte ihnen folgen. Denn die derzeitige Bewertung ist allzu himmlisch.

Weihnachten kommt immer so plötzlich, vor allem dann, wenn man noch keine Geschenke eingekauft hat und es aber trotzdem schon nach Gänsebraten riecht. Bis dahin müssen wir irdischen Wesen noch kräftig schuften und schwitzen, so daß jeder Gedanke an einen Weihnachtsbraten für die kommenden vier Wochen eine schöne Vision bleibt.

Andere, die nicht in den täglichen Niederungen denken müssen, können sich schon eine etwas kräftigere Weihnachtsgans vorstellen. Dazu gehören einige Führungskräfte der Internetsuchmaschine Google. Google  ging im August dieses Jahres zu einem Preis von 85 Dollar an die Börse. Derzeit steht die Aktie bei 170 Dollar, hat sich also in 3 Monaten verdoppelt. Dies erinnert nicht nur flüchtige Beobachter an die große Hausse der Internetwerte des Jahres 1999 und 2000. Die Emission im August brachte einen Erlös von 1,9 Milliarden Dollar.

Da Weihnachten nun näher rückt und Geschenke zu kaufen sind, läuft auch die Haltefrist für die Altaktionäre aus. Die Gründer und der Vorstandsvorsitzende wollen sich nun, nach Auslaufen der Haltefrist, im Lauf der nächsten eineinhalb Jahre von Aktien im Wert von rund 2,7 Milliarden Dollar trennen. Die Verkäufe der Insider übertreffen damit das Volumen des Börsengangs.

Wer zu den Mutigen gehörte, die bei der Neuemission Aktien gekauft haben, kann sich jetzt freuen. Andererseits muss er sich aber auch angesichts des näher rückenden Weihnachtsfestes und der Notwendigkeit des Geschenkekaufs fragen, ob es nicht Zeit wäre, Google-Aktien in die ein oder andere Gans zu verwandeln. Denn dies wäre nicht die erste Neuemission deren Kurs stark ansteigt, bevor die Unternehmensgründer sehr viele Aktien verkaufen werden.

Bei der Größe und Bedeutung von Google besteht wohl kein Verdacht darauf, daß interessierte Kreise den Aktienkurs nach oben treiben, um danach für das Doppelte aussteigen zu können. Google wäre aber auch nicht die erste Neuemission, deren Preis nach dem Ausstieg der Gründer sehr stark zurückgeht.

Ausschlaggebend für diese Überlegungen ist der Gewinn pro Aktie. Für das Jahr 2005 wird ein Gewinn pro Aktie von 2,84 Dollar angenommen. Das Kursgewinnverhältnis für 2005 liegt auf dieser Basis bei 63. Kein Geschäft hat eine derart hohe Bewertung gehalten. Nach den allgemeinen Maßstäben anderer Wachstumswerte dürfte eine angemessene Bewertung auch für ein sehr gutes Unternehmen wie Google nicht höher als bei 30 liegen. Ein Preis in der Nähe des Emissionspreises von 85 Dollar ist auf dieser Basis angemessen.

Trotz aller guten Nachrichten sollte der Investor die Gelegenheit zum Ausstieg nutzen, bevor es viele andere tun und sich üppigen Weihnachtseinkäufen zuwenden. Wer sich für die Aktie interessiert, ist gut beraten, auf diesem Niveau nicht zu kaufen, sondern auf einen deutlichen Kursrückgang zu warten, der sich nach früheren Erfahrungen im Laufe der Verkäufe der Unternehmensinsider einstellen dürfte.