Euro-Höhenflug EZB soll eingreifen

Mit dem fortgesetzten Euro-Höhenflug fordern immer mehr Experten eine Intervention der Europäischen Zentralbank - sei es nun über Dollar-Käufe oder eine Zinssenkung. Fundamental sei der hohe Kurs der Gemeinschaftswährung jedenfalls nicht gerechtfertigt, heißt es.

London/Frankfurt - Der Euro hat am Donnerstag den dritten Tag in Folge ein Rekordhoch zum Dollar markiert. Die Überzeugung vieler Anleger, die US-Regierung habe ein Interesse an einem schwachen Dollar, drückte den Wert des Greenback auch im Vergleich zu anderen wichtigen Währungen auf historische Tiefstände.

Die europäische Gemeinschaftswährung notierte in der Spitze bei 1,3237 Dollar und lag am Nachmittag noch bei 1,3222 Dollar. Der Dollar gab zum Yen auf 102,73 Yen nach und hat damit seit Anfang September mehr als acht Prozent auf die japanische Währung verloren. Zum Schweizer Franken ging er auf den tiefsten Stand seit neun Jahren zurück und notierte am Nachmittag bei 1,1434 Dollar.

Neue Phase im Dollar-Verfall erreicht

"Wir haben eine neue Phase im Dollar-Verfall erreicht. Der ist jetzt zum Instrument geworden, das Politiker nutzen", sagte Jim McCormick, Leiter der Devisenanalyse bei Lehman Brothers in London. Trotz wiederholter Bekenntnisse der US-Regierung zu einer "Politik des starken Dollar" glaubt eine wachsende Zahl von Experten eher an eine Präferenz der US-Politik für eine schwache Währung. Diese erleichtert den Export und kurbelt damit die Wirtschaft an. In der vergangenen Woche hatte US-Notenbankchef Alan Greenspan gesagt, das hohe US-Leistungsbilanz werde irgendwann die Nachfrage nach US-Wertpapieren dämpfen. Der Dollar reagierte darauf mit weiteren Kursverlusten.

Experten über mögliche EZB-Intervention uneins

"Der Markt ist in Bewegung und wir müssen darüber nachdenken, was das stoppen kann und wann", sagte Hans-Günter Redeker, Chefdevisenstratege bei BNP Paribas in London. Dazu fordern einige Experten angesichts der konjunkturschädlichen Wirkung des hohen Euro auch auf die deutsche Wirtschaft ein Eingreifen der Europäischen Zentralbank (EZB).

So sagte der Chefvolkswirt des Ifo-Instituts, Gernot Nerb, in einem Reuters-Interview: "Die EZB sollte dem Markt zur Kenntnis geben, dass man das nicht so hinnimmt." Die derzeitigen Euro-Kurse seien fundamental nicht gerechtfertigt. Die EZB müsste daher zunächst verbal und - falls sich nichts ändere - auch mit einer Intervention am Devisenmarkt reagieren.

Der scheidende Konjunkturexperte des DIW, Gustav Adolf Horn, sagte, die EZB sollte auf den hohen Euro-Kurs mit einer Zinssenkung in Höhe von 25 bis 50 Basispunkten reagieren, "sobald der Eindruck entsteht, dass das Allzeithoch nicht kurzzeitig ist, sondern Bestand hat."

Peter Bofinger, Mitglied des Sachverständigenrates (SVR), erklärte, er sehe in einem Euro-Kurs von 1,30 US-Dollar einen für die EZB "guten Interventionspunkt" am Devisenmarkt. Bofinger zeigte sich zudem überzeugt, dass die EZB am Devisenmarkt "alleine erfolgreich intervenieren" könne. Auch der Chef des Münchener Ifo-Instituts, Hans-Werner Sinn, hält die Zeit für Dollar-Käufe durch die EZB gekommen. Damit könnte die Notenbank den Höhenflug des Euro bremsen, sagte Sinn im Nachrichtensender n-tv.

Am Vortag hatte sich der neue Chef des Kieler Instituts für Weltwirtschaft (IfW), Dennis Snower, noch gegen einseitige Interventionen am Devisenmarkt ausgesprochen. Er glaube nicht, dass Interventionen gegen die Dollarschwäche erfolgreich sein werden.

Ahsraf Laidi, Chef-Devisenanalyst bei MG Financial in London, rechnet erst beim Erreichen der Marke von 1,35 Dollar mit Maßnahmen der EZB. "Angesichts der technischen Wichtigkeit dieses Niveaus und seinen Auswirkungen auf das Wachstum rechnen wir mit aggressiveren Maßnahmen der EZB, die möglicherweise auch verdeckte Euro-Verkäufe über deutsche und französischen Geschäftsbanken umfassen könnten", schrieb Laidi in einem Marktkommentar.

Eine Reihe von Investmentbanken, unter anderem JP Morgan, erhöhten unterdessen ihre Prognosen für den Euro auf eben diese 1,35 Dollar. Am späten Nachmittag könnte sich EZB-Chefvolkswirt Otmar Issing anlässlich einer Veranstaltung in Berlin zu der Euro-Entwicklung äußern.

Ohne Auswirkung an den Devisenmärkten blieb der schwache Ifo-Geschäftsklimaindex für November, der überraschend stark auf den tiefsten Stand seit einem Jahr fiel. Eine Schwächung des Euro gehe von den Daten derzeit aber nicht aus, weil der Trend einfach zu stark gegen den Dollar gehe, sagten Börsianer.